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Sein und Streit | Beitrag vom 08.11.2020

Philosophin über Vernunft und Populismus„Anti-Aufklärung im Gewand der Aufklärung“

Marie-Luisa Frick im Gespräch mit Catherine Newmark

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Porträt der Philosophieprofessorin Marie-Luisa Frick. (Universität Innsbruck / Andreas Friedle)
Wer als mündiger Mensch selbst denken will, sollte die Grenzen des eigenen Wissens anerkennen, sagt die Philosophin Marie-Luisa Frick. (Universität Innsbruck / Andreas Friedle)

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Unter diesem Motto kämpfen heute immer mehr Leute für ein rechtes Weltbild und gegen vermeintliche Eliten. Wie konnte der Leitsatz der Aufklärung zur Parole von Populisten werden?

Eigenständig denken, kritisch urteilen, verantwortlich handeln: Auf diese Fähigkeiten gründete die Philosophie der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert ihre Vorstellung von einem mündigen Mitglied der Gesellschaft. Das Menschenbild eines derart souveränen Individuums war die Antwort auf fundamentale Umbrüche im Selbst- und Weltverständnis, erklärt Marie-Luisa Frick, Professorin für Philosophie an der Universität Innsbruck – Umwälzungen, für die es erste Anzeichen bereits im späten Mittelalter gegeben habe.

"Viele Strukturen, die Tausende Jahre getragen haben, Vorstellungen der richtigen Ordnung des Politischen, der Geschlechterverhältnisse, der sozialen Verhältnisse sind radikal brüchig geworden", sagt Frick. "Das erklärt für mich zu einem großen Teil diese Reformbesessenheit, dass man versucht hat, schnell noch Terrain zu schaffen, wo alles wegbricht – wie ein Mensch, der durch eine Gegend rennt, wo links und rechts die Häuser einstürzen, wo man wirklich Sicherheiten schaffen muss, ganz massiv, ganz schnell, weil alles fraglich geworden ist."

Gott ist nicht mehr die letzte Instanz

Worauf gründen wir unsere Sicherheit, im Hinblick auf Wissen und auf Moral? Diese Frage wurde zu einem Leitmotiv der Aufklärung. Nachdem Gott nicht mehr unangefochten die letzte Instanz darstellte, die diese Sicherheit garantiert, setzten viele Denkerinnen und Denker an seiner Stelle auf die menschliche Vernunft. Bis heute gehört das Vertrauen in vernunftgeleitetes Erkennen, Entscheiden und Handeln zum Fundament demokratischer Gesellschaften, die ihre Grundwerte aus diesem Erbe ableiten.

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Doch was genau "Vernunft" sei, darüber gingen die Ansichten schon in der Philosophie der Aufklärung auseinander. Sollte sie – jenseits moralischer Erwägungen – als "technisch-instrumentelle Vernunft" die Frage klären, was das beste Mittel sei, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Oder enthielt sie als "materiale Vernunft" selbst die Antwort darauf, was vernünftige Zwecke oder Ziele seien? In der Philosophie werde diese Frage noch immer lebhaft diskutiert, so Frick.

Die Welt besser verstehen – und besser machen

Wer für sich in Anspruch nehmen darf, im Namen welcher Vernunft zu sprechen, darüber flammt in der Politik dieser Tage immer wieder heftiger Streit auf. Marie-Luisa Frick sieht in der Aufforderung, selbst zu denken, das wesentliche Erbe der Aufklärung. Das nicht nachlassende Bemühen, die Welt um uns besser zu verstehen und nach Möglichkeit auch besser zu machen, ist für sie ein roter Faden, an den wir heute noch anknüpfen können. "Mutig denken. Aufklärung als offener Prozess" heißt ihr soeben erschienener Essay zum Thema.

Genau dieses Selbstdenken schreiben sich allerdings auch viele reaktionäre Bewegungen auf die Fahnen, die behaupten, gegen einen autoritären  Mainstream die Freiheit des Wortes zu verteidigen. "Das ist ein Analogon zu der Problematik, dass der neue Faschismus oft im Gewand des Antifaschismus auftritt", sagt Frick. "Hier tritt die Antiaufklärung in aufklärerischen Gewändern auf."

Falsche Ausgewogenheit in den Medien

Umso wichtiger sei es, "hier, genau zu prüfen und diesen Tendenzen auch dort Einhalt zu gebieten, wo man es kann". Frick sieht insbesondere Medienverantwortliche dazu aufgefordert, in ihrer Berichterstattung den weit verbreiteten Fehler der "falschen Ausgewogenheit" zu vermeiden.

"Man muss schon schauen: Wem gibt man eine Bühne, wie repräsentativ ist das für zum Beispiel eine wissenschaftliche Community, und nicht zu jeder kontroversen Meinung zwei Personen hinsetzen, die sich streiten", sagt die Philosophin.

Die Neigung zu einer solchen "Balance as Bias" zeigte sich etwa im Umgang vieler internationaler Medien mit Leugnern des von Menschen verursachten Klimawandels. Marie-Luisa Frick plädiert dafür, die Kommunikation von Wissenschaft, Politik und engagierten Bürgerinnen und Bürgern grundlegend umzugestalten. Gerade wenn es um wissenschaftliche Erkenntnisse gehe, sollte jedem und jeder einzelnen deutlich werden, "wie beschränkt auch Experten sind in den Bereichen, die nicht ihre unmittelbare Kompetenz betreffen und wie beschränkt Laien sind in fast allen Bereichen".

Ohne Demut schlägt Selbstdenken in Arroganz um

Frick sieht in dieser Einsicht einen Anlass zu Demut und ein wichtiges Korrektiv für den berechtigten Anspruch auf unabhängiges Denken: "Mit einer demütigen, selbstreflexiven Haltung kann Selbstdenken sehr wichtig sein. Aber ohne diese Haltung wird es arrogant." Diese Besinnung auf die Grenzen der eigenen Weltsicht werde Menschen leichter fallen, "die grundsätzlich einen Einblick haben in den großen Ozean des Wissens, von dem sie nicht alles trinken können", so Frick – vor allem, wenn sie besser nachvollziehen könnten, auf welche Weise Forschende Wissen gewinnen.

Kritische Fragen nach den Voraussetzungen und möglichen negativen Folgen des Selbstdenkens hätten auch Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant bereits gestellt, betont Frick. Auch gegenüber kollektiver Selbstbestimmung in der Politik habe es Vorbehalte gegeben. "Und es lohnt sich, zu diesen Fragen, zu diesen Texten zurückzukehren, auch in unseren krisenhaften Zeiten, wo dieses Selbstdenken in vielen Bereichen dazu führt, dass Volksverführer Menschen zu wirklich haarsträubenden Weltsichten verleiten."

(fka)

Marie-Luisa Frick: "Mutig denken. Aufklärung als offener Prozess"
Reclam Verlag, Stuttgart 2020
176 Seiten, 12 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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