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Fazit | Beitrag vom 09.03.2021

Phyllida Barlow im Haus der Kunst MünchenHerausfordernde Skulpturenlandschaften

Von Tobias Krone

Installationsansicht der Skulptur-Ausstellung von Phyllida Barlow im Haus der Kunst in München. Die namenlose Skulptur besteht aus einem Wust aus bunten, breiten lametterartigen Streifen, dazwischen in Obstkisten ähnliche Holzpaletten und oberdrauf in Scheiben geschnittene, wieder zusammengesetzte Röhren-Ringe. (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )
Raumfüllende Kunst: Um ihrer überdimensionalen Werke verwirklichen zu können, arbeitete Phyllida Barlow als Kunstprofessorin. (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )

Die britische Bildhauerin Phyllida Barlow baut seit den 1970ern so monumentale Skulpturen, dass sie sich weder verkaufen noch aufbewahren lassen. Für ihre aktuelle Schau in München mussten daher einige Kunstwerke vor Ort neu geschaffen werden.

Es dauert ungefähr eine Sekunde, dann wird einem blitzartig klar, warum man Kunst im Museum erleben muss, allein für Überwältigungen wie diese. Schon zu Beginn versperrt die Ausstellung einem fast den Zutritt: ein Wald aus bunten Stoffbannern auf zusammengenagelten Holzlatten, deren Standgestelle mit orangen Sandsäcken beschwert sind.

All das quetscht sich in den sonst so geräumigen Eingangssaal im Haus der Kunst und zwingt einen schier, sich an der Wand entlang zu drücken.

"Der Raum ist dicht, voll von allen diesen Bannern. Es gibt keinen idealen Blickwinkel. Normalerweise gibt es bei den klassischen Bildhauern den sogenannten Moneyshot. Zum Beispiel den David von Michelangelo sieht man immer von einer Seite. Sie sagt: Nein! Sie will das Publikum motivieren, immer wieder in Bewegung zu sein", erklärt der Kurator der Ausstellung, Damien Lentini.

Raumfüllende Skulpturenlandschaften

Sie, das ist die britische Bildhauerin Phyllida Barlow. Komplett kann man ihre abstrakte Demonstration der Farben im doppelten Wortsinn von keinem Punkt aus erfassen. Und so begreift man sehr schnell das Prinzip dieser Ausstellung: Sie fordert unsere Wahrnehmung von Raum heraus, aber auch den Raum selbst.

Mit den gigantischen Dimensionen im Haus der Kunst nehmen es ihre skulpturalen Landschaften mühelos auf und verdienen es deshalb, dass Phyllida Barlow als erste lebende Frau überhaupt den prestigeträchtigen Westflügel bespielen darf.

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Die Werkschau namens "Frontier" dürfte eine späte Genugtuung sein für die britische Kunstprofessorin, Jahrgang 1944, die bis zu ihrer Pensionierung mit ihren Werksdimensionen auch den Kunstmarkt überforderte. 

"Durch ihren Unterricht hat sie Geld verdient, damit sie Kunst machen kann und konnte. Also diese Idee, dass sie Skulpturen schafft, um einen Käufer zu finden, die gab es nicht. Aus diesem Grund hat sie jedes Werk für eine Ausstellung gemacht und danach wurden diese Werke eigentlich abgebaut", sagt Lentini.

Keine Wohnzimmerkunst

So schade das klingt, aber welche Kunstsammler*in kann sich schon ein Werk wie "Screestage" von 2013 ins Wohnzimmer oder Sammeldepot stellen? Über Dutzende von Quadratmetern ergießt sich ein Meer aus wild aufeinandergestapelten Platten, ähnlich bunten Eisschollen, die von Reihen baumstumpfartiger Betonsäulen über dem Boden gehalten werden. Eine brutale Schwere, scheinbar chaotisch und doch durchrhythmisiert von einer markanten Struktur.

Damian Lentini fühlt sich an eine Bühne erinnert: "Man ist noch nicht sicher, ob man auf diese Bühne klettern oder daruntergehen sollte. Das ist ein Werk über die Idee von Unsicherheit."

Natürlich hat auch die Kunstwelt Barlow in den vergangenen Jahren entdeckt. Ein Megafon in Megagröße aus dem britischen Pavillon der Biennale Venedig ist zu sehen. Seit dem Beginn ihres künstlerischen Schaffens hat sich Barlow mit Grenzbereichen beschäftigt, wie zum Beispiel bei "Shedmesh", einem Quader aus Leinwandfetzen, der Grenze zwischen Malerei und Skulptur.

Installationsansicht der Skulptur-Ausstellung von Phyllida Barlow im Haus der Kunst in München. Ein Würfel, rundherm mit weißen Leinwandfransen bedeckt, heißt "Shedmesh". (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )Das Werk "Shedmesh", ein Quader aus Leinwandfetzen, lotet die Grenze zwischen Malerei und Skulptur aus. (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )

Die große Herausforderung aber ist es, eben diese Werke zu zeigen, die gar nicht mehr existieren. Mit der Rekonstruktion war ein mehrköpfiges Team aus Großbritannien beschäftigt, während die betagte Künstlerin von zu Hause aus per Video alles beaufsichtigte. Auch auf der Pressekonferenz ist sie nur virtuell aus London zugeschaltet: 

"Es lastet in den Ausstellungsräumen immer ein unsichtbares Gewicht auf den Werken, und das war jetzt neu und faszinierend für mich. Denn für gewöhnlich kann ich dieses Gewicht spüren, weil ich ja die Räume betreten kann, aber nicht im Haus der Kunst."

Das Gewicht antiker Säulen kann man im hintersten Raum spüren. Und doch sind die meterhohen grauen Kolosse, die hoch oben Betonplatten balancieren, Zylinder aus Baumwollgewebe, bespritzt mit Beton: Phyllida Barlow dekonstruiert hier möglicherweise das Prinzip antiker Bronzeskulpturen, die ja auch oft innen hohl sind, aber nach außen hin massiv wirken.

Installationsansicht der Skulptur-Ausstellung von Phyllida Barlow im Haus der Kunst in München. Hier stehen hohle Metallsäulen, auf denen oben Betonplatten balacieren. (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )Phyllida Barlow kann das Gewicht ihrer Skulpturen in den Ausstellungsräumen normalerweise spüren. Wegen Corona kann sie in München nicht dabei sein. (Maximilian Geuter für Haus der Kunst, 2021 )

Und auch mit der Vergänglichkeit von Architektur setzt sie sich auseinander. Beton kommt hier oft zum Einsatz, aber selten glatt, sondern rau und bröckelnd.

"Diese Gebäude der 50er- und 60er-Jahre aus Beton waren furchtbar modern, sind aber jetzt Ruinen und werden ersetzt durch Glas und Stahl. Das ist ein erstaunlicher Prozess, diese Ruhelosigkeit. Wie in der Natur, wo sich Wachstum und Verfall ständig abwechseln", erklärt Barlow.

Ein Fest für die Sinne

Es gäbe noch viel zu erzählen über diese sensationellen Formen- und Farbenspiele, die einen ständig überraschen: hängende, tiefschwarze Röhren und Felsbrocken neben quietschbunten Teppichen aus Stoffstreifen und Palettenholz. Phyllida Barlows Werk ist ein Fest der Sinne, ohne sich allein am Sinnlichen zu berauschen.

Phyllida Barlow. frontier - Die Ausstellung im Haus der Kunst in München ist noch bis zum 25. Juni 2021 zu sehen. Ein Besuch ist nur mit vorheriger Anmeldung möglich.

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