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Lesart | Beitrag vom 26.10.2020

Pierre Lemaître: "Spiegel unseres Schmerzes"Fake News im Zweiten Weltkrieg

Von Dirk Fuhrig

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Der französische Autor Pierre Lemaître (imago images / GlobalImagens)
Pierre Lemaître ist aufs Land gezogen und baut dort Gemüse an. (imago images / GlobalImagens)

In seinem neuen Roman schildert Pierre Lemaître die kopflose Flucht der Franzosen beim Einmarsch der Deutschen im Frühjahr 1940 und die Lügen der damaligen Regierung. Die hatte bis zuletzt die Niederlage geleugnet. Das wirkt bis heute nach.

Der Schriftsteller ist unter die Gärtner gegangen. Pierre Lemaître schwärmt von seinem Gemüse direkt vor der Haustür:

"Wissen Sie, wir sind in der Provence. Ich habe Lavendel, Wassermelonen, Trauben, Tomaten, Zucchini, Auberginen, Karotten. Aber auch Blumen: Hibiskus, Hortensien."

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Fontvieille ist ein 4.000-Seelen-Dorf in der Nähe von Arles. Dorthin hat sich der Schriftsteller vor ein paar Jahren zurückgezogen. Der mit dem Prix Goncourt verbundene Erfolg seines Romans "Wir sehen uns dort oben" hat ihm den Umzug in den heiteren Süden erleichtert:

"Ich war ein Großstädter, bin ja auch in Paris geboren, aber mittlerweile bin ich ein Freund des Landlebens geworden. Ich weiß auch nicht, was passiert ist, aber als ich in dieses Haus hier eingezogen bin, habe ich mich in den Garten verliebt. Ich habe ihn vergrößert und neugestaltet. Meine Hypothese ist: Gärtnern ist der Sport des Alters."

Der hagere Herr mit der Heckenschere

Ich hatte eigentlich geplant, Pierre Lemaître in seinem provenzalischen Mohrrüben-Idyll zu besuchen – wegen der Pandemie war das nicht möglich. Da wir uns aber schon länger kennen, nämlich seit er sein Buch über den Ersten Weltkrieg in Deutschland vorgestellt hatte, fällt es mir nicht schwer, mir den hageren älteren Herren mit der Heckenschere in der Hand vorzustellen. 

"Na ja, ich habe also schon eine gute Strecke des Wegs zurückgelegt", spöttelt der Schriftsteller, der in ein paar Monaten 70 Jahre alt wird. "So ein Garten hält einen fit. Ich verbringe zwei Stunden am Tag darin, das ist wunderbar, auch wenn ich mich nicht gut damit auskenne."

Der ulkige Krieg

So selbstironisch, wie er über sein Schrebergärtnerdasein plaudert, so bissig ist er, wenn er schreibt. In seinem neuen, packenden Roman schildert er die kopflose Flucht der Franzosen beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Frühjahr 1940.  

"Ich bin ganz gern ein bisschen gemein zu meinen Romanfiguren", sagt Lemaître. "Obwohl die französische Armee sich so miserabel auf diesen Krieg vorbereitet hatte, gab es aber auch viele tapfere Menschen, die alles taten, was sie konnten. Raoul und Gabriel, zwei meiner Hauptfiguren, befinden sich in aussichtsloser Lage und versuchen doch, das Beste daraus zu machen." Bis zuletzt hatte die Staatsführung die drohende Niederlage geleugnet. 

Fake News gab es auch schon vor Trump

In dem Buch geht es besonders um die Selbsttäuschung der Franzosen. Die Propaganda der Regierung – in herrlicher Weise personifiziert in der Romanfigur Désiré Migault, einem hochstaplerischen Tausendsassa – fabulierte noch fantasievoll von großartigen militärischen Erfolgen, als die deutschen Truppen bereits kurz vor Paris standen. 

"Damals gab es natürlich noch nicht die sozialen Medien mit ihren Fake News. Aber wenn man die Zeitungen aus jener Epoche liest, merkt man, wie die Regierung damals die Nachrichten gesteuert und die Menschen getäuscht hat – so wie Donald Trump das heute macht."

Die heutige Misere resultiert aus der Geschichte

Womit wir bei der Aktualität wären. Denn Pierre Lemaître hat seine Romantrilogie über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auch deshalb geschrieben, weil er in jener Zeit Gründe für die politische Misere heute – vor allem in seinem Heimatland – sieht:

"Seit damals misstrauen die Franzosen ihren Regierungen. Ich glaube, die heutige Elitenfeindlichkeit geht auf damals zurück. Die Leute haben gemerkt, in welchem Ausmaß die Regierenden sie belogen haben. Dieses Misstrauen hat sich verstärkt und ist eine Ursache für die populistischen Strömungen. Ich sehe eine Art Kettenreaktion von 1940 bis heute."

Soziale Unruhen wie die der Gelbwesten, der anhaltende Erfolg der Rechten um Marine Le Pen, die Armut vieler Franzosen – für Lemaître eine Folge des andauernden Politikversagens.   

Wie einst Voltaire

Auch manch erratisches Handeln französischer Politiker in der Coronakrise ordnet Pierre Lemaître in dieses Kontinuum der Realitätsverleugnung ein. "Spiegel unseres Schmerzes" heißt der neue Roman – der Schriftsteller hält seinem Land darin tatsächlich einen Spiegel vor. 

Doch zurück zu den Tomaten. Denn schon Frankreichs großer Dichter und Denker Voltaire hat vor 250 Jahren schließlich postuliert, das Wichtigste sei es, einen Garten zu bestellen. 

Pierre Lemaître: "Spiegel unseres Schmerzes"
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta, Stuttgart 2020
480 Seiten, 24 Euro

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