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Sein und Streit | Beitrag vom 16.08.2020

Philosophische OrteRosa Luxemburgs Suche nach Heimat

Von Jule Hoffmann

Ein Porträt von Rosa Luxemburg (1871-1919) (imago stock&people)
Revolutionärin mit Sympathie für geordnete Verhältnisse: Rosa Luxemburg, linke Sozialdemokratin und Mitgründerin der KPD. (imago stock&people)

Rosa Luxemburg steht wie keine andere für Revolution. Zeitlebens hat sie sich gegen den Reformismus der SPD stark gemacht – intellektuell wie politisch. Doch hinter dem kämpferischen Geist verbarg sich auch die Sehnsucht nach einem Zuhause.

Vor der Cranachstraße 58 in Berlin-Friedenau gießt ein Anwohner mit einem Gartenschlauch zwischen Parkplätzen das Stück Grün, auf dem von wild wuchernden Rosenbüschen umgeben eine Gedenktafel aufgestellt ist. Der Eigentümer wollte sie nicht an seinem Gebäude anbringen lassen. Darauf zu lesen: "Hier wohnte von 1902 - 1911 Rosa Luxemburg." Zwei laminierte Fotos der berühmten Revolutionärin sind an den beiden Seiten der Tafel angebracht.

Viel Grün und alles in Bewegung

Zwölf Jahre lebte sie insgesamt in Friedenau, sagt der Historiker und Luxemburg-Biograf Ernst Piper. Die Cranachstraße war ihr längster Wohnort in Berlin. "Sie ist sozusagen, das entsprach wohl auch ihren Neigungen, hierhergekommen in eine Gegend, die gerade in der Entwicklung war. Und deswegen war hier noch sehr viel Grün. Da hat sie sich, glaube ich, sehr wohlgefühlt."

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Ihre erste Berliner Wohnung hatte in der Nähe des Tiergartens gelegen, wo Luxemburg täglich "bei jedem Wetter", spazieren ging. Friedenau bot ihr dafür umliegende Felder und Wiesen und eine unmittelbare Nachbarschaft zu dem Philosophen und Sozialdemokraten Karl Kautsky und seiner Familie, mit der Luxemburg eine enge Freundschaft verband.

Revolutionäre Nachtgesänge

Aus Briefen von Luise Kautsky weiß man, dass Luxemburg und sie sich nach Besuchen abwechselnd nach Hause begleiteten und so bis spät in die Nacht zwischen ihren Wohnhäusern hin und her spazierten. Über Rosa Luxemburg heißt es dort:

"Sie liebte es auch, ihrem revolutionären Drang in der mitternächtlichen Stille durch lautes Singen Luft zu machen, und oft holten wir uns strenge Verweise von der Hermandad Friedenaus, die weder für Arien aus dem Figaro, noch für Hugo Wolf, noch für die Marseillaise oder die Internationale das nötige künstlerische Verständnis aufbrachte."

Kirschblüte in den Ceciliengärten in Friedenau, Berlin. (imago images / Cathrin Bach)KirRevolutionärin im bürgerlichen Gewand: Luxemburg suchte nach einem Rückzugsort im ruhigen Berlin-Friedenau. (imago images / Cathrin Bach)

Mit Karl Kautsky kämpfte Luxemburg Seite an Seite gegen den Revisionismus in der SPD – und verfasste im Zuge dessen eines ihrer großen theoretischen Werke "Sozialreform oder Revolution", das aus einer Serie von Zeitungsartikeln hervorgegangen war.

Umsturz der sozialen Verhältnisse

Um einen Umsturz der sozialen Verhältnisse herbeizuführen, sah Luxemburg es als entscheidend an, revolutionäre Theorie und reformistische Praxis zusammenzudenken und sah – anders als viele ihrer Parteigenossen – im Massenstreik ein wichtiges politisches Kampfmittel:

"Für die Sozialdemokratie besteht zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzertrennlicher Zusammenhang, indem ihr der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die soziale Umwälzung aber der Zweck ist."

Während der Russischen Revolution von 1905 an blieb Luxemburg als einziges Führungsmitglied der von ihr mitgegründeten SDKPiL in Berlin, und die Wohnung in der Cranachstraße wurde zu einem wichtigen Stützpunkt – als Poststation und als Unterkunft für politische Flüchtlinge oder Durchreisende zwischen Ost und West.

Faszination Russische Revolution

Allein im Jahr 1905 schrieb Luxemburg mehr als 80 Artikel zur Russischen Revolution für verschiedene Zeitungen wie die "Neue Zeit", den "Vorwärts" oder die "Sächsische Arbeiter-Zeitung". Sie war fasziniert von der Spontaneität des Aufstands in St. Petersburg, mit der die Revolution ins Rollen gekommen war.

Dies entsprach einem zentralen Element ihrer Revolutionstheorie: ihrem Glauben an die Spontaneität der proletarischen Massen als Motor des revolutionären Prozesses. Darin unterschied sich Luxemburg zutiefst von Lenin und dessen Konzept eines lenkenden Zentralkomitees, an dem sie bereits 1903 in einem Aufsatz deutliche Kritik geübt hatte:

"Der kühne Akrobat übersieht dabei, dass das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermesslich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten 'Zentralkomitees'."

"Fridays for Future hätte Luxemburg gefallen"

"Ihr ging es um das Humanum, und zwar um jedes", sagt Ernst Piper, "von der Selbstermächtigung des Menschen ist sie ausgegangen, sie hatte ja diese Spontaneitätstheorie, und deswegen ist sie nach meiner Überzeugung heute wieder hochaktuell, weil wir doch seit langem in einer Zeit leben, wo die traditionellen Organisationen ständig an Bedeutung verlieren: Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und so weiter."

Auf der anderen Seite gebe es Bewegungen, "die überhaupt keine Tradition und keine organisatorische Struktur haben, wie Fridays for Future", so Piper, "und die Millionen auf die Straße bringen. Das hätte Rosa Luxemburg außerordentlich gut gefallen. Das entspricht genau ihrer Spontaneitätstheorie, dass sie eben auch sagt: Das Proletariat darf auch Fehler machen."

In der Cranachstraße grüßen sich die Anwohner, eine Katze streunt umher, Gesprächsfetzen erklingen von einem Balkon. Angesichts der harten politischen Front, an der Rosa Luxemburg unermüdlich kämpfte, staunt man schon ein bisschen über den Kontrast: Das bürgerlich-gediegene Friedenau als Wohnort der berühmtesten Frau der europäischen Arbeiterbewegung? Genau das suchte Luxemburg, meint Ernst Piper.

Sehnsucht nach einem geordneten Leben

"Sie wollte irgendwo ankommen. Das war, glaube ich, ihre große Sehnsucht", sagt Piper. "Ich meine, man muss immer im Gedächtnis behalten: Politisch gewirkt hat sie immer nur in Deutschland, aber das Land mochte sie nicht besonders. Also, die Sozialdemokratie war eigentlich ihre Heimat. Aber da war sie dann spätestens seit Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts doch sehr in der Minderheit, als wortgewaltige Führerin der sogenannten Linksradikalen."

Dieser Kreis, zu dem Luxemburg sich zählte, sei innerhalb der Sozialdemokratie "eine relativ kleine Gruppe" gewesen, so Piper. "Spätestens seit der Massenstreik-Debatte hat sie sich auf den Parteitagen dann kaum noch durchgesetzt mit ihren Ideen. Und gerade, wenn man politisch immer so im Kampf steht, glaube ich: Rosa Luxemburg wollte im Grunde genommen irgendwo vor Anker gehen, zu Hause sein."

Rosa Luxemburg, die einzig für die Sozialdemokratie nach Berlin gekommen war, wurde mit der politischen Entwicklung in Deutschland zunehmend heimatloser. Nach 1911 lebte sie in Südende, wo sie in einer Fünf-Zimmer-Wohnung zwar endlich Platz genug hatte, um eigens politische Versammlungen abzuhalten. Ein "geordnetes Leben", wie sie es sich häufig in ihren Briefen ersehnte, stellte sich dennoch zeitlebens nicht ein.

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