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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.01.2011

Piano-Rebell von der Weinstraße

Der US-Jazzmusiker Chris Jarrett hat in Deutschland seine Wahlheimat gefunden

Von Jörg Wunderlich

"Man muss etwas lieben oder man kann es vergessen": Chris Jarrett entschied sich für die Liebe zum Klavier (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)
"Man muss etwas lieben oder man kann es vergessen": Chris Jarrett entschied sich für die Liebe zum Klavier (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)

Seit 25 Jahren lebt der in den USA geborene Musiker und Komponist Chris Jarrett in Deutschland. In seinen Stücken lässt er Jazz, Klassik, Avantgarde und Weltmusik auf atemberaubende Art und Weise verschmelzen.

Dafür wird er von Musikjournalisten auch schon mal als "Rebell" gegen das Pianoestablishment bezeichnet:

"Ich bin in erster Linie Komponist, das würde ich schon sagen. Das hat sich eher aus Zufall ergeben, dass ich mich mit dem Klavier beschäftigt habe, was damit zu tun hat, dass Virtuosität anerkannt wird, eher vielleicht noch als kompositorisches Können."

Vital und impulsiv ist sie, die Musik von Chris Jarrett, voller Brüche und Überraschungen und niemals so leicht einzuordnen in die üblichen Kategorien des Musikbetriebes. Frank Zappa etwa gilt ihm genauso als Vorbild wie die Meister des Barock oder der Moderne. Dementsprechend offen ist auch sein Repertoire, das von atonalen Miniaturen über Sonaten, Filmmusiken, Ballett bis hin zur Oper reicht. Stilistische oder gar geografische Grenzen lässt der gebürtige Amerikaner nicht gelten:

"Ein Stil, der irgendwie mit etwas Wahrhaftigem zu tun hat, der kommt aus einem selbst. Natürlich sind die Einflüsse da, denen kann man sich auch nicht verschließen. Wir haben ja Internetverbindungen zu Algerien, Ägypten und es gibt youtube. Man kann sich jetzt also viel einfacher reinhören. Da man aber in der westlichen Tradition eingebettet ist, bleibt es nicht aus, dass diese Elemente gemischt werden mit anderen. Ich meine jetzt nicht bewusst 'Wir mischen jetzt etwas zusammen', sondern: Die Liebe zu der Musik, die man hört und dass irgendetwas funkt im Kopfe, diese Mischungen sind interessant."

Es ist eine ungewöhnliche Künstlervita, auf die der Mittfünfziger mit jugendlicher Ausstrahlung zurückblickt. Die äußere Erscheinung – untersetzt und muskulös, ein Geradeaus-Typ mit kräftigem Händedruck – lässt ahnen, dass er sein Leben nicht nur auf dem Klavierhocker verbracht hat.

Als Kind wurde ihm die Musik nicht in den Schoß gelegt. Die Rolle des musikalischen Wunderknaben in der Familie nahm der ältere Bruder Keith ein, der später als Jazzpianist Weltruhm und Legendenstatus erreichte. Die vier jüngeren Brüder wuchsen allein mit der Mutter auf, in den 70er-Jahren, im ländlichen Pennsylvania. Es war die Zeit des Vietnamkrieges, und langhaarige Teenager mit pazifistischen Ansichten hatten in der Schule nichts zu lachen:

"Wir lebten also sehr − alternativ ist absolut nicht das richtige Wort − sehr oppositionell, und wir lebten das aus. Meine Mutter hat gesagt, in Schulen, wo Kinder verfolgt werden, auch von den Lehrern, weil sie gegen den Krieg sind, da muss man nicht hingehen. Und sie hat uns dann mit ganz vielen Tricks aus der Schule genommen. Wir lebten danach ein Jahr zusammen zu Hause ohne Schule und ich drei Jahre praktisch gefangen, ohne Freunde, da gab es nur einen Schlitz, wo ich aus dem Fenster gucken konnte."

In dieser für einen 13-Jährigen unzumutbaren Lebenssituation eroberte der unfreiwillige Schulverweigerer die Musik für sich und bekam schließlich kostenlosen Privatunterricht bei einem Nachbarn. Der Zufall wollte es, dass es sich dabei um den großen österreichischen Pianisten Vincent Ruzicka gehandelt hat, ein unglaublicher Glücksumstand für den damals völlig isolierten Jungen und eine Initiation, denn dieser Lehrer wurde ein entscheidender künstlerischer Mentor und Freund:

"Der hatte ein Klavierduo gehabt in den 20er-Jahren, die wirklich Maßstäbe gesetzt haben für moderne Klaviermusik. Die haben zum Beispiel Strawinski-Uraufführungen gemacht und kannten Satie persönlich. Das waren immer stundenlange Gespräche über alles. Der hat es wirklich verstanden, die Musik zusammenzubringen mit Philosophie und der eigenen Erfahrungswelt und es war ein super Lehrer und super Typ und hat mich eigentlich in dieser Zeit ein bisschen gerettet von einer Familie, die mir viel zu chaotisch war und eigentlich viel zu antiintellektuell, so komisch das klingt."

In den 80er-Jahren kam Chris Jarrett über Umwege nach Deutschland und blieb. Heute lebt er im pfälzischen Oberotterbach und ist selbst mit Leidenschaft Lehrer, gibt Workshops und Kurse in Improvisation und Musikgeschichte. In seinem Haus an der südlichen Weinstraße mit Blick auf den Pfälzer Wald geben sich Klavierschüler aller Altersstufen die Klinke in die Hand. Der jüngste von allen aber ist Sohn Ivan, der als einziger per Telefon seine Lektionen bekommt, weil er die meiste Zeit in Paris bei seiner Mutter lebt.

Der vielseitige Musiker und Komponist hat sich bewusst für einen Platz abseits der Metropolen entschieden. Die Ruhe zum Komponieren ist ihm wichtig, ideal die Nähe zu Frankreich, und doch schätzt er auch Deutschland als Wahlheimat sehr. Gemeinsam mit drei Musikern aus Strasbourg gründete er zuletzt die Formation "Four Free", die in der Jazzwelt Beachtung fand.

Immer wieder sucht Chris Jarrett den Dialog mit anderen Musikkulturen, schmiedet Projekte und Konzertprogramme, die den Austausch und die Synthese zum Ziel haben – für ihn als zeitgenössischen Künstler eine Herzenssache:

"Wir haben ja heute sowieso ganz andere Überlappungen, daher ist es gerade interessant, die Qualitäten von Musik, die noch nicht ans Licht gekommen ist, herauszuholen. Wenn wir schon mal globalisiert sind, wogegen ich eigentlich nichts habe, ja dann muss man es ausnutzen. Das ist unsere Verantwortung, das in die Hände zu nehmen und etwas daraus machen. Und natürlich muss man davon ausgehen, dass man nicht unbedingt reich davon wird. Das ist einfach nur eine Lebensaufgabe. Wie gesagt, man muss etwas lieben oder man kann es vergessen."

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