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Sein und Streit | Beitrag vom 01.12.2019

Philosophin über WillensschwächeWarum wir oft das eine wollen und das andere tun

Monika Betzler im Gespräch mit Simone Miller

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Eine Illustration zeigt einen schlafenden Mann auf der Couch, neben leeren Bierdosen und mit einem Burger-Rest auf dem Bauch. (imago images / Ikon Images / Robert Hanson)
Willensschwäche ist Handeln wider besseres Wissen, sagt Monika Betzler. (imago images / Ikon Images / Robert Hanson)

Eigentlich wollen wir Sport machen – aber bleiben vorm Fernseher hängen. Eigentlich wollen wir das Klima schützen – aber fliegen in die Karibik. Warum handeln wir so oft anders, als wir es uns vornehmen? Und was lässt sich dagegen tun?

Der Jahreswechsel rückt näher und damit die Zeit der guten Vorsätze: Mehr Sport, kein Fleisch, Fliegen schon gar nicht. Und am Ende siegt dann oft trotzdem das Sofa über das Laufband, der Sonntagsbraten duftet einfach zu verführerisch und die schönste Entspannung lockt eben doch  in der Ferne– also per Flugreise. Und wie so oft, sagen wir uns: Nur dieses eine Mal.

Willensschwäche durch Selbstbetrug

"Wir reden uns die eigene Willensschwäche oft schön, weil wir nicht genug Monitoring betreiben, wie häufig wir eigentlich schon Mittel ergriffen haben, die unsere Ziele unterwandern", sagt Monika Betzler, Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München.

"Wir leben erstmal im Jetzt. Und da sind die Objekte unserer Begierde, unserer unmittelbaren Wünsche häufig einfach eindrücklicher, als Ziele, die in der Zukunft liegen." Der Braten vor uns auf dem Tisch entfaltet dann eine Anziehungskraft, die das rational abgewogene Urteil übertrumpft. Indem wir unser Handeln als Ausnahme deklarieren, müssen wir uns diese Willensschwäche nicht eingestehen.

Handeln wider besseres Wissen

Philosophisch gesehen, sei Willensschwäche das Handeln wider unser "bestes Urteil" und damit klassischerweise "das Paradigma der Irrationalität": Erst wägen wir Gründe gegeneinander ab, gewichten die Umstände, bilden einen vernünftigen Willen – und machen dann doch etwas ganz anderes, vielleicht sogar diesem Willen entgegengesetztes.

"Deswegen kommen wir uns selber unverständlich vor, wenn wir eigentlich gesagt haben: Heute esse ich keine Torte – und uns dann plötzlich in der nächsten Konditorei wiederfinden."

Ausnahmen müssen begründet sein

Dabei muss die einzelne Ausnahme nicht per se schon ein Ausweis der Willensschwäche sein, wie Betzler am Beispiel einer Vegetarierin ausführt, die zu Weihnachten – wohlüberlegt – Fleisch isst, um Omas Kochkünste zu würdigen:

"Wir sind alle Menschen und müssen uns vielleicht manchmal auch Ausnahmen gönnen, weil es andere Güter gibt, die wir realisieren wollen – zum Beispiel die Beziehung zur Großmutter, die sie zum Essen eingeladen hat. Wenn es bei wenigen Ausnahmen bleibt, ist es durchaus denkbar, dass das kein Fall von Willensschwäche ist – aber wir müssten dann genauer hinschauen, wie viele Ausnahmen sich die Person wirklich erlaubt übers Jahr."

Die Philosophin Monika Betzler, den Kopf auf die Hand gestützt und in die Kamera lächelnd. (LMU / Christoph Olesinski)Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. (LMU / Christoph Olesinski)

Denn wenn sich die Ausnahmen häufen, unterlaufen wir damit unser ursprüngliches Ziel und handeln damit irrational – so jedenfalls die klassische Sichtweise in der Philosophie.

Ist Willensschwäche per se schlecht?

In jüngerer Zeit allerdings mehren sich die Zweifel, so Betzler, ob Willensschwäche – im Sinne des Handelns wider ein "bestes Urteil" – in jedem Fall irrational ist:

"Wir unterliegen Irrtümern. Wir sind uns selber nicht hinreichend transparent und verstehen auch nicht immer, was wir tatsächlich wollen. Das heißt, dass das ‚beste Urteil‘ tatsächlich wasserdicht anzeigt, was das Gute und Richtige ist, wie man bisher geglaubt hat, kann man hinterfragen. Und dann ist es durchaus denkbar, dass wir gegen unser bestes Urteil beispielsweise mittels unserer Emotionen Gründe wahrnehmen, die uns zum Besseren leiten."

Manchmal schlägt das Bauchgefühl die Vernunft

Wenn sich etwa jemand aus sorgfältig abgewogenen Gründen für ein Medizinstudium entschlossen habe und dann aus einem gefühlten Unbehagen heraus plötzlich das Studienfach wechsle, dann könne das zwar in diesem Moment irrational erscheinen. Aber "es könnte sein, dass Sie zehn Jahre später, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, denken: Das war die beste Entscheidung, die ich je treffen konnte, obwohl Sie zu dem Zeitpunkt dachten: Was mach ich da, ich bin verrückt!"

Gerade bei komplexen Zielen, wie einem Berufswunsch, könne man sich in seinen vorab getroffenen Urteilen leicht täuschen. Das Bauchgefühl könne dann neue Informationen und Gründe liefern, die dem ursprünglichen Urteil widersprechen. Und so kann es sein, "dass die Gründe, die uns zum ‚willensschwachen‘ Handeln verleiten, die besseren Gründe sind, weil sich Gründe wandeln."

Beim Klimaschutz stößt die Einzelne an Grenzen

Noch schwieriger wird es bei Zielen, die über die eigene Person hinausgehen und sich nur kollektiv verwirklichen lassen – etwa beim Klimaschutz: Hier stoße der individuelle Wille notwendigerweise an Grenzen. Deshalb hält die Philosophin es hier für unabdingbar, politische und institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Einzelnen erleichtern, klimafreundlich zu leben. Beispiele dafür sieht sie etwa in attraktiveren Bahnangebote oder dem Kohleausstieg.

Allerdings könnten auch beim individuellen Klimaschutz Ausnahmen gerechtfertigt sein, solange man grundsätzlich konsequent dieses Ziel verfolge:

"Stellen Sie sich vor, Ihre Großmutter liegt im Sterben, lebt aber auf einem anderen Kontinent und Sie wollen sie nochmal sehen, dann mag das ein für Sie rechtfertigbarer Grund sein, das Flugzeug zu nehmen – und ein Grund, der noch nicht per se Ihr Gesamtziel, möglichst viel für das Klima zu tun, unterwandern muss. Allerdings: Wir müssen sehr aufpassen, dass wir uns da nicht selbst betrügen und mit solchen Begründungen, Rationalisierungen, die Hände rein waschen."

Vorsätze regelmäßig prüfen

In diesem Sinne rät Betzler auch mit Blick auf die anstehenden Neujahrsvorsätze: "Es ist sicher kein Fehler, sich mal zu überlegen, was man im Jahr so machen möchte – worauf es dann aber ankommt, ist sich relativ regelmäßig zu fragen: Verfolge ich eigentlich noch mein Ziel oder bin ich dabei es zu unterwandern?"

Monika Betzler: "Willensschwäche und schleichende Irrationalität"
in: "Über die Seele" (hrg. v. Katja Crone, Jürgen Schnepf and Jürgen Stolzenberg)
Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2010
479 Seiten, 20 Euro

Monika Betzler: "Inverse Akrasia: A Case for Reasoning About One’s Emotions"
in: "Time in Action. The Temporal Structure of Rational Agency and Practical Thought" (hrg. v. Carla Bagnoli)
Routledge, London, vorauss. 2020

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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