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Sein und Streit | Beitrag vom 03.01.2021

Philosophische Utopien und VisionenDie Kraft gefährlicher Gedanken

Von Andrea Roedig

Eine Frau im rosa Kleid, die anstelle eine Kopfes eine Wolke mit pastellfarbenen Blüten auf ihrem Hals sitzen hat. (Getty Images / Vizerskaya)
Da braut sich was zusammen: Die Philosophie macht Sprünge durch gewagte Ideen. (Getty Images / Vizerskaya)

Die Welt verändert sich nur durch neue Ideen. Manche von ihnen sind aber so verrückt, dass sie kaum je wahr werden können. Wir brauchen sie trotzdem, kommentiert Andrea Roedig.

Im Jahr 1940, mitten im Widerstand gegen Hitler-Deutschland, richtete die Philosophin und Aktivistin Simone Weil einen dringenden Appell an das französische Kriegsministerium: Man solle eine Sondertruppe von Krankenschwestern aufbauen, die bereit seien, direkt an der Front zu arbeiten.

Trost bringende Schwestern an die Front

"Natürlich müssten diese Frauen erheblichen Mut aufbringen", schreibt Weil. "Sie müssten gewillt sein, ihr Leben zu opfern. Sie müssten dazu bereit sein, immer an den schlimmsten Orten zu sein", um sich tröstend und heilend "über die Sterbenden und Verwundeten" zu beugen.

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In dem rund neunseitigen Konzeptpapier argumentiert sich Simone Weil um Kopf und Kragen. "Der Plan mag auf den ersten Blick als unpraktikabel erscheinen, weil er ganz neu ist", schreibt sie und begründet dann, was nicht zu begründen ist: ein offensichtlich wahnwitziges Todeskommando.

Philosophen an die Macht – und Schluss mit dem Jazz!

Die Philosophiegeschichte ist voll von verrückten und undurchführbaren Ideen, das fängt schon mit der bekannten These Platons an, die Philosophen sollten den Staat regieren, und es endet nicht bei Adornos schlecht gelaunter Philippika gegen den Jazz. Schopenhauer meinte ernsthaft, wir sollten den Willen zum Leben abtöten.

Wir lachen über solche Thesen oder empören uns. Aber zusammengerechnet findet sich vermutlich mehr irres, wirres und exzentrisches Zeug in der Philosophietradition als vernünftiges.

Sollten solche Ideen eigentlich hinaus in die Welt? Richten sie nicht mehr Schaden an als Nutzen? Manches wäre ja wohl besser niemals gedacht und ausgesprochen worden. Otto Weiningers abstruse Ausführungen zu "Geschlecht und Charakter" gehören vielleicht dazu und ganz sicher die fatalen Rassefantasien des NS.

Porträt der Publizistin Andrea Roedig. (Elfie Miklautz)Erst der Mut, das Unmögliche zu denken, bringe Neues in die Welt, sagt die Philosophin Andrea Roedig. (Elfie Miklautz)

Ideen sind gefährlich. Einmal ausgesprochen, gehen sie unkontrollierbare Wege. Und daher kennen wir ja auch das Tabu: Es soll Schutz bieten vor dem, was gar nicht erst im Keim entstehen soll.

Und doch wollen und müssen gerade die verrückten Gedanken in die Welt, denn ohne sie entstünde nichts Neues. "Nur das Neue wirkt", schreibt Simone Weil. Zum Glück ist ihr Vorschlag einer Sondertruppe von Frontkrankenschwestern nie in Betracht gezogen worden, aber ihr Text bleibt, und er berührt in seiner verzweifelten Bemühung, ein heroisches Zeichen der Fürsorge gegen die Bestialität des Hitlerregimes zu setzen.

Mit dem Kopf in den Wolken: Philosophie wirkt meist indirekt

Es gibt verschiedenste Arten verrückter Ideen, manche sind unzeitgemäß, manche entspringen persönlichem Unglück, manche sind böse, manche gut, viele entstehen aus Naivität. Mein Plädoyer hier gilt jenen verrückten Ideen, die drängend sind, aber komplett unrealistisch. Sie müssen gedacht und niedergeschrieben werden, denn etwas an ihnen wirkt.

Die Denkerin schwebt mit dem Kopf in den Wolken – ganz falsch ist das Bild nicht, Philosophie und Wirklichkeit sind aufeinander bezogen, aber nie in unmittelbarer Weise – Philosophie denkt abstrakt, zwischen ihr und der Wirklichkeit liegt ein Abstand wie ein Luftkissen, und daher darf sie meist auch nicht als konkrete Handlungsanweisung verstanden werden.

Es geht hier nicht um Erneuerung im herkömmlichen Sinn. Im Gegensatz zur bloßen Innovation enthalten die guten verrückten Ideen einen wirklich utopischen Gehalt. Ihre Freiheit liegt darin, dass sie wirken, aber nicht im konkreten Sinne wirklich werden müssen. Langsam und auf vermittelten Wegen stoßen sie Veränderung an.

Andrea Roedig ist Philosophin und Publizistin. Sie ist Mitherausgeberin der österreichischen Kultur- und Literaturzeitschrift "Wespennest". 2015 erschien ihr gemeinsam mit Sandra Lehmann verfasster Interviewband "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" und zuletzt ihr Essayband "Schluss mit dem Sex", beide im Klever Verlag.

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