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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2016

Pierre PaulinDer Designer, der einen sitzen hatte

Von Burkhard Birke

Filmstill von 1967: Oscar de Edouard Molinaro mit Louis De Funes in Möbeln des Designers Pierre Paulin (Imago Stock & People)
Seine Designs schafften es bis ins Fernsehen: Oscar de Edouard Molinaro mit Louis De Funès in Möbeln des Designers Pierre Paulin (Imago Stock & People)

Er gilt als einer der bedeutendsten französischen Designer: Pierre Paulin entwarf revolutionäre Möbel, vor allem außergewöhnliche Sitzgelegenheiten. Jetzt zeigt das Pariser Centre Pompidou eine umfassende Retrospektive - in der Kuratorin Cloé Pitiot gleichzeitig ihr liebstes Stück enthüllt.

Ein wellenförmiges Sofa Superonda, ein Teppich auf einem Metallviereck, dessen vier Ecken als Sitzgelegenheiten hochragen. Ein riesiges Canapé in Schlangenform oder eine Vielzahl an Schalensesseln als kreisrunde, nach außen offene Sitzgelegenheit konzipiert - einfache Formen, grelle Farben, Bequemlichkeit: Bis heute setzt Pierre Paulin mit seinem Design Akzente, werden vor allem seine Stühle und Sessel produziert.

Er wollte zeigen bis wohin die Moderne reicht, sagte der 2009 im Alter von 81 Jahren verstorbene Paulin. Zwei Arten Designer gebe es: Diejenigen, die als Ingenieure mit dem Verstand entwürfen und die Abenteurer und Autodidakten, zu denen er sich selbst rechnete.

Kuratorin Cloé Pitiot: "Er wagt sich an neue Techniken, Technologien, die Farben und Materialen sind innovativ. Ständig verwandelt er die Materie in neue Formen. Mit seinen Farben und Formen gestaltet er dann auch den Präsidentenpalast von Claude und Georges Pompidou."

Exzellente Vorstellungskraft

Später auch den von François Mitterrand. Für den Sozialisten entwirft er einen Stuhl mit einem Holzgeflecht, das Licht und Schatten der Macht  symbolisiert. Paulin fing als Ebenist, als Kunstschreiner an, und kehrte nach fast revolutionären Kreationen mit Metall, Stoff und schaumgepresstem Plastik am Ende seiner Schaffensphase wieder zum Holz zurück.

"Die Technik der künstlerischen Holzarbeiten beherrscht er extrem gut, das erleichtert ihm den Umgang mit anderen Materialien, mit Formen zu spielen. Er besitzt eine exzellente dreidimensionale Vision, was ein Glück war zu einer Zeit, da es noch keine Computer dafür gab. Er spielt mit Stühlen oder Möbeln wie ein Bildhauer mit den Formen und schafft mit größter Genauigkeit und Einfachheit ein weiches poetisches Design für jedermann."

Kuratorin Cloé Pitiot spricht auch von demokratischem Design - trotz der präsidentiellen Arbeitgeber, die Paulin vor die Herausforderung stellten, Moderne mit Klassik im Mobiliar in Einklang zu bringen. Als Beweis mögen von ihm entworfenen Plastikgartenmöbel dienen: Denn Reproduktionen einiger seiner Klassiker kosten locker Mal zweitausend Euro pro Stück. Darunter auch Stühle und Sessel, deren ursprüngliche Namen aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen wie Stuhl CM170 etwa bestanden, die jetzt aber so drollige Namen tragen wie Pumpkin (Kürbis), Mushroom (Pilz) oder dem vom Moma in New York 1967 bereits erworbenen Stuhlmodell Tongue (Zunge).

Dem menschlichen Körper angepasst

In der bis dato umfassendsten Retrospektive sind die Kreationen der verschiedenen Schaffensphasen des wohl prägendsten französischen Designers der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu sehen: Räumlich teils abgetrennt durch einen eigens hergestellten lichtdurchlässigen Vorhang oder spezielle Stellwände. Bequem im Paulin-Sessel kann der Besucher dem Designer selbst lauschen, wenn er in Videoinstallationen erläutert, warum und wie er mit Farben und Formen spielt, sie ohne soziale oder sonstige Restriktionen dem menschlichen Körper anpasst.

Reisen nach Skandinavien und Japan hinterlassen konzeptionelle Spuren in seinem Werk. In den 50er, 60er Jahren arbeitet Paulin für Meuble TV, Thonet, Disderot und Artifort, gründet 1975 mit seiner Frau Maia und Marc Lebailly Adsa, wo sein Design in industriellen Stil und für die Industrie produziert wird. So sind die von ihm entworfenen Bügeleisen ebenso zu bewundern wie eine nur als Prototyp hergestellte Liege mit dem Namen Déclive. Déclive  - zu Deutsch geneigt – besteht ähnlich einem Lattenrost aus aneinandergereihten, mit Schaum überzogenen Holzlatten an zwei verstellbaren Aluminiumstangen. Man kann darauf schlafen, sitzen, essen, lesen. Das ist ein Raum, eine Architektur für sich. Und eines der Lieblingsausstellungsstücke von Kuratorin Cloé Pitiot.

Informationen des Centre Pompidou zur Ausstellung

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