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Profil / Archiv | Beitrag vom 03.07.2009

Pinsel, Rasierschaum, singfreudige Herren

Der Barbershop-Chor "Herrenbesuch aus München"

Von Carolin Pirich

Noten gibt es beim "Herrenbesuch" nicht. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Noten gibt es beim "Herrenbesuch" nicht. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Barbershop-Musik entstand um 1900 in den USA: Um die Wartezeit beim Barbier zu verkürzen, vertrieben sich die Herren die Zeit mit gemeinsamem Singen. Heute gibt es sie auch in Deutschland, zum Beispiel den Barbershop-Chor "Herrenbesuch aus München".

Das ehemalige Gelände eines Chipherstellers in München. In einem der verlassenen Gebäude probt hier Montagabends der Barbershop-Chor Herrenbesuch.

Die Tür ist verschlossen. Die Probe beginnt erst in einer halben Stunde. Aber die Männer, die schon da sind, wollen nicht warten.

"Ich kam, und dann standen da drei Leute. Und dann hab ich gesagt, alles klar, ich bin die fehlende Stimme, Tasche weg, jetzt wird gesungen."

Thorsten Engels ist 27 Jahre alt, Theater-Schauspieler in München und Countertenor. Er hat vorher schon in Aachen in einem kleineren Ensemble gesungen.

Nach Auftritten gingen sie, wie viele Musiker, noch ein Gläschen trinken. Beim "Herrenbesuch" heißt dieses Nachglühen Afterglow und sieht ein bisschen anders aus.

"Wenn ich mit denen irgendwo bin, dann heißt es, lass noch einen singen, lass noch einen singen, lass noch einen singen. (...) Ich finde toll, dass die alle motiviert sind und eigentlich immer singen wollen."

Die meisten Herren kommen direkt von der Arbeit zur Probe, manche in Jackett und mit Aktentasche; Ingenieure, Lehrer, PR-Berater, aber auch Studenten und Rentner.

Sobald Chorleiter Hans-Jürgen Wieneke da ist und die Tür zum Probenraum aufschließt, stellen sie sich auf, lockern sich: in die Knie gehen, Beine, Schultern, Gesicht ausschütteln.

Notenständer gibt es keine beim Herrenbesuch, auch keine Noten.

Hans-Jürgen Wieneke leitet den Chor. Er ist kein professioneller Musiker, sondern PR-Berater für IT-Firmen. Er singt, seitdem er in Disneyworld Florida das Barbershop-Fieber bekommen hat. Das war vor mehr als 20 Jahren.

"Da war als Pausenfüller eine A-cappella-Gruppe. Die singen zwar nicht Barbershop, aber Close-Harmony, das heißt, dass die einzelnen Stimmen nah beieinander liegen, und das führt dazu, dass es nach mehr klingt, als es eigentlich ist. Da bilden sich Obertonreihen, expanded Sound"

Beim Barbershop ist das ähnlich, nur dass die Leadstimme nicht im ersten Tenor liegt, sondern in der Stimme darunter. Zurück in Deutschland, damals wohnte er in Köln, sang Wieneke in verschiedenen Ensembles. Als er nach München zog, gründete er gleich sein eigenes, "Herrenbesuch". Vor zwei Jahren waren sie noch zu acht, inzwischen sind sie 27 Männer.

"Ich möchte gerne in drei Jahren 50 Leute haben, langfristig möchte ich 60, 70 haben, weil der Klang dann viel größer ist. Die großen Chöre in Amerika haben 120, 160 Mitglieder und kommen so zu den Wettbewerben. Das ist dann auch ein eindrucksvolles Bild."

An Interessenten mangelt es nicht. Heute ist ein schmaler, großer Mann gekommen, mit dunklen Augen und strahlend weißen Zähnen. Er ist zum zweiten Mal dabei, 40 Jahre alt, Elektrotechnik-Ingenieur. Er stammt aus dem Iran und lebt erst seit sechs Monaten in Deutschland. Es war ihm nach der Arbeit schrecklich langweilig, sagt er, bis er ein Konzert von "Herrenbesuch" hörte.

"Das war die schönste Tag und Nacht, seit ich in Deutschland bin. Ohne Übertreibung. Was mir super gefallen hat war die Atmosphäre nach dem Konzert, die Gruppe war zusammen und haben weitergesungen. So etwas habe ich noch nie erlebt."

Wieneke hat bei der letzten Probe eine Hausaufgabe aufgegeben. Die Herren sollten sich etwas vorstellen, an das die Männer beim Singen denken sollen, für den passenden Ausdruck beim Auftritt. Thorsten Engels hat seine Hausaufgabe gemacht.

"Bei ‚Hearts will full of spring’, da muss ich an ein Ehepaar denken, die ich aus meiner Zivizeit kenne. Sie müssen beide gepflegt werden. Da hat mich fasziniert, dass die immer noch verliebt sind."

Klingt doch schon gut. Nicht?

"... So sicher nicht, so werden wir das nicht auf die Bühne bringen..."

Es geht um den deutschen Barbershop-Wettbewerb im nächsten Jahr. Das Ziel: nach ganz oben zu kommen. Wie das geht? Das Publikum zum Weinen bringen.

"Wenn wir Balladen richtig gut singen, dann sehen wir nicht nur bei den Damen ein paar Tränen, sondern auch bei den Herren. Und dann wissen wir, wir haben einen richtig guten Job gemacht."
Musik

Service
Informationen zum Chor und Konzerttermine: www.herrenbesuch.net
Zu den Barbershopchören in Deutschland: www.barbershop.de


Immer mehr Menschen in Deutschland singen im Chor. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft deutscher Chorverbände (ADC) stellt Deutschlandradio Kultur jeden Freitag um 10:50 Uhr im Profil Laienchöre aus der ganzen Republik vor: Im "Chor der Woche" sollen nicht die großen, bekannten Chöre im Vordergrund stehen, sondern die Vielfalt der "normalen" Chöre in allen Teilen unseres Landes: mit Sängern und Sängerinnen jeden Alters, mit allen Variationen des Repertoires, ob geistlich oder weltlich, ob klassisch oder Pop, Gospel oder Jazz und in jeder Formation und Größe.

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