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Sein und Streit | Beitrag vom 31.03.2019

Philosophischer Kommentar zur UrheberrechtsreformVergesst die "Netzgemeinde"!

Von Wolfram Eilenberger

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Drei Personen sitzen in einem grünblau dunkel erleuchtetem Raum mit ihren Smartphones in der Hand. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Sieht so der Kirchgang der "Netzgemeinde" aus? Smartphone-Nutzerinnen auf der re:publica 2018. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Seit Dienstag ist die Urheberrechtsreform beschlossene Sache - trotz heftiger Widerstände aus der Netzgemeinde. Was aber ist eigentlich die "Netzgemeinde"? Wolfram Eilenberger meint: Der Begriff selbst behindert ein Nachdenken über digitale Freiheit.

Es ist immer wieder ein verwirrendes Schauspiel, wenn sich mutmaßlich ausgeprägte Individualisten zu einem einheitlichen Meinungskollektiv zusammenschließen. Besonders prominent etwa im Falle der sogenannten "Netzgemeinde", die in den vergangenen Wochen mit aller digitalen Macht Widerstand gegen ein neues, EU-weites Urheberechtsgesetz mobilisierte. Denn dieses neue Gesetz – so die vielleicht sogar begründbare Furcht – schmälere die Entfaltungsmöglichkeiten freier Individuen in eben jenem schwer eingrenzbaren Informationsraum, den man in Ermangelung einer besseren Alternative seit gut dreißig Jahren als das "Netz" bezeichnet.

Begriffe wirken wie mentale Uploadfilter

Sofern Wörter und Menschen einander erziehen, beginnen nicht wenige praxisrelevante Denkfehler mit der Verwendung irreführender Sprachschöpfungen. Schließlich wirken Begriffe wie mentale Uploadfilter, die nur gewisse Inhalte, Selbstbilder und also Handlungsmöglichkeiten vor das geistige Auge treten lassen. Dies gilt insbesondere im Bereich des Politischen. Eine verstellendere und strukturell widersinnigere Begrifflichkeit als die der "Netzgemeinde" ist aus Sicht einer freiheitsliebenden digitalen Existenz aber schlicht nicht denkbar.

Nicht eine Gesellschaft, nicht eine Gemeinschaft, nein, gleich eine Gemeinde muss es also sein! Als ob das, was der Medientheoretiker Marshall McLuhan einst visionär als "global village" voraussah, sich im Deutschland des Jahres 2019 noch immer nicht ohne den dazugehörigen Kirchturm denken ließe! Und welcher "Gott" oder "Glaube" würde von dieser "Gemeinde" derzeit eigentlich angebetet oder verteidigt – außer dem der je eigenen, allzu liebgewonnenen und in der Regel durch und durch parasitären Klickgewohnheit?

Gemeinde steht für Meinungsverklumpung

Worin bestand denn die ursprünglich mit der digitalen Wende verknüpfte politische Utopie? Doch gewiss nicht in der effektiveren Organisation thematisch vorverständigter Interessen- und Schmähungskollektive! Gewiss nicht in der Verballung von Themenmacht durch monopolistische Meinungsplattformen! Und gewiss nicht in der sanktionslosen Aufhebung eben jener Grundrechte, die am Anfang aller liberalen Aufbrüche stehen: nämlich der (auch geistigen) Eigentumsrechte!

Vielmehr besteht der politische Traum, der mit dem Erscheinen des "Netzes" verbunden war und ist, in der maximalen Distanzierung selbstbestimmter Individuen von der Macht des Kollektivs in all seinen denkbaren Spielformen – als Staat, als Volk, als Rasse, als Klasse, als Geschlecht. Die engmaschigste und in der Regel auch engstirnigste Form menschlicher Kollektivität ist nach gängigem Sprachgebrauch aber was? Genau, das ist die "Gemeinde"! Nur noch übertroffen von der "Sekte", ist die "Gemeinde" die ideologische Form entdifferenzierter Meinungsverklumpung par excellence. Genau das macht sie so stark. Genau das macht sie leider oft auch so dumm und manipulationsanfällig. 

Das Netz verheißt Befreiung statt Eingemeindung

Keine andere Struktur in der Geschichte der Menschheit trägt – mit Blick auf diese allzu alltägliche Bedrohung des Gemein-Werdens – ein größeres Befreiungspotential in sich als das "Netz"! Und kein anderer gängiger Begriff verstellt eben dieses utopische Potential wirksamer als der allzu alltäglich gewordene Kampfbegriff der "Netzgemeinde". Verantwortungsvolle Urheber ihres eigenen Denkens – vor allem Autoren, Journalisten und Aktivisten – sollten ihn deshalb nicht länger im Munde führen. Fangen wir am besten sofort mit diesem Verzicht an. Sei es im Netz. Oder auch außerhalb davon – was immer das heute noch bedeuten könnte.

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