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Sein und Streit | Beitrag vom 06.01.2019

Philosophinnen Landweer und Newmark im Gespräch"Autorität ist eine Beziehung"

Moderation: Christian Möller

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Frau mit erhobener Faust vor einem gelben Horizont mit stilisierten Strahlen. (imago )
Autorität war lange männlich - muss es aber nicht sein: Wie kann weibliche Autorität aussehen? (imago )

Bei Autorität denken viele meist an Männer. Doch einige versuchen heute, ihre Autorität zu verstecken – sie gilt als altmodisch. Können wir aber überhaupt auf sie verzichten? Oder braucht es ein neues, weiblicheres Verständnis von Autorität?

Diesen Fragen widmen wir uns im Gespräch mit den Philosophinnen Hilge Landweer und Catherine Newmark, die jüngst einen Sammelband zu Autorität und Geschlechterrollen herausgegeben haben – und damit ein Forschungsfeld ausmessen, das bis zuletzt erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat.

Männliche Bilder von Autorität

"Ist Deutschland überhaupt schon reif für einen Mann als Kanzlerin?" So las sich in den letzten Monaten manch ironischer Kommentar zur Nachfolge von Angela Merkel. Darin zeige sich, sagt Hilde Landweer, bei aller Überspitzung, ein allgemeiner Wandel der letzten Jahre, "nämlich dass es immer selbstverständlicher ist, dass Frauen in Führungspositionen sind." Doch würde ihnen deutlich weniger Autorität zugeschrieben als Männer, die in einer ähnlichen Position arbeiten:

"Autorität ist etwas, das sich herstellt in Beziehungen. Es ist nicht einfach so, dass sie – heutzutage zumindest – an den Positionen heftet, die eingenommen werden. Und die Bilder von Autorität sind immer noch sehr stark männlich konnotiert."

Auf die Frage nach Assoziationen mit Autorität fielen den meisten Menschen immer noch männliche Figuren ein – und das, obwohl die gesellschaftliche Realität längst eine andere sei, wie Catherine Newmark betont, die hier eine Ungleichzeitigkeit von Praxis und Vorstellung sieht: "Unsere kulturelle Imagination von Autorität ist eigentlich altmodischer als es die tatsächlichen gesellschaftlichen Realitäten sind."

Das führe auch dazu, "dass wir eben Autoritätsverhältnisse haben zwischen Menschen, die vielleicht gar nicht als solche erkennbar sind, weil sie nicht den Bildern entsprechen, die wir uns traditionell von A. und Kompetenz machen."

Wenn Frauen doch einmal als Autoritätsfiguren anerkannt sind, werde ihnen dafür oft die Weiblichkeit abgesprochen. Mit dieser Schwierigkeiten hätten Frauen in Führungspositionen generell zu kämpfen, so Newmark:

"Dass sie entweder männliche Rollenmuster einnehmen und dafür Abstriche bei der wahrgenommenen Weiblichkeit machen oder umgekehrt, sehr weiblich auftreten und dafür dann ein Problem damit bekommen, dass man ihnen nicht unbedingt Autorität oder Expertentum zuschreibt."

Was ist Autorität?

Denn Autorität sei keine Eigenschaft, sondern immer eine Beziehung zwischen Personen – eine Zuschreibung. Wem sie zugeschrieben wird, das basiere wiederum ganz stark auf dem Repertoire an Bildern von Autorität, auf das wir unbewusst zurückgreifen.

Nach Hannah Arendt ist Autorität weder gewaltvoller Zwang noch bloßes Überzeugen, sondern bewegt sich zwischen beiden. In ihrer Analyse bezog sich Arendt vor allem auf eine traditionelle, vormoderne Form der Autorität, die transzendental hergeleitet wurde, also von Gott oder einer anderen Instanz jenseits der menschlichen Gesellschaft. Das machte Autorität tendenziell unhinterfragbar. Und sie war stark mit bestimmten gesellschaftlichen Positionen verbunden.

"Wir haben diese Form der Autorität politisch abgeschafft und kritisiert und darum ist Autorität schwierig geworden in der Moderne", betont Newmark. Seit der Aufklärung ist Autorität tendenziell anrüchig, die Kritik an ihr ist uns spätestens mit den antiautoritären Bewegungen des 20. Jahrhunderts in Fleisch und Blut übergegangen:

"Mit gewissen Ausnahmen im Totalitären ist diese Autoritätskritik einfach ein ganz starkes kulturelles Muster im westlichen Abendland." Zugleich aber habe sich ein alternatives Autoritätsideal entwickelt, eines, das auf Wissen, Kompetenz, "Expertentum" gründet und die Möglichkeit der Kritik immer beinhaltet.

Unlauteres Angebot von Gleichheit

Gerade die verinnerlichte Delegitimierung der von Autorität mache es allerdings heute schwer, fortdauernde Autoritätsbeziehungen wahrzunehmen  oder zu benennen. Und mitunter verleite sie dazu, diese auszublenden oder aktiv zu kaschieren. In der Gegenwart beobachten die Autorinnen deshalb einen Hang zur "verdeckten Autorität".

Ein Beispiel dafür findet sich in der "Jovialität" männlicher Autoritätsträger: Ein "Spiel" mit dem Verzicht auf Autorität – Duzen oder Weglassen von Titeln –, das nur möglich ist, "weil die Autorität schon da ist und ihnen zugeschrieben wird", so Newmark. Frauen dagegen könnten sich dieses Spiel oft nicht leisten, weil sie ihre Autorität überhaupt erst einfordern und behaupten müssen. Landweer sieht in solchen Beispielen ein "unlauteres Angebot von Gleichheit", welches die wirklichen Machtgefälle verschleiert.

Eine feministische Neubestimmung

Fest steht: Bei aller Kritik kommen wir von der Autorität nicht los. Autoritätsbeziehungen haftet etwas Existenzielles an, gibt es doch immer schon Menschen, die uns etwas voraushaben und uns in die Welt einführen – angefangen mit der Stimme unserer Mutter, noch vor unserer Geburt. Umso wichtiger erscheint es, die Kritik in eine positive Neubestimmung des Begriffes einfließen zu lassen.

"Es geht darum, einen Begriff zu haben, um zu beschreiben, wie diese ungleichen Beziehungen, die wir haben – zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern – wie die funktionieren", so Newmark. Autorität sei trotz seiner historischen Vorbelastung ein Begriff, der solch ein Verhältnis "am präzisesten beschreibt."

Einen ersten Versuch dazu haben bereits in den Achtziger Jahren italienische Feministinnen um Luisa Muraro gemacht, die Autorität als "Affidamento" (Anvertrauen) gedeutet haben: als verantwortungsvolle Unterstützung, Weitergabe von Kenntnissen und Erfahrungen zwischen solidarischen Frauen und Menschen – als einen Prozess der "Autorisierung" und Ermächtigung.  

"Die Idee ist", sagt Landweer, "dass die Unterschiede zwischen Frauen positiv genutzt werden können, um gegenseitig voneinander zu lernen."

Es gibt ein Bedürfnis nach Autorität

Wie lässt sich heute das Konzept von Autorität und unsere Bilder davon ändern? Einen ersten Schritt sieht Landweer darin, "Autorität überhaupt erstmal offen zu legen: Was sind denn Autoritätsverhältnisse, wo existieren sie heute, welche Rolle spielen sie? … Wann befördern sie diejenigen, die daran teilhaben und wann schaden sie ihnen. Wir müssen die Autorität benennen und angreifbar machen. Ich denke, dass man die Autoritätskritik nicht einfach abschneiden kann, sondern einspeisen muss in eine positive Auseinandersetzung mit Autorität."

Und Newmark stellt fest, "dass es ein bleibendes Bedürfnis nach Autorität gibt. Und wenn das so ist, dass Menschen in bestimmten Situationen Autoritätsverhältnisse und Orientierung wollen, dann ist es tatsächlich so, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, brauchen wir Autorität oder brauchen wir keine, sondern, welche Autorität brauchen wir."

Hilge Landweer, Catherine Newmark (Hg.): "Wie männlich ist Autorität?"
Campus Verlag, 2018
363 Seiten, 39,95 Euro

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