Freitag, 20.09.2019
 

Sein und Streit | Beitrag vom 18.08.2019

Philosophin Kirsten Meyer über KlimaethikWas schulden wir unseren Kindern?

Moderation: Stephanie Rohde

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Eine Illustration: Der Planet Erde fliegt in einem Rettungsring im Weltraum (imago / fstop Images / Ralf Hiemisch)
Planet über Bord! - Auch künftige Erdenbewohner haben ein Recht auf Ressourcen. Für sie stehen wir heute schon in der Pflicht, sagt Kirsten Meyer. (imago / fstop Images / Ralf Hiemisch)

Treibhausgase, Mikroplastik, Abholzung – Umweltschäden von heute gehen zu Lasten der Menschheit von morgen. Das ist unmoralisch, meint die Philosophin Kirsten Meyer: Künftige Generationen haben einen Anspruch auf ein gutes Leben.

Aktuelle Klimastudien zeigen: Wenn wir die globale Umweltbelastung nicht drastisch reduzieren, werden wir nachfolgenden Generationen einen ruinierten Planeten hinterlassen. Verletzen wir mit unserer Lebensform auf verantwortungslose Weise die Rechte unserer Nachfahren?

Ethik im Interesse der Nachgeborenen

Kirsten Meyer, Professorin für Praktische Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, erkennt im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen einen der wichtigsten ethischen Konflikte der Gegenwart. Nach ihrer Auffassung sollte ethisches Handeln auch Menschen im Blick haben, die noch gar nicht geboren sind, sofern die Folgen dieses Handelns voraussichtlich deren Lebensbedingungen verändern.

Ein Porträt der Berliner Philosophie-Professorin Frau Dr. Kirsten Meyer (Privat)Klimaschutz fair finanzieren: die Berliner Philosophin und Biologin Kirsten Meyer. (Privat)

"Menschen, die heute noch nicht existieren, werden vom Zeitpunkt ihrer Geburt an auch fundamentale Interessen haben", so Meyer im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. "Insofern stehen wir heute schon in der Pflicht, diese künftigen Interessen, zum Beispiel an sauberer Luft, an Nahrung, an der Befriedigung all der Grundbedürfnisse, die wir auch haben, zu berücksichtigen."

Hinterlassen Sie den Planeten, wie Sie ihn vorgefunden haben

Doch der Anspruch späterer Erdenbewohner, bei weitreichenden Entscheidungen schon heute mitbedacht zu werden, reiche über die bloße Sicherstellung von Grundbedürfnissen hinaus: "Wir müssen die natürlichen Ressourcen so bewahren, dass sie ein genauso gutes Leben mit diesen Ressourcen haben, wie wir", stellt Meyer klar. "Wir sollten den Planeten so, wie wir ihn vorgefunden haben, auch künftigen Generationen hinterlassen."

Angesichts der Folgen des Klimawandels erscheint das besonders dringlich. In einer Demokratie, die wesentlich vom Wettstreit unterschiedlicher Interessen und von ihrem Ausgleich in politischen Verhandlungen lebt, haben Menschen, die noch gar nicht existieren, allerdings keine eigene Lobby. Bräuchte es dafür nicht eine neue Form der Interessenvertretung, etwa durch einen Klima-Rat mit politischem Gewicht?

Kirsten Meyer ist zuversichtlich, dass Veränderungen auch auf den klassischen Wegen der Parteiendemokratie angestoßen werden können: "Ich denke, dass einige Menschen gerade jetzt im Moment bereit sind, eine Form von Politik zu unterstützen, in der es nicht nur um ihre unmittelbaren Interessen geht, sondern auch um die Interessen anderer."

Wer zahlt heute für die Welt von morgen?

Eine entscheidende Frage ist freilich, wie die Lasten fair zu verteilen sind, um künftige Generationen zu entlasten. Wer schuldet wem genau was? Und wer steht heute für die Verhältnisse von morgen in der Pflicht? Kirsten Meyer verweist dabei auf das "Verursacherprinzip", das in der Klima-Ethik weithin anerkannt ist. Zusätzlich sei die "Zahlungsfähigkeit" der Beteiligten zu berücksichtigen. Oft weisen beide Faktoren in dieselbe Richtung, erklärt Meyer:

"Auf der globalen Ebene kann man grundsätzlich sagen, dass die Industrieländer diejenigen sind, die das Problem größtenteils verursacht haben, und auch monetär am besten in der Lage sind, ihren Beitrag zur Behebung dieses Problems zu leisten."

Übertragen auf die nationalstaatliche Ebene hält Meyer es grundsätzlich ebenfalls für richtig, dass die Kosten von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen, etwa durch eine CO2-Steuer, in erster Linie von wohlhabenden Bürgerinnen und Bürgern getragen werden, die – statistisch betrachtet – durch ihre Lebensweise am meisten zur Belastung der Umwelt beitragen.

Die Politik ist gefragt: Es fehlen Busse und Bahnen

Gleichzeitig betont Meyer jedoch, dass umweltpolitische und sozialpolitische Maßnahmen Hand in Hand gehen müssten, um eine gerechte Verteilung der Lasten und einen wirksamen Schutz der natürlichen Ressourcen zu erreichen. Sie befürwortet daher Konzepte einer Klimasteuer, die Ausgleichszahlungen vorsehen, um gezielt finanzschwächere Haushalte zu entlasten. Diese verursachten etwa durch kleineren Wohnraum und weniger Reisen ohnehin weniger CO2-Ausstoß.

Außerdem sei eine zusätzliche Steuer als Anreiz, sich umweltfreundlicher zu verhalten, nur dann sinnvoll, wenn der Staat zugleich entschieden öffentliche Investitionen auflege, zum Beispiel massiv in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs investiere und Bahnfahrten kostengünstiger mache, meint Kirsten Meyer. Nur so rückten für viele Menschen realistische Alternativen zur täglichen Autofahrt zum Arbeitsplatz oder zum Flug in den Urlaub in greifbare Nähe. Allein durch höhere Abgaben oder durch eine Obergrenze für den individuellen Ressourcenverbrauch, wie etwa der Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech sie kürzlich forderte, sei das Klima wohl kaum zu retten.

(fka)

Kirsten Meyer: Was schulden wir künftigen Generationen?
Reclam, Stuttgart 2018
240 Seiten, 20 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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