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Sein und Streit | Beitrag vom 23.05.2021

Philosophin Birgit ReckiEin "Zurück zur Natur" löst keine globalen Umweltprobleme

Birgit Recki im Gespräch mit Christian Möller

Ein Gewächshaus in Bayern. (Unsplash / Markus Spiske)
Natur und Technik sind keine Gegensätze, meint die Hamburger Philosophin Birgit Recki. (Unsplash / Markus Spiske)

Viele Umweltaktivisten beziehen sich gern auf Rousseau und dessen Zurück-zur-Natur-Philosophie. Doch damit lässt sich der Kampf gegen Klimawandel nicht gewinnen, meint Birgit Recki. Sie setzt dagegen auf Kant - und ein anderes Verständnis von Technik.

In den aktuellen Debatten um Klimawandel und Umweltzerstörung erscheint der Mensch oft als "Störfall". Mit seiner Technik betreibt er gnadenlosen Raubbau an der Natur und seine Gier und Wachstumsstreben zerstören die Grundlagen des Lebens. Und deshalb muss er wieder zurück: zum genügsamen, ressourcenschonenden Leben in Harmonie mit der Natur.

Eine derartige Argumentation findet die Philosophin Birgit Recki falsch, da hier Natur und Technik als Gegensatz begriffen werden. Denn die Natur sei eben nicht nur irgendwo da draußen, sondern genauso im Inneren unserer Häuser und Wohnungen, so argumentiert Recki, die über das Verhältnis von Natur und Technik gerade ein Buch mit dem Titel "Natur und Technik. Eine Komplikation" veröffentlicht hat. 

Zum einen sieht sie Natur in der Gestalt der Materialien, aus denen diese Häuser und Wohnungen gemacht seien. "Aber immer auch in Gestalt der Naturgesetze, die dabei gegolten haben, als all diese künstlichen Gegenstände gefertigt wurden." Insofern ist auch das Smartphone letztlich ein Stück Natur. Denn es basiert auf den Naturgesetzen - und sei von Menschen erfunden worden. "Und die sind als Lebewesen, als Organismen selber Produkte der Natur."

Schon die antike Philosophie unterschied Natur und Kultur

Gleichwohl lässt sich die Wahrnehmung eines Gegensatzes von Natur und Technik oder Natur und Kultur bis in die antike Philosophie mit ihrer Unterscheidung von Physis und Thesis zurückverfolgen. Dabei ist Physis das naturwüchsig Gegebene und Thesis das vom Menschen Gemachte.

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In der Moderne ist dieser Dualismus dann stark mit dem Namen Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1788) verbunden, so Recki:  

"Nach Rousseau ist es so, dass der Mensch aus den Händen der Schöpfung, wie er sagt, also aus der Natur als ein ursprünglich gutes, unverdorbenes Wesen hervorgeht und dass ihn dann die Kultur verdirbt und zu etwas Bösem macht."

Rousseau sei sich bewusst gewesen, dass es diesen Zustand eines ursprünglichen und vormoralischen Gutseins nicht gebe. "Aber er braucht ihn – so sagt er einigermaßen freimütig – als das Konstrukt eines Ideals, anhand dessen er die gesellschaftlichen und kulturellen Zustände, in denen sich der Mensch tatsächlich empirisch immer vorfindet, kritisieren kann."

Mit Dualismus lässt sich die Umweltzerstörung nicht aufhalten

Für Recki müssen wir gerade jetzt, angesichts von Klimawandel und Umweltzerstörung, aus diesem dualistischen Denken heraus. Denn auf Dauer begebe man sich damit in eine Frontstellung zur Natur, "durch die wir in letzter Instanz uns eigentlich nicht mehr plausibel machen könnten, wieso es sich nach unserer Intuition eigentlich 'lohnt', sich überhaupt für die Natur einzusetzen", warnt sie.

Porträt von Birgit Recki. (Volker Gerhardt)Mit Kant aus der Klimakrise: Die Hamburger Philosophieprofessorin Birgit Recki (Volker Gerhardt)

Einen Weg aus dem dualistischen Denken weist ein anderer Philosoph, und zwar Kant. Für Kant war Natur das, was nach den Kausalgesetzen bestimmt ist - und damit "die ganze Welt", so die Philosophin. Das impliziert für sie dann auch ein anderes Technikverständnis: "Ich würde vorschlagen, dass Technik der Inbegriff aller Maßnahmen und Methoden ist, durch die wir instrumentell unser Handeln effektiver machen."

Ohne Technik seien auch die Kollateralschäden bisheriger Technologien nicht zu beheben, betont Recki mit Blick vor allem auf Ansätze aus der Bionik. Hier würde sie sich wünschen, dass Berührungsängste gegenüber technischem Handeln in größerem Maße aufgelöst würden und dass dann "die Technologien entwickelt werden können, die wir alle brauchen und von deren Erfolg die Zukunft der Menschheit wenigstens zum Teil abhängen wird". 

(uko) 

Birgit Recki, Frank Fehrenbach (Hg.): Natur und Technik. Eine Komplikation
Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2021
95 Seiten, 10 Euro

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