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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.03.2020

Pierre Jarawan: "Ein Lied für die Vermissten"Erzählen, worüber andere schweigen

Pierre Jarawan im Gespräch mit Joachim Scholl

Porträt von Pierre Jarawan vom 31.01.2020. (laif/ Opale/Leemage/Julien Falsimagne)
Zum zweiten Mal begibt sich Autor Pierre Jarawan auf Spurensuche im Libanon. (laif/ Opale/Leemage/Julien Falsimagne)

15 Jahre Bürgerkrieg im Libanon, 17.000 Vermisste - dieses Trauma und Tabu fand der im Libanon geborene Pierre Jarawan so groß, dass er es für einen eigenen Roman aufgespart hat: "Ein Lied für die Vermissten".

15 Jahre dauerte der Bürgerkrieg im Libanon. Etwa 17.000 Menschen gelten seitdem als vermisst. "Diese Zahl ist so abstrakt, dass sie bei uns nichts anderes als Verwunderung wird auslösen können", sagt der Autor Pierre Jarawan. "Aber wenn ich es Ihnen als Geschichte erzähle und dann auch noch als eine Geschichte, die sich leicht lesen lässt, auch unterhaltsam, mit Rätseln und Wendungen, dann bringe ich Ihnen das Thema näher, als wenn es hermetischer geschrieben wäre. Und wie beiläufig werden diese Zahlen zu Geschichten und zu Menschen."

Buchcover zu "Ein Lied für die Vermissten". (Piper Verlag)Eine Geschichte von den Nachwirkungen des Bürgerkriegs im Libanon: "Ein Lied für die Vermissten" von Pierre Jarawan. (Piper Verlag)

Zugänglichkeit sei Jarawan wichtig gewesen, als er seinen Roman "Ein Lied für die Vermissten" schrieb. Bereits in seinem Debüt "Am Ende bleiben die Zedern" (2016) beschäftigte er sich mit seinem Geburtsland Libanon, in dem er auch recherchierte und auf das Thema der Vermissten stieß. "Ich habe damals gleich gemerkt: Das Thema ist zu groß, um es im ersten Roman zu behandeln, und es wuchert in Bereiche aus, in denen es eigentlich ganz eigene Geschichten gibt." Er sei erschreckt darüber, dass diese Vermissten im Libanon ein Tabu darstellen. Massengräber würden nicht geöffnet, weil man Angst habe, dass es dadurch wieder Krieg geben könne.

Erzählkunst vom Hakawati gelernt

In seinem neuen Buch schreibt der Protagonist Amin während des "Arabischen Frühlings" auf, wie er als Jugendlicher im Jahr 1994 mit seiner Großmutter in den Libanon zurückkehrte. Seine Eltern hat er zwölf Jahre zuvor verloren. Amin erscheint die libanesische Gesellschaft verschlossen und rätselhaft. Seine Fähigkeit zu erzählen erlernt der Junge von einem Hakawati, einem traditionellen Geschichtenerzähler, wie sie im Nahen Osten in Cafés und auf öffentlichen Plätzen auftreten. 

Jarawan wurde selbst 1985 im Libanon geboren, aus dem sein Vater stammt. Seine Mutter ist Deutsche. Mit dem Schreiben hat er, wie er selbst sagt, mit 13 Jahren angefangen. Öffentlich trat er zunächst als Slam-Poet auf, seinen Debütroman, "Am Ende bleiben die Zedern", schrieb er in acht Monaten. Er wurde zum Bestseller und mehrfach ausgezeichnet. 

(leg)

Pierre Jarawan: "Ein Lied für die Vermissten"
Piper Verlag 2020
464 Seiten, 22 Euro

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