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Sein und Streit | Beitrag vom 07.07.2019

Philosophischer KommentarNeue Heldinnen hat das Land!

Von Arnd Pollmann

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Montage der drei Frauen. (v.l.n.r. Imago / Frederic Kern / Till M. Egen / gettyimages / Lars Niki)
Greta Thunberg, Carola Rackete, Alexandria Ocasio-Cortez verkörpern eine neue Idee des Heldenhaften, meint Philosoph Arnd Pollmann. (v.l.n.r. Imago / Frederic Kern / Till M. Egen / gettyimages / Lars Niki)

Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete, Klimaaktivistin Greta Thunberg, US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez: jung, weiblich, mutig. Kein bisschen laut, protzig, großkotzig. Heldentum geht heute anders, und das ist gut so, meint der Philosoph Arnd Pollmann.

Noch vor wenigen Jahren galt im Feuilleton die Zeitdiagnose als schick, wir lebten in einem "postheroischen Zeitalter". Unsere Gesellschaft brauche keine Helden mehr, das Ende der pathetischen Verherrlichung kriegerischen Draufgängertums sei als zivilisatorischer Fortschritt zu verstehen. Seinerzeit waren aber bereits ganz neue Heroen auf den Plan getreten. Sie hießen Edward Snowden oder Chelsea Manning und konnten offenbar nur deshalb unter dem Radar jener intellektuellen Zeitdiagnostik hindurchfliegen, weil sie dem klassischen Klischee vom mannhaften Krieger, vom mythischen Muskelpaket trotzten.

Weiblich, gerecht, unprätentiös: Die Antithese zum Heros

Genau diese Entwicklung ist es, die in den letzten Wochen mit Greta Thunberg, Alexandria Ocasio-Cortez und nun auch Carola Rackete einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Die Helden von heute sind vornehmlich Heldinnen. Sie zeichnen sich weniger durch Körperkraft als durch moralische Überzeugungskraft aus. Und sie sind gar nicht daran interessiert, als Heldinnen verehrt zu werden.

Arnd Pollmann schaut freundlich in die Kamera. (privat)Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin (privat)

Weiblichkeit, moralische Integrität, fehlender Narzissmus: Wir haben es hier geradezu mit der Gegenthese zum antiken Held im Mythos zu tun – Herkules, Achill oder Siegfried. Kein Wunder also, dass diese neuen Heldinnen von all jenen übel angefeindet werden, die der Vergangenheit verhaftet sind und sich schon von Alters, des Geschlechts oder der rechten Gesinnung wegen von diesen jungen Frauen bedroht fühlen: Sie seien naiv, manipuliert, primär geltungssüchtig oder gar kriminell. Die meisten anderen Menschen spüren, dass diese Heldinnen tatsächlich auf vorbildliche Weise außeralltäglich agieren. Worin aber genau besteht ihr Heldentum?

Jenseits der Pflicht: Mehr tun, als wir uns schulden

Erst einmal: Heldinnen sind keine Heilige. Besonders mit Blick auf Greta Thunberg gibt es da eine gewisse mediale Verwirrung. Heilige sind gewissermaßen "zu gut" für diese Welt. Sie tun geradezu automatisch das Gute. Heldinnen hingegen sind von dieser Welt. Sie sind nur insofern furchtlos, als sie ihre Furcht beherzt niederringen müssen. Auch Carola Rackete wird sehr wohl Angst vor dem Gefängnis gehabt haben, als sie in den Hafen von Lampedusa einfuhr. Und Alexandria Ocasio-Cortez dürfte sehr wohl die Rache der Trump-Regierung oder der Geheimdienste fürchten, wenn sie wieder einmal die US-Flüchtlingslager an der Grenze zu Mexiko kritisiert. Diese Heldinnen legen sich allesamt mit der Regierung an. Sie tun Dinge, die weit über das hinausgehen, was wir moralisch voneinander verlangen können. Sie handeln bewundernswert, weil keine entsprechende Pflicht dazu besteht und weil ihr Handeln ein persönliches Risiko oder gar Opfer darstellt.

Jenseits des Rechts: Gerecht sein, ohne zu übertreiben

In dieser Verbindung von moralischer Übergebührlichkeit, mutiger Selbstbeherr­schung und persönlicher Uneitelkeit sind uns diese Heldinnen ein Vorbild. Sie begreifen das Leben vor allem tugendethisch: Man sollte mit sich selbst im Reinen sein, in den Spiegel schauen können und vorangehen, statt mit dem Finger auf andere zu zeigen. So entsteht Glaubwürdigkeit. Zudem verschreiben sie sich einem "höheren" Recht, dem das faktische Gesetz zu weichen hat, wenn dessen Befolgung unerträglich ungerecht wäre. So wie Antigone einst ihren Bruder begrub, obwohl König Kreon dies unter Androhung der Todesstrafe verboten hatte.

Gleichzeitig aber wandeln diese neuen Heldinnen trittsicher auf jenem schmalen Grad, der zwischen moralischer Konsequenz und unmoralischem Fanatismus verläuft. Sie übertreiben es nicht, moralisieren nicht. Paradox formuliert: Sie sind undogmatische Überzeugungstäterinnen. Eben das macht sie zu role models. Sie warten nicht länger, bis sich die anderen und vor allem auch die Mächtigen ändern. Sie fassen sich an die eigene Nase und packen an. Neue Frauen hat das Land!

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Mitherausgeber des philosophischen Online-Magazins Slippery Slopes.

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