Dienstag, 15.10.2019
 

Sein und Streit | Beitrag vom 10.03.2019

Philosoph Schmidt-Salomon Mit Humanismus gegen moralischen Starrsinn

Moderation: Joachim Scholl

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Im Münchner Hirschgarten hat es sich ein Mann unter einem Baum in der Sonne bequem gemacht und liest. (picture alliance / dpa / M. C. Hurek)
Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon plädiert für mehr Gelassenheit in aufgeheizten Zeiten. (picture alliance / dpa / M. C. Hurek)

Weltweit sind Fundamentalisten auf dem Vormarsch und auch hierzulande prägen oft unversöhnliche Gegensätze die Debatte. Was dagegen hilft? Moralische Gelassenheit und ein „evolutionärer Humanismus“, so der Philosoph Michael Schmidt-Salomon.

Entspannt euch!, rät Michael Schmidt-Salomon in seinem neuen Buch. Dahinter steckt aber kein Wellness-Ratgeber, sondern ein umfassendes Denkgebäude. Denn der Philosoph und Pädagoge ist schon lange überzeugt: Humanismus ist das beste Rezept gegen ein weltweites Problem der Gegenwart: gegen moralischen Dogmatismus. Bereits vor fünfzehn Jahren hat er mit seinem "Manifest des evolutionären Humanismus" einen Bestseller gelandet. Einige seiner Thesen hat er nun zu einer "Philosophie der Gelassenheit" weiter entwickelt.

Dynamische Weltsicht statt Dogmatismus

Mit Humanismus verbinden wir im Allgemeinen das Einstehen für Menschenrechte, für die Freiheit und Gleichheit aller Menschen und vor allem die Überzeugung, dass es jenseits der menschlichen Vernunft keine transzendenten Ordnungsmächte gibt.

Der "evolutionäre Humanismus" übernehme diese Grundlage im Wesentlichen, so Schmidt-Salomon. "Aber er verbindet dies sehr konsequent mit den Ergebnissen der modernen empirischen Forschung." Evolutionär sei dieser Humanismus also nicht nur, weil er den Menschen als Zufallsprodukt der natürlichen Evolution begreife, sondern auch, "weil wir nicht von absoluten, unantastbaren ewig gültigen Wahrheiten und Werten ausgehen, sondern vielmehr meint, dass wir unsere Vorstellung über die Welt permanent kritisch hinterfragen und dann gegebenenfalls auch verändern müssen. Es ist also kein starres Weltmodell, sondern ein offenes, dynamisches, das darauf ausgerichtet ist, sich evolutionär weiterzuentwickeln."

"Humanisten aller Konfessionen vereinigt euch!"

Nach seinem Erscheinen des Manifests wurde Schmidt-Salomon schnell dem "Neuen Atheismus" zugeordnet, der von Autoren wie Richard Dawkins propagiert wurde. Er selbst betont aber, dass es ihm "nie um einen neuen Atheismus" ging und bezeichnet sich als Agnostiker:

"Ich maße mir nicht an, die eine Wahrheit verkünden zu können, sondern das ist immer alles unter einem agnostischen Vorbehalt, denn ich weiß, dass meine Bücher und Texte voller Fehler sind, nur bin ich selbst leider zu borniert, so dass ich sie nicht erkenne."

Der Philosoph, Autor und religions- und kulturkritische Publizist Michael Schmidt-Salomon aufgenommen am 15.03.2015 in Köln. (dpa / picture-alliance / Horst Galuschka)Der Philosoph, Autor und religions- und kulturkritische Publizist Michael Schmidt-Salomon aufgenommen am 15.03.2015 in Köln . (dpa / picture-alliance / Horst Galuschka)

Mit liberalen Gläubigen erkennt er aber eine wichtige Gemeinsamkeit, nämlich "den Fundamentalismus und Fanatismus zurückzudrängen". Frei nach dem Motto "Humanisten aller Konfessionen vereinigt euch!" sollten alle weltoffenen Menschen "zusammenarbeiten gegen diese Dogmatiker, die immer nach einer Maxime agieren: 'Du musst daran glauben – oder dran glauben!'."

Aufgeklärte Religion: eine "absterbende Kulturerscheinung, wie Männer-Gesangsvereine"

Die Entwicklung der liberalen Theologie könne jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der weltweite Trend in die entgegengesetzte Richtung geht – von Evangelikalen in den USA über Jüdisch-Orthodoxe in Israel bis zur radikal-hinduistischen Regierung in Indien:

"Wenn wir uns umschauen, gibt es so etwas wie eine Internationale der Nationalisten, die nationalen Chauvinismus mit reaktionären religiösen Werten verrühren", ist Schmidt-Salomon überzeugt.

Diesem Erfolg des Fanatismus könne die aufgeklärte Religion wenig entgegensetzen:

"Ich meine, bei der aufgeklärten Religion handelt es sich eher um eine allmählich absterbende Kulturerscheinung, wie Männer-Gesangsvereine, die 'Am Brunnen vor dem Tore' singen. Man kann das bedauern, aber wenn ich mir die Welt anschaue, stelle ich fest, dass die Menschen entweder konsequente Säkularisten werden oder aber sehr konsequent den Vorstellungen der Religion folgen. Eine reine Metapher-Religion, die sich selbst nicht mehr richtig ernst nimmt, ist offensichtlich nicht besonders attraktiv."

Religionen lebten von ihren transzendenten Instanzen, so wie der Fußball vom Wettstreit, argumentiert Schmidt-Salomon weiter:

"Jesus' Erlösungstat ohne die Voraussetzung von Hölle und Teufel ist ungefähr so spannend wie ein Elfmeterschießen ohne gegnerische Mannschaft."

Kosmische Religiosität: "Sinn und Geschmack fürs Unendliche"

Trotzdem erkennt der Publizist die menschliche Sehnsucht nach Spiritualität an. Gegen Religiosität im Sinne des Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher habe er nichts einzuwenden: Der hatte Religion als "Sinn und Geschmack fürs Unendliche" definiert. Viel stärker als von den traditionellen Religionen werde dieser Sinn heute jedoch "von Wissenschaft und Philosophie genährt".

Die Wissenschaft habe uns "den Blick eröffnet auf die unendlichen Dimensionen eines Universums, das sehr viel geheimnisvoller ist, als es sich sämtliche Religionsstifter haben vorstellen können.

"Wer diesen realen Zauber des Kosmos erfahren hat, wird mit dem, was die Religionen uns da vorgeben, eher weniger anfangen können", meint Schmidt-Salomon.

Eine solche "kosmische Religiosität", wie sie etwa schon Albert Einstein vertreten habe, sei nicht nur weniger anfällig für Dogmatismus, sondern würde auch mit persönlicher Bescheidenheit einhergehen, insofern sie den Menschen nicht ins Zentrum des Universums stelle.

Gelassenheit statt Moralisierung

Die Bescheidenheit im Angesicht der Unendlichkeit macht für Schmidt-Salomon den Kern des evolutionären Humanismus aus. Deshalb macht er sie in seinem neuen Buch zur Grundlage einer Philosophie der Gelassenheit. Darin wendet sich der Autor aber nicht nur gegen religiösen Dogmatismus, sondern auch gegen moralischen. Es reiche nicht, "moralisch auf der richtigen Seite zu stehen und aufrichtig empört zu sein. Wir brauchen wirklich diese Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen unvoreingenommen gegeneinander abzuwägen".

Und dafür sei es zunächst unerlässlich, von einer Verabsolutierung des Guten und Bösen wegzukommen. Die habe "nicht zu mehr Gerechtigkeit geführt in der Welt, sondern zu mehr Selbstgerechtigkeit" und sei zutiefst relativ, wie die verschiedenen, oft gegensätzlichen Fundamentalismen zeigten:

"Jeder sieht sich als Vertreter des Guten im Kampf gegen das universelle Böse. Das ist so eine Art kulturübergreifende Borderline-Störung."

Begrenzte Willensfreiheit

Der Grund für den Hang zur Moralisierung liege auch in der tief verwurzelten Vorstellung, dass wir uns immer frei entscheiden könnten. Das sei die zentrale Voraussetzung für moralische Verurteilungen, die Schmidt-Salomon aber für wissenschaftlich nicht haltbar erachtet. Die Einsicht in die Begrenztheit unserer Entscheidungsfreiheit trage dazu bei, weniger streng mit sich selbst und anderen umzugehen, aber auch weniger stolz zu sein:

"Wenn man sich selbst nicht mehr gar so ernst nimmt, dann führt das zu einer Lebenshaltung, die einen entspannter, humorvoller, gelassener macht."

Zur Veranschaulichung stellt der Autor Albert Einstein und Donald Trump gegenüber. Der US-Präsident verkörpere ein Ich, das sich permanent seine eigene Großartigkeit beweisen muss. Das gehe mit Psychostress einher und der ständigen Angst vor Entlarvung. Ein Mensch vom Schlage Einsteins hingegen, der kosmische Bescheidenheit und einen Abschied vom "grandiosen Ich" gefordert habe, habe das gar nicht nötig und könne deshalb viel gelassener leben.

Das Leben ist kostbar, weil es endlich ist

Zur Gelassenheit gehört für Schmidt-Salomon auch ein unbeschwerter Hedonismus: "Gerade weil das Leben endlich ist, ist es so unendlich kostbar." Wir haben nur diese eine Chance, ist er überzeugt. Der Genuss im Leben sei also ein Gebot der Vernunft und der Hochachtung, denn:

"Wenn wir das Leben genießen, dann ehren wir damit in gewisser Weise auch die Menschen, die in der Vergangenheit für die Rechte gekämpft haben, die wir heute in Anspruch nehmen dürfen."

Michael Schmidt-Salomon: "Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit"
Piper Verlag 2019, 160 Seiten, 16 Euro.

Michael Schmidt-Salomon: "Manifest des Evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur"
Alibri Verlag 2005, 196 Seiten, 10 Euro.

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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