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Sein und Streit | Beitrag vom 30.11.2014

Philosophische KonferenzZu Gast beim Sultan

Wie ein philosophischer Wanderzirkus in Oman über Pluralismus und Demokratie diskutierte

Von Anne Françoise Weber

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Oman's Sultan Qaboos chairs the opening session of the annual summit of the Gulf Cooperation Council (GCC) in Muscat on December 29, 2008. (AFP PHOTO / MARWAN NAAMANI)
Der Sultan vom Oman: Qabus ibn Said (AFP PHOTO / MARWAN NAAMANI)

Es ging um Salafismus, Demokratie und Marxismus: Bei einer Konferenz in Oman haben Denker aus aller Welt über Pluralismus diskutiert - und sich dabei immer wieder auf das Pluralitätsmodell des Sultanats Oman bezogen.

Oman, das Land im Südosten der arabischen Halbinsel, zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jemen und Saudi-Arabien hat nur knapp vier Millionen Einwohner. Die Hauptstadt Maskat liegt direkt am Golf von Oman. Anders als in den benachbarten Emiraten stehen hier keine gigantischen Wolkenkratzer, sondern schlichte weiße Bauten. Die langen Strände sind sauber, im Hafen legen immer mehr Kreuzschiffe an – Touristen mögen dieses reiche Land mit seiner vielfältigen Landschaft, seinen freundlichen Bewohnern und den zahlreichen Luxushotels.

In einem dieser Hotels hatte das omanische Religionsministerium in der vergangene Woche die Mitglieder der Akademie der Latinität untergebracht. Tagen konnten die aus vier Kontinenten angereisten Konferenzteilnehmer im Parlamentsgebäude. Ein ungewöhnlicher Ort - selbst für die Akademie, bei der das Reisen doch zum Programm gehört. François L'Yvonnet ist ihr Geschäftsführer:

L'Yvonnet: "Das Ziel ist die Diplomatie der Gedanken. Die Idee zu erhalten, dass Denken immer 'Denken mit' bedeutet und man das Risiko eingehen muss, seine Überzeugungen, ja sogar seine Werte in Frage zu stellen. Es geht um eine Diplomatie des offenen Meeres, eine Diplomatie der Reisenden - und wenn man ein Schiff steuert, muss man auch mit schwerem Wetter umgehen."

Akademiemitglieder ohne Publikum

Die Grundlagen der Akademie haben Philosophen und Kulturpolitiker 1999 bei einem Treffen in der Toskana gelegt. Für Akademiemitglied Enrique Rodriguez Larreta hängt das eng mit dem Ende des Kalten Krieges und mit der Globalisierung zusammen :

Enrique Larreta: "Die meisten Globalisierungsprozesse finden auf Englisch statt. Englisch ist die lingua franca der Globalisierung. Unsere Idee war, von einer anderen Perspektive aus an dieser globalen Diskussion teilzunehmen. Wir haben eine Gruppe von unabhängigen Intellektuellen gebildet, einige davon latinischer Herkunft: Franzosen oder Brasilianer, Lateinamerikaner – aber es ging nicht nur um ihre Herkunft, sondern auch um eine kritische Sicht auf Globalisierung und eine Reflexion der neuen Themen des 21. Jahrhunderts: Identität, kulturelle Konflikte, und was Kultur und Religion genau bedeuten."

Besonders seit den Anschlägen vom 11. September 2001 bemüht sich die Akademie um eine Öffnung zu muslimischen Ländern. Konferenzen fanden unter anderem in Marokko, Iran und Ägypten statt. Im Laufe der Jahre wurden auch verschiedene arabische Denker in die Akademie aufgenommen, darunter ein Mitarbeiter des omanischen Religionsministeriums. Er brachte die diesjährige Konferenz zum Thema "Geteilte Werte im kulturellen Pluralismus" nach Maskat.

In dem repräsentativen, aber sehr abgelegenen Parlamentsgebäude blieben die Akademiemitglieder fast unter sich. Eine junge omanische Journalistin, eine der ganz wenigen anwesenden Frauen, erklärte den Publikumsmangel so:

Journalistin: "Das Problem sind die ganz speziellen Einladungen. Immer wenn hier im Sultanat wichtige Persönlichkeiten aus dem In- oder Ausland auftreten, ist das nur für ein ganz begrenztes Publikum. Die Öffentlichkeit ist nicht eingeladen, nur bestimmte Regierungsangestellte. Das ist die Politik der Organisatoren. Man fürchtet, dass ungebetene Gäste kommen könnten. Deswegen sind wir hier im Parlament. Man hätte auch in ein Hotel gehen können. Aber das sind Anweisungen des Sultans."

Vattimo: "Mich interessiert, ob es möglich ist, die Politik wiederzubeleben durch eine zusätzliche Zufuhr von Herz oder Leidenschaft. Denn wir erleben in Europa gerade eine exzessive Rationalisierung der Politik, die sich nur noch auf Verwaltung beschränkt. Es gibt keine Leidenschaft mehr, nur noch Zahlen, die kontrolliert werden müssen."

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo ist Vize-Präsident der Akademie der Latinität und ehemaliger Europa-Abgeordneter. Seine zahlreichen Bücher, darunter "Jenseits des Christentums", befassen sich mit Nihilismus und Theorien der Postmoderne.

In seinem Vortrag bezog sich Vattimo auf das Buch "Politische Emotionen" der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum. Ihr gehe es zwar ebenso wie ihm darum, mehr Leidenschaft in die Politik zu bringen. Allerdings gehe Nussbaum von einem zu erhaltenden System aus, während Vattimo nach den nötigen Gefühlen für eine Gesellschaftsveränderung sucht.

Vattimo: "Wir laufen in Europa momentan Gefahr, die Demokratie aus Mangel an Leidenschaft zu verlieren. In der arabischen Welt erkämpfen sie wahrscheinlich gerade die Demokratie, oder fordern jedenfalls etwas in diese Richtung, mit Leidenschaft."

Die Gefährdung demokratischer Errungenschaften im Westen war bei der Konferenz immer wieder Thema – die Frage nach der Demokratie in Oman wurde dagegen nicht offen diskutiert. Der Sultan ist hier Premierminister, Außenminister und Oberbefehlshaber des Militärs in einer Person. Die zwei Kammern des parteilosen Parlaments haben nur beratende Funktion - eine Verfassung gibt es nicht, nur ein von Sultan Qabus vorgelegtes Grundgesetz. Qabus ibn Said regiert das Land seit 1970, als er gegen seinen Vater putschte. Er wird von seinem Volk grenzenlos verehrt – nicht zuletzt aufgrund seiner effektiven Entwicklungspolitik, mit der er in wenigen Jahrzehnten Wirtschaft, Bildungssystem und Infrastruktur enorm ausbaute. Seit dem Putsch soll die Zahl der öffentlichen Schulen von nur drei auf rund tausend landesweit gestiegen sein.

Wer tritt die Nachfolge des kinderlosen Herrschers an?

Im Souq, dem traditionellen Markt von Maskat, bieten Händler – oft aus Indien, Sri Lanka oder Bangladesh - Tücher, traditionelle Gewänder, Datteln, Gewürze und Weihrauch an. Die überdachten Wege hängen dieser Tage voller Wimpel in den Nationalfarben rot, weiß und grün, manche mit dem Gesicht des turbantragenden Herrschers. Denn Oman hat Mitte November den Geburtstag und die 44 Herrschaftsjahre von Sultan Qabus gefeiert. An zahlreichen Gebäuden hängen riesige Portraits seiner Majestät– so lässt sich die Abwesenheit des geliebten Herrschers vielleicht leichter aushalten. Der Sultan hält sich für eine medizinische Behandlung in Deutschland auf und schickte Anfang November nur eine kurze Videobotschaft an sein Volk. Sein geschwächtes Aussehen verstärkte die seit langem kursierenden Gerüchte um eine schwere Krebserkrankung.

Auch in den Flurgesprächen der Konferenz ging es immer wieder um die angeschlagene Gesundheit des Sultans. Man spekulierte leise, wer wohl die Nachfolge des kinderlosen Herrschers antreten wird. Die große Frage ist, ob es dem Nachfolger gelingen wird, das Land stabil und ruhig zu halten, trotz der Konflikte im benachbarten Jemen und anderswo. Sultan Qabus hat Oman in den vergangenen Jahrzehnten befriedet - selbst während des so genannten arabischen Frühlings 2011 gab es hier nur kleinere Proteste, die schnell niedergeschlagen wurden. Die junge omanische Journalistin, die hier vorsichtshalber namenlos bleibt, hält diese Bewegung für völlig irrelevant:

Journalistin: "Alle, die zu diesen Demonstrationen gingen, haben keine eigenen Gedanken. Sie haben nur gehört: es gibt Demonstrationen und sind einfach zusammen hingegangen, ohne nachzudenken und ohne zu wissen, warum."

Um größere Proteste zu vermeiden, wurden 2011 die staatlichen Sozialleistungen erhöht. Doch die Ressourcen des Landes sind begrenzt und der fallende Ölpreis wirkt sich bereits auf den Staatshaushalt aus. Immer wieder werden Blogger oder Menschenrechtsaktivisten festgenommen, öffentliche Versammlungen müssen vorab genehmigt werden, sonst drohen Gefängnisstrafen. Nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für Demokratie und Meinungsfreiheit. Die Philosophen der Akademie der Latinität verwiesen allerdings darauf, dass auch die westlichen Demokratien keine glänzenden Vorbilder sind.

So Gianni Vattimo aus Italien: "Der Sultan ist der absolute Herrscher. Aber er hat etwas von reformorientierten Herrschern der Aufklärung. Denn die großen Herrscher dieser Epoche waren absolute Herrscher, die ihre Macht begrenzten – und die Philosophen einluden, wie Katharina die Große. Unsere westlichen Demokratien sind sehr eingeschränkte Demokratien – vor allem durch Geld. Wer wird die nächsten Wahlen in Amerika gewinnen, wenn nicht der, der das meiste Geld für den Wahlkampf zusammen bringt."

Marco Lucchesi aus Brasilien: "Zu dieser Zeit in Europa und auch in Lateinamerika sind wir sehr verärgert über unsere Demokratie. Wir haben wirklich keinen Enthusiasmus mehr und wir müssen die Demokratie überall demokratisieren. Natürlich auch hier und auch in Europa. Ja, wir haben sehr viel zu tun."

Javier Sanjinés aus Bolivien: "Es gibt nicht nur einen Demokratie-Typ, sondern verschiedene. Daher ist es unmöglich, heute ein homogenes Konzept zu benutzen, denn diese Homogenität existiert nicht."

Susan Buck-Morss aus den USA: "Also, wenn es eine Sitte ist, dass Demokratie jedes Mal eine Wahl haben muss, egal ob diese Wahl einen Unterschied machen kann, wie es bei uns sehr häufig jetzt der Fall ist, dann gibt es sicher Differenzen. Aber wenn man denkt, was ist dann eine demokratische Praxis? Dieser Sultan gebraucht consultation. Und das ist eine Art von Demokratie. Und ich finde es nicht richtig, dass man sagt: Ja, das ist anders. Nein, das ist nicht wesentlich anders."

In ihren Diskussionen über Identität und Pluralismus, Globalisierung und Marxismus jedenfalls fühlten sich die Teilnehmer der Konferenz in keiner Weise eingeschränkt, wie die US-amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss abends in der Hotellounge erklärte:

Buck-Morss: "Was ich sehr schön fand, ist dass man TV bei unserer Konferenz hier hatte. Wir haben ganz verschiedene Meinungen ausgesprochen, ich fand das nicht ganz kontrolliert. Natürlich kann man das schneiden, ich weiß nicht. Aber die waren ziemlich offen, die wollen eigentlich Teil der globalen Diskussion sein, die wollen irgendwie teilnehmen, das war klar."

"Unheimlich freundlich und doch tolerant"

Klar war auch, dass Oman bei der Konferenz sein eigenes Modell des kulturellen Pluralismus vorstellen wollte. Aus seiner wechselvollen Geschichte hat sich das Land Beziehungen nach Asien, Afrika und Europa erhalten. Und die Mehrheit der Muslime gehört dem Ibadismus an, einer frühen Abspaltung des Islam. Alles Gründe für die Einzigartigkeit des Sultanats, sagt Religionsminister Sheikh Abdullah Bin Mohammed al-Salmi:

Sheikh Abdullah: "Ich denke, dass der Ibadismus einen gewissen Einfluss hat. Aber der größere Einfluss liegt in der Geographie und der Geschichte des Ortes, in Kombination mit dieser Glaubenslehre. Denn diese Lehre gleicht zwischen den religiösen Institutionen und dem Staat aus. Das schafft eine gewisse Distanz zwischen der Gesellschaft und den religiösen Institutionen. Diese Balance zeichnet Oman möglicherweise aus."

Leben und leben lassen scheint die Devise der Omanis zu sein, diese Erfahrung machte auch die Philosophin Susan Buck-Morss bei der Tagung:

Buck-Morss: "Die Leute sind unheimlich freundlich und doch tolerant. Sie trinken Alkohol selbst nicht, aber es ist egal, ob wir das trinken. Sie zahlen nicht dafür - wenn wir ein offizielles Essen haben, gibt es keinen Wein dabei, und ich muss ehrlich sagen, ich habe das einige Male ein bisschen vermisst. Aber auf der anderen Seite ist es egal, was wir machen, privat oder miteinander."

Auch philosophisch setzten sich die Teilnehmer der Konferenz mit dem Begriff der Toleranz auseinander. So warnte der malaysische Soziologe Syed Farid Alatas davor, bei der Toleranz stehen zu bleiben:

Alatas: "Wenn man jemanden toleriert, gesteht man ihm oder ihr ein Existenzrecht zu, aber man ist hat kein Interesse an der anderen Person oder daran, eine enge Beziehung, Verständnis, Mitgefühl oder Bewunderung zu entwickeln. Multikulturalismus meint dagegen, dass wir nicht nur unter Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen oder ethnischen Gruppen leben, sondern dass wir die Vielfalt feiern, dass wir gern von anderen Kulturen lernen und echte Freundschaften mit Menschen aus anderen Kulturen entwickeln."

Salafisierung des Islam

Bemerkenswert sei in Oman, dass jedenfalls Muslime verschiedener Glaubensrichtungen wie Schiiten, Sunniten und Ibaditen jeweils in die Moscheen der anderen gehen und dort ungestört beten könnten, so Alatas. Weltweit dagegen sei eine Salafisierung des Islam zu beobachten, bei der anderen Glaubensrichtungen das Existenzrecht komplett abgesprochen werde. Gerade Omans mächtiger Nachbar Saudi-Arabien gebe diesen Bewegungen großen Rückhalt.

Sanjinés: "Wenn man sich Oman anschaut, sieht man, wie wichtig der religiöse Aspekt ist, um die Gräben zwischen Ethnizitäten und Kulturen allgemein zu schließen. Wenn wir uns nicht mit dem Religiösen befassen, fehlt uns die Hälfte – die Hälfte dessen, wie Probleme gelöst werden könnten und die Hälfte dessen, was eigentlich die Probleme sind."

So der in den USA lehrende Hispanik-Professor Javier Sajinés. Eines der religiös motivierten Probleme, die Gräueltaten der Terrororganisation Islamischer Staat, kam bei der Konferenz immer wieder zur Sprache. Auf die Frage, ob denn das kleine Oman dazu beitragen könnte, solchen Bewegungen Einhalt zu gebieten, antwortete Religionsminister Sheikh Abdullah:

Sheikh Abdullah: "Wir wollen nicht Teil des Problems sein, also keine Terroristen, und auch nicht Teil der Lösung, wie sie die großen Staaten sehen. Wir wollen auch nicht Teil einer Problemverlagerung sein, sondern Teil der Reform. Dazu laden uns unser Glaube und unser Erbe ein. Diese Reform ist unsere Pflicht, darin sind sich Große und Kleine gleich."

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(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 07.10.2010)

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