Dienstag, 10.12.2019
 

Sein und Streit | Beitrag vom 08.09.2019

Philosophische OrteFrancis Hutchesons junge Jahre in Killyleagh

Von Étienne Roeder

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Portrait-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zeigt den Philosophen Francis Hutcheson in ernster Pose, er trägt eine schwarze Robe. (imago / United Archives International)
Francis Hutchesons hoffnungsfrohes Menschenbild könnte von der sanften Landschaft Nordirlands inspiriert sein. (imago / United Archives International)

Francis Hutcheson war der geistige Ziehvater der Moralphilosophen David Hume und Adam Smith. Für eine Reise zum Ursprung seines Denkens lohnt ein Besuch im nordirischen Killyleagh.

Bei der Einfahrt nach Killyleagh, einem kleinen Dorf in der Grafschaft County Down, ganz im Osten Nordirlands, fällt dem Besucher zunächst das imposante Killyleagh Castle in den Blick. Erbaut im Jahr 1180 ist es heute das älteste bewohnte Schloss Nordirlands.

Nach der idyllischen Fahrt über kurvenreiche Straßen und entlang ausgedehnter Schafweiden, führt mich der Soziologe James Dingley an den Ort, wo einer der berühmtesten Söhne Nordirlands einst die Schulbank gedrückt hat. Hier in Killyleagh besuchte Francis Hutcheson in seiner Jugend die Dissenting Academy.

Das Schloss Killyleagh in Nordirland. (picture alliance / Arco Images / F. Scholz)Zwei der Türme Schloss Killyleagh werden als Ferienwohnungen vermietet – inklusive Benutzung des schlosseigenen Schwimmbads und Tennisplatzes. (picture alliance / Arco Images / F. Scholz)

"Die Akademien waren von unten gewachsene Universitäten der Dissenter. Das waren Angehörige protestantischer Glaubenskongregationen, die sich nicht unter dem Dach der Anglikanischen Kirche befanden. Als Sohn einer presbyterianischen Familie blieb Francis Hutcheson der Besuch ordentlicher Universitäten verwehrt, weshalb er in der Academy hier in Killyleagh vor allem die neuen Fächer der Zeit studierte, also Wissenschaft und Wirtschaft."

Vordenker der Schottischen Aufklärung

Die neue Zeit und das neue Licht. Als Francis Hutcheson 1694 ganz in der Nähe von Killyleagh geboren wurde, stellte die industrielle Revolution Wirtschaft und Handel und somit die Gesellschaft auf den Kopf. Als Vertreter der sogenannten New Light-Philosophie, die sich gegen die strikten Glaubens- und Wissensgrundsätze der Calvinisten wandte, entwickelte er sich rasch zu einem engagierten Vertreter einer liberalen Gesellschaftsordnung.

Später sollte er in Glasgow studieren und gilt gemeinhin als Vater der Schottischen Aufklärung, der ebenfalls aus Schottland stammende Philosoph David Hume aber auch sein Schüler, der wichtige Nationalökonom Adam Smith wurden stark von ihm beeinflusst. Doch zunächst studierte er hier, zwischen den Hügeln Nordirlands.

Moralphilosophie zwischen sanften Hügeln

Ann Fee von der örtlichen Bibliothek führt uns auf den Friedhof der alten Presbyterianischen Kirche. "Weisheit bedeutet, die besten Ziele mit den besten Mitteln zu verfolgen." Diese moralphilosophische These, die er in einer seiner ersten Schriften formulierte, entwickelte Hutcheson hier zwischen den Mourne Mountains und dem Strangford Lough. Umringt von hügeligem Farmland, den Drumlins, die auch sinnbildlich Eierkörbchen genannt werden.

Nachdem er zunächst klassische Logik, scholastische Philosophie und Theologie studiert hatte, entwickelte er hier ein aufgeklärtes Menschenbild;  entwirft einen Menschen, der nach Wissen dürstet, Forschung und Entwicklung, Veränderung antreibt, einen Menschen, der zwei grundlegende Impulse kennt: einen egoistischen und einen altruistischen und sein Handeln vornehmlich zum Wohle aller einsetzen solle.

Inspiration für ein hoffnungsfrohes Menschenbild

"Hutcheson und Kant standen jahrelang in Briefkontakt, als Hutcheson bereits in Dublin seine eigene Dissenting Academy nach dem Vorbild von Killyleagh gegründet hatte. Doch nicht nur Kant hat er stark beeinflusst, auch Rousseau und Voltaire nahmen seine Ideen auf", weiß Dingley.

Hutcheson stemmte sich vehement  gegen die Auffassung, der Mensch handle nur aus niederen Beweggründen wie Gier und Selbstsucht. Und das Städtchen Killyleagh, umgeben von den sanftgrünen Hügeln County Downs, erscheint wie eine topografische Inspiration für ein hoffnungsfrohes Menschenbild.

Mehr zum Thema

Aby Warburgs Kulturwissenschaftliche Bibliothek in Hamburg - Ein Labyrinth zum Sich-drin-verlieren
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 01.09.2019)

Philosophische Orte - Spinozas Zuflucht in Rijnsburg
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 30.09.2018)

Philosophische Orte - Adornos Kindheit in Amorbach
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 16.09.2018)

Religionen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur