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Im Gespräch | Beitrag vom 27.09.2019

Pianist Saleem AshkarKein Tag ohne Klavier

Moderation: Tim Wiese

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Der Pianist Saleem Ashkar steht in schwarzem Blazer hinter einem aufgeklappten Flügel. (Peter Rigaud)
Saleem Ashkar gründete die Al-Farabi-Musikakademie, an der geflüchtete Jugendliche musizieren lernen. (Peter Rigaud)

Sein erstes Klavier erhielt er im Tausch gegen ein Auto. Jetzt spielt der palästinensische Pianist Saleem Ashkar mit den besten Orchestern, gibt Konzerte in aller Welt und engagiert sich in Berlin und Israel musikalisch für Kinder und Jugendliche.

Im Leben des Pianisten Saleem Ashkar gibt es kaum einen Tag, an dem er nicht Klavier spielt. Inzwischen brauche er das sogar körperlich: "Wenn ich nicht übe über zwei, drei Tage, dann bekomme ich Schmerzen. Aufhör-Schmerzen. Weil für mich, meinen Körper, meinen Geist, ist Musizieren und Üben die Normalität." Sollte er, was höchst selten vorkommt, doch mal keine Lust haben, motiviere spätestens die Angst vor dem nächsten Konzert.

In den letzten Jahren ist Ashkar mit sämtlichen Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven zu hören gewesen: "Ich habe alle Sonaten gespielt, als Zyklus. Das war sehr, sehr intensiv. Ich bin gerade dabei die Aufnahmen fertig zu machen. Es war ein lebensveränderndes Projekt, wirklich so eine Art Mount Everest für Pianisten." Ein Berg von Arbeit, der auch einen immensen Zeitaufwand erfordert. Da ist Ashkar froh über seine Nachbarn, "heilige Menschen", wie er sagt, die sein stundenlanges Üben ohne größere Proteste ertragen.

Von Chopin infiziert

Dass er so Klavier spielen kann, wie er es heute tut, und als Pianist ganz oben angekommen ist, war angesichts seiner Herkunft kaum vorhersehbar. Aufgewachsen ist Ashkar als Sohn palästinensischer Christen in Nazareth in Israel. Klassische Musik spielte in seiner Umgebung "gar keine Rolle". Durch Zufall kam es dazu, dass sein Vater sein altes Auto gegen ein ebenfalls altes Klavier eintauschte. "Mich hat diese schwarze Box fasziniert von Anfang an." Im Alter von sechs Jahren bekommt Ashkar Schallplatten von Chopin und Tschaikowsky. "Das war’s. Da hab ich das Virus bekommen, durch diese Platten, ich hab die immer wieder gehört und mich entschieden, ich möchte Pianist werden, was immer das ist!"

Es folgte eine lange Suche nach Unterrichtsmöglichkeiten. Das war während der ersten Intifada, einer von Gewalt geprägten Zeit, nicht einfach. Es fand sich eine jüdisch-israelische Lehrerin, bald darauf eine Internatsschule für Musik. Dabei blieb Ashkar aber anfangs immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, dass er diese Musik spielte, die ihm ja nicht "gehörte". "Heute bin ich ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee, dass diese Musik uns allen gehört. Aber damals, mit acht oder neun, fehlten mir die richtigen Wörter, um das auszudrücken."

Europa als Wahlheimat

Es war schnell klar, dass er nach Europa gehen musste, um musikalisch weiterzukommen. "Ich wollte nur musizieren", ohne den Kontext des Palästinensers in Israel, die Musik sollte im Vordergrund stehen, ohne die ganzen politischen Hintergründe. Erste Stipendien führten Ashkar nach Frankreich. Studiert hat er schließlich in London. Seit zwanzig Jahren hat er seinen Hauptwohnsitz in Berlin. "Berlin ist Musik-Stadt. Wo sonst als Musiker kann man leben, wenn nicht in Berlin?"

Von hier aus hat er nicht nur seine Solo-Karriere ausgebaut und es geschafft, mit den bedeutendsten Orchestern der Welt zu spielen, sondern auch gesellschaftliches Engagement entwickelt, natürlich auf Basis der Musik: Er ist Mitgründer der Al-Farabi Musikakademie, die unter der Schirmherrschaft von Daniel Barenboim geflüchteten und benachteiligten Jugendlichen ermöglicht, zu musizieren und in Chören zu singen. Die Idee dahinter ist, Menschen Musik nahezubringen, die sonst keinen Zugang dazu hätten.

Mit ähnlicher Motivation unterstützt er in Nazareth das Galilee Chamber Orchester, in dem palästinensische und jüdische Kinder und Jugendliche gemeinsam musizieren: "Ich wollte jungen Menschen in meiner eigenen Stadt das ermöglichen, was ich nicht hatte. Daraus entstand dieses Musikprojekt, was jetzt vor allem mein Bruder leitet. Da engagiere ich mich sehr viel." Diesen Sommer war Ashkar als Leiter dieses Orchesters auf Tour durch Deutschland. Ihn selber kann man im November in Leipzig am Klavier hören.

(mah)

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