Samstag, 17.11.2018
 

Sein und Streit | Beitrag vom 04.11.2018

Philosophen Petra Gehring und Philipp HüblWer kennt die Wahrheit und wenn ja wie viele?

Moderation: Stephanie Rohde

Beitrag hören Podcast abonnieren
Illustration: Menschen sprechen mit mehrfarbigen Sprechblasen. (imago stock&people)
"Es gibt eine Wahrheitskrise, in dem Sinne, dass wir tatsächlich Anlass haben, über Lügen zu diskutieren", meint die Philosophin Petra Gehring. (imago stock&people)

Meine Wahrheit, deine Wahrheit – stehen wir in Zeiten „alternativer Fakten“ noch auf dem Boden der Tatsachen? Oder zerrinnt uns die Realität längst zwischen den Fingern? Und wer ist schuld daran? Die Philosophie etwa? Das fragen wir zwei Philosophen.

Ein Präsident twittert, was ihm in den Sinn kommt. Im Internet erzielen Verschwörungstheorien täglich neue Klick-Rekorde. Und privat besteht ohnehin jeder auf seiner eigenen Wahrheit. Gibt es im viel beschworenen "postfaktischen Zeitalter" tatsächlich keine sichere Grundlage mehr für einen gemeinsamen Realitätsbezug? Im Gegenteil, meint der Philosoph Philipp Hübl.

"Wir leben im faktischsten aller Zeitalter"

Unsere Gegenwart sei das "faktischste aller Zeitalter", sagt Hübl, der bis vor kurzem eine Juniorprofessur für Theoretische Philosophie in Stuttgart innehatte. Erst die Moderne habe "Aberglaube und Unwissenschaftlichkeit" überwunden. Inzwischen habe sich die Weltsicht der Wissenschaft auch im Alltag durchgesetzt, verbunden mit dem Anspruch, kritisch zu prüfen, was als "wahr" behauptet wird. Hübl erkennt jedoch auch einen gegenläufigen Trend.

Hübl: "Was wir beobachten können, ist eine Gefahr durch die digitalen Medien, dass bei einigen Menschen die Überzeugung, dass es wirklich Fakten gibt, erodiert."

Jeder einzelne trägt Verantwortung für die Wahrheit

Den Grund dafür sieht Hübl in der Menge an widersprüchlichen Informationen, die täglich auf uns einströmen, und die für Leserinnen und Leser oft kaum einzuordnen seien. In seinem Buch "Bullshit Resistenz" betont er dennoch: "Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem einzelnen selbst." Woran aber kann sich der einzelne halten? Welche Instanzen bieten noch Orientierung, wenn im politischen Diskurs gegensätzliche Aussagen aufeinander prallen und denselben Anspruch auf Geltung erheben?

"Es gibt eine Wahrheitskrise, in dem Sinne, dass wir tatsächlich Anlass haben, über Lügen zu diskutieren", meint auch die Philosophin Petra Gehring von der Universität Darmstadt. "Wir leben alle mit einer Wahrheitsvertrauenskultur", sagt Gehring. Aber das Vertrauen in Autoritäten, die an der gesellschaftlichen Wahrheitsfindung mitwirken – Wissenschaft, Journalismus und Politik – sei in den letzten Jahren stark beschädigt worden, nicht zuletzt durch den zunehmenden Einfluss populistischer Rhetorik auf den öffentlichen Diskurs.

Populisten sticheln: Beweise mir doch, dass es nicht stimmt

Gehring: "Die Beweislastumkehr, die der Populismus vornimmt, ist zu sagen: So lange du mir nicht beweisen kannst, dass das falsch ist, was ich sage, kann ich es behaupten, obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt."

Petra Gehring plädiert allerdings dafür, mit dem Begriff "Wahrheit" außerhalb von wissenschaftlichen Zusammenhängen vorsichtig umzugehen. Gerade in komplexen Lebenslagen habe man es nur selten mit klaren Gegensätzen von "Wahrheit" oder "Lüge" sondern mit zahlreichen Grauschattierungen zu tun.

"Das Gegenteil von wahr ist nicht falsch"

Gehring: "Das Gegenteil von wahr ist nicht falsch, sondern weniger wahr, zweifelhaft, fragwürdig, nicht gesichert wahr. Es gibt Stufen, Abstufungen von mehr oder weniger wahr, wir haben nicht so eine Kippfigur: entweder ganz wahr oder ganz falsch. Vor allem draußen in der Welt sind wir eigentlich daran gewöhnt, von Graden der Wahrheit oder des Wahrseins auszugehen und kommen mit der Vorstellung von mehr oder weniger gesichertem Wahrsein gut zurecht."

Welche Rolle spielt die Philosophie für die aktuelle Verwirrung um die Wahrheit im politischen Diskurs? Haben nicht postmoderne Philosophen die Idee erst populär gemacht, dass es keine objektive Wahrheit gibt, weil verschiedene Wahrheiten unter je unterschiedlichen Bedingungen sozial konstruiert werden? Und ist die politische Debatte auf den Wahrheitsanspruch angewiesen oder vergiftet er sie? Auch darüber diskutieren Petra Gehring und Philipp Hübl bei "Sein und Streit".

Philipp Hübl: Bullshit Resistenz
Nicolai Publishing & Intelligence, 2018, 112 Seiten, 20 Euro

Petra Gehring: Traum und Wirklichkeit. Zur Geschichte einer Unterscheidung
Campus Verlag, 2008, 280 Seiten, 24,90 Euro

Mehr zum Thema

Digitaler Blackout - Die Wissensgesellschaft verzockt ihre Archive
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 04.09.2016)

Die ganze Sendung - Philosophie des Unbewussten
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 08.11.2015)

Philipp Hübl: "Der Untergrund des Denkens" - So schwach ist das Unbewusste
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 23.11.2015)

Religionen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur