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Diskurs | Beitrag vom 12.04.2020

Philosoph Norman SierokaEin Gespräch über die Zeit in Zeiten von Corona

Moderation: Susanne Führer

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Blauer Sand rieselt durch die Finger ausgestreckter Hände. (Unsplash / Ben White)
Während der Corona-Pandemie wird deutlich, wie unterschiedlich wir Zeit wahrnehmen. Für die einen fühlt sie sich endlos an, den anderen rinnt sie durch die Finger. (Unsplash / Ben White)

Zeit ist Geld. Keine Zeit verschwenden. Die Zeit verrinnt. Wir reden über Zeit, als sei sie eine Substanz, kritisiert der Philosoph Norman Sieroka. Doch durch die Coronakrise hat sich für viele die Zeitwahrnehmung verändert. Zum Besseren?

Norman Sieroka beschäftigt sich als Physiker wie als Philosoph seit vielen Jahren mit der Zeit. Dazu gehört auch die Frage, wie wir Zeit wahrnehmen und wie wir über sie sprechen.

"Mein Eindruck ist, in den letzten 20, 30 Jahren reden wir mehr über Zeit, als wäre es eine Substanz, ein Material, insbesondere als wäre es Geld. Wir können Zeit verlieren, wir können Zeit verschwenden, wir können Zeit sparen. Diese Redeweisen haben meines Erachtens nach zugenommen. Vor 30 Jahren wäre es unüblich gewesen zu sagen, 'wenn du das jetzt machst, das bedeutet einen Zeitverlust von 30 Minuten'."

Metaphern aber seien nicht harmlos, man könne sie auch überstrapazieren. Zeit ist Geld? In manchen Zusammenhängen sei das ein sinnvoller Satz. Aber:

"Ich kann nicht in jedem Fall so reden, als sei Zeit Geld, und wenn ich schneller mache, mache ich Gewinn. Ich kann nicht zum Straßenbahnfahrer sagen: Fahr mal schneller, dann schaffst du heute ne Runde mehr."

Keine Zeit? - Keine Lust!

Auch bei einem Treffen mit Freunden sei es wenig sinnvoll, Zeit ökonomisch zu betrachten, sagt Sieroka, Professor für Philosophie an der Universität Bremen.

Die Redeweise, dass man "keine Zeit" für etwas habe, bedeutet im Allgemeinen: Ich mache jetzt lieber etwas anderes. Das heißt, es geht um die Frage der eigenen Prioritäten. Da sollte man doch lieber ehrlich zu sich sein.

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Den Begriff "quality time" hält Sieroka für einen unglücklichen Ausdruck, weil er suggeriert, es gebe die gute und die schlechte oder sogar die gute und die böse Zeit. Zeit funktioniere nicht nach Ranglisten. "Wir erleben Dinge in der Zeit und hoffentlich hat vieles seine eigene Qualität." Dazu kommt, dass der Vorsatz, "quality time" zu verbringen, wiederum Druck und Stress erzeuge.

Die Philosophie habe im Laufe der Jahrtausende keine abschließende Antwort gefunden auf die Frage, was die Zeit sei. Philosophie sei eben kein "Problemlöseunternehmen".

"Philosophie setzt sich jeweils aus ihrer Zeit, aus ihrer Perspektive mit Fragen auseinander, die uns umtreiben."

Jede Zeit hat ihre Berechtigung

Aber es liege natürlich auch am komplexen Charakter der Zeit. Selbst in der angeblich so exakten Wissenschaft der Physik gibt es keinen einheitlichen Zeitbegriff.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie haben für einige Menschen eindeutig mehr Arbeit und Stress gebracht. Andere empfinden einen Stillstand des öffentlichen Lebens. Zur Zeit gehört aber zum einen das Zyklische, immer Wiederkehrende – jeden Sonntag gibt es einen "Tatort" – zum anderen aber auch die Abwechslung – es gibt jeden Sonntag einen neuen "Tatort". Menschen brauchen das Zyklische wie das Neue.

Anders gesagt: Es gibt verschiedene Zeiten und sie alle gehören in ihrem Zusammenspiel zu unserem Leben dazu. Nicht nur hat ein Jegliches seine Zeit, auch jede Zeit hat ihre Berechtigung – sonst verlieren wir etwas.

(sf)

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