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Sein und Streit | Beitrag vom 02.09.2018

Philosophischer Kommentar zu ChemnitzMarx und der Mob: Es rumort im Bronzekopf

Von Andreas Urs Sommer

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Das Karl-Marx-Monument ist eine 7,10 Meter (mit Sockel über 13 Meter) hohe und ca. 40 Tonnen schwere Plastik, die den Kopf von Karl Marx stilisiert darstellt. Es ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Chemnitz und befindet sich im Stadtzentrum an der Brückenstraße nahe der Kreuzung zur Straße der Nationen. (imago stock&people/ Schöning)
Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz: Was geht wohl in seinem Kopf vor? Das hat sich der Philosoph Andreas Urs Sommer gefragt. (imago stock&people/ Schöning)

Pöbelnde Rechte marschierten vergangene Woche in Chemnitz auf – und das ausgerechnet unter den Augen der Marx-Büste. Ist ihr Hass bloß Ausdruck eines falschen Bewusstseins? Selbst Marx müsste heute daran zweifeln, kommentiert Andreas Urs Sommer.

Was ist wohl in Karl Marx’ Kopf vorgegangen, als sich die chaotischen Chemnitzer Szenen vor seiner überlebensgroßen Bronze-Büste abgespielt haben? Vielleicht hat er sich zu Beginn wohlgefühlt, der grimmig dreinblickende Feuerkopf mit Rauschebart und Löwenmähne. Wann sonst scharen sich schon Tausende um einen Philosophen?

Aufmarsch an der "Schädelstätte"

Vielleicht hat er sich erinnert an jene längst verblichenen Tage, als man auf demselben Platz, den der Chemnitzer Volksmund liebevoll "Schädelstätte" nennt, große Aufmärsche zu seinen Ehren veranstaltet hatte, mit bunten Hemden und roten Fahnen. Fahnen und bunte Hemden gibt’s jetzt auch, aber eher schwarze und braune. So wird es Marx als messerscharfem Analytiker bald gedämmert haben, dass hier nicht der Klassenkampf im Gange ist, dass die Schreihälse weder zu seiner Klientel gehören noch sich um seinetwillen hier versammeln. Und sein Gesicht verfinstert sich noch mehr, als ihm ein paar Sätze aus besseren Zeiten in den Sinn kommen.

"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen." Haben wir denn, fragt sich das Monument, auf die pöbelnden Rechten blickend, nicht "das als Mobilgarde organisierte Lumpenproletariat" vor uns? Den "Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen"?

Farce oder Tragödie?

Und, denkt Marx weiter: "Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." Jeder kann von Glück reden, wenn er nur Zeuge des zweiten Males, der Farce-Variante sein muss.

Für den bronzenen Marx ist die Sache zunächst also klar: Er hat da an den Spitzen seines Bartes Proletarier unter sich, deren Klassenbewusstsein noch nicht gefestigt genug ist, um zu erkennen, dass die Probleme, mit denen sie kämpfen, Produkt der Klassenherrschaft sind. Denen ein Klassenbewusstsein überhaupt fehlt, weshalb sie blindwütig um sich schlagen.

Doch dann kommen ihm Zweifel. Sind das überhaupt Proletarier, die hier gegen alle hetzen, die nicht blond und blauäugig sind? Ist es hier tatsächlich so, dass das "gesellschaftliche Sein" "das Bewusstsein der Menschen" bestimmt? Das "gesellschaftliche Sein" der Schreihälse ist keineswegs bestimmt von Migranten, die ihnen Arbeit, Haus und Hof wegnähmen. Keineswegs bedeutet hierzulande die "bürgerliche Republik" "die uneingeschränkte Despotie einer Klasse über andere Klassen".

Fremdenhass statt Klassenkampf

Den rechten Schreihälsen fehlt es scheinbar an nichts – nicht an Wahlrecht, Wohnung, Nahrung, Kleidung, Farbfernsehen, Autos und Soli-Geld für ihre angeblich von Ausländern gebeutelte Stadt. Sind sie getrieben von einem falschen Bewusstsein, das ihren sozialen Abstiegsängsten ein abwegiges Ventil vorgaukelt – nämlich Fremdenhass statt revolutionärer Umgestaltung?

Der Feuerkopf grübelt weiter. Selbst wenn die rassistische Aggression sich bei manchen aus dem Gefühl sozioökonomischer Zurücksetzung speist, gibt es sehr viele Nicht-Abstiegsängstliche, die mitbrüllen. Könnte es nicht sein, dass Bewusstseinsphänomene wie blinder Glaube an Rasse, Volk und Vaterland nur sehr lose mit sozioökonomischen Bedingungen verbunden sind? Die rassistischen Erregten würden selbst im Schlaraffenland weiterbrüllen.

Marx in Erklärungsnot

Könnte es sein, dass man ihnen mit linken Ideologie-Versatzstücken nicht beikommt? Muss man womöglich ganz neu nachdenken über das Verhältnis von Sein und Bewusstsein? Über moderne Gesellschaften, deren Mitglieder sich umso verunsicherter fühlen, je größer die faktische – soziale, ökonomische, politische – Sicherheit ist, in der sie leben?

Trotz all des Getöses um ihn herum wird der bronzene Marx zusehends ruhiger: Offenbar ist die Schädelstätte der Ort, wo man Ideologien, rechten so gut wie linken, in den Bauch sehen kann. Und so lernt man, zu ihnen Abstand zu halten. Moderne Gesellschaften bieten, bei allem Wehgeschrei, maximale faktische Sicherheit bei minimaler ideologischer Sicherheit. Und vielleicht, denkt sich Marx, ist das sogar gut so.

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