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Lesart | Beitrag vom 11.05.2019

Philosoph Kai Schreiber über „Wahre Lügen""Glaube nicht alles, was du denkst!"

Kai Schreiber im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Das Aquarell 'Anthropomorphe Landschaft' von Matthäus Merian (um 1650) zeigt eine Landschaft mit See und Fels. Es handelt sich um ein Vexierbild: Man kann in dem Felsen auch das Gesicht eines Mannes erkennen. (dpa / picture alliance / akg-images / Matthäus Merian)
Fels oder Mann? Das Aquarell "Anthropomorphe Landschaft" von Matthäus Merian (um 1650) ist ein Vexierbild. (dpa / picture alliance / akg-images / Matthäus Merian)

Wahrnehmung kommt von Wahrheit – von wegen! Wir sehen vor allem, was wir sehen wollen. Je nach Kontext interpretieren wir die Realität vollkommen anders – und oft falsch. Wann sollten wir unserer Intuition vertrauen und wann misstrauen?

Christian Rabhansl: Wenn jemand so richtigen Unfug redet, dann scheint die Lösung einfach: Einfach die Augen aufmachen und hinsehen! Nur, ganz so leicht ist es nicht. Bloß weil wir die Augen aufmachen und hinsehen, sehen wir noch lange nicht die Wahrheit. Das behauptet Kai Schreiber in seinem Buch "Wahre Lügen: Warum wir nicht glauben, was wir sehen". Kai Schreiber ist Physiker und Philosoph und macht jetzt in Neurowissenschaften.

Sie gehen in ihrem Buch sogar noch weiter und schreiben gleich zu Beginn: "Wir bilden uns zwar immer ein, unsere Wahrnehmung sei dazu da, die Wahrheit zu finden, das sei aber nicht einfach nur falsch, sondern sogar falsch mit Hintergedanken." Das müssen Sie erklären.

Kai Schreiber: Das ist für mich auch immer noch nach all den Jahren der faszinierendste Aspekt des Ganzen, dass nicht nur was wir wahrnehmen sich selten mit dem deckt, was sich abspielt, sondern wir trotzdem die ganze Zeit das ganz starke Gefühl haben, dass wir recht haben. Egal welcher Illusion wir gerade unterliegen, es gibt immer so einen Unterstrom in unserem Kopf, der uns sagt, das stimmt aber alles, was wir da sehen.

Ich glaube, dass der Grund dafür ist, dass es viel zu verunsichernd wäre, wenn wir die ganze Zeit merken würden, wie falsch wir liegen. Da könnten wir dann gar keine Entscheidungen mehr treffen. Und je wichtiger die Entscheidungen sind – das kann bis ins Lebensbedrohliche gehen. Das ist heute durch unsere herrliche Zivilisation ein bisschen weniger geworden. Aber früher war quasi jede Entscheidung potenziell lebensgefährlich. Und wenn man sich ständig hinterfragt, dann lähmt man sich. –

"Das bestmögliche Bild ist nie das richtige"

Rabhansl: Sie meinen das aber nicht metaphorisch, dass wir die Dinge nicht so sehen, wie sie sind, sondern fast buchstäblich?

Schreiber: Es war in den letzten Jahrzehnten eine Änderung in der Art und Weise, wie die Psychologie sich die Wahrnehmung vorstellt. In den 90er-Jahren hat das angefangen, wo man weggekommen ist von den Gedanken, dass die Sinnesorgane uns Informationen liefern und daraus bauen wir uns dann ein Bild der Welt. Und diese modernere Sicht, über die ich da auch im Buch viel schreibe, diese bayesianische Vorstellung von der Wahrnehmung, das kommt aus der Wahrscheinlichkeitstheorie.

Der Gedanke ist, dass man sich die ganze Zeit in einer Unsicherheit befindet. Es kommen Informationen rein, aber nichts von dem, was reinkommt, und nichts von dem, was man vorher schon weiß, ist sicher. Dann muss man gucken, wie man aus den ganzen Unsicherheiten sich das bestmögliche Bild macht.

Und die wichtige zentrale Erkenntnis ist: Das bestmögliche Bild ist nie das richtige. Das kann gar nicht das richtige sein – mathematisch, psychologisch, in jeder Hinsicht ist das unmöglich.

Vollgepackt mit Vorurteilen

Rabhansl: Der psychologische Teil, der scheint, wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, daran zu liegen, dass wir gar nicht in der Lage sind, wenn wir etwas wahrnehmen, dann nicht schon eine Menge eigene Vorurteile mit reinzupacken. Was denn zum Beispiel?

Schreiber: Das ist so das Standardvorurteil, was man so im Kopf hat, wo man denkt, das muss man wegkriegen – man darf nicht an der Hautfarbe festmachen, was für einen Charakter der Mensch hat, der einem da gerade begegnet. Das sind so die Vorurteile, an die man zuerst denkt. Aber das Interessante an dieser bayesianischen Sicht auf die Wahrnehmung ist, dass jeder einzelne Wahrnehmungsvorgang, der kann noch so primitiv und so klein und so fisselig sein – also die Frage, welche Farbe hat der Vogel da draußen, da stecken schon ganz viele Vorurteile drin.

Wenn die Farbe des Vogels die Frage ist, dann würde man nicht an Vorurteil denken, aber die Jahreszeit ist dann zum Beispiel wichtig. Im Winter würde man einen anderen Vogel erwarten als im Sommer, wenn der genau gleich aussieht. Das ist der wichtige Punkt: Der Vogel sieht exakt gleich aus, trotzdem nehmen wir einen anderen Vogel wahr.

Der Bauch des Rotkelchens im Winter

Rabhansl: Also den roten Bauch des Rotkehlchens sehe ich je nach Jahreszeit anders?

Schreiber: Man sieht ihn natürlich im Winter auch noch aus anderen Gründen deutlicher: Der Kontrast ist dann durch den Schnee höher. Aber man sieht ihn im Winter auch deswegen besser, glaube ich, weil man im Winter weiß, da sind jetzt überwiegend Rotkehlchen. Die ganzen Zugvögel, die kann ich gar nicht sehen, die sind nicht da.

Cover von Kai Schreibers Buch "Wahre Lügen". Im Hintergrund ist ein Mann zu sehen, der in Linz einen 3D-Zebrastreifen überquert. (Deutschlandradio / Rowohlt / picture alliance / Fotokerschi.at / APA / picturedesk.com)3D-Zebrastreifen wecken den Eindruck, als würde der Zebrastreifen schweben. Das soll die Aufmerksamkeit der Autofahrer erhöhen und so für mehr Sicherheit sorgen. (Deutschlandradio / Rowohlt / picture alliance / Fotokerschi.at / APA / picturedesk.com)

Rabhansl: Sie haben ein wissenschaftliches Buch geschrieben, aber es ist ein Buch, das trotzdem immer wieder auch deutlich in den politischen Bereich hineinschrammt. Wenn Sie sagen, es spielen Vorurteile mit rein, wie wir Dinge wahrnehmen, habe ich an diesem Punkt gedacht, eigentlich spielen Sie damit Verschwörungstheoretikern in die Hände. Zum Beispiel Leute, die sagen: Menschengemachten und Klimawandel, das gibt es nicht. Die argumentieren ja genau so. Die ganzen Wissenschaftler, auch die haben ihre Vorurteile, also darf ich das genauso gut anders sehen.

Schreiber: Ja, das ist, glaube ich, der allergrößte Irrtum von allen, dass aus der Tatsache, dass man nichts sicher wissen kann, folgt, dass jetzt irgendwie auch schon alles egal ist. Das ist, was die Verschwörungstheoretiker gerne benutzen, wie Sie sagen. Dann sagt man, ja die Wissenschaft, die hat auch ihre Zweifel, und dann gibt es diese Meinung und jene Meinung und dann kann ich mir das aussuchen.

Das ist ein ganz fundamentales Missverständnis. Weil gerade dadurch, dass man es nicht sicher wissen kann, wird es besonders wichtig, dass man es so gut wie möglich macht – also quasi das exakte Gegenteil. Das Faszinierende für mich ist, dass unser Impuls eigentlich immer in die Gegenrichtung zu dem geht, was man eigentlich gerne hätte.

Der Impuls sollte sein, wir machen es so sorgfältig wie möglich, weil wichtige Dinge draus folgen – dass wir Verschwörungstheorien nicht anhängen, dass wir recht haben, ob das ein Raubtier ist oder ein Rotkehlchen. Trotzdem ist unser Impuls quasi blind, unbesehen, was zu übernehmen, weil es sich im Moment gut anfühlt und dieses Misstrauen gar nicht zu haben, das man eigentlich habe müsste.

"Intuitionen sind gefährlich"

Rabhansl: Ich lerne also, ich darf sehr vielen meiner intuitiven Gedanken überhaupt nicht vertrauen. Das klingt wahnsinnig anstrengend. Wie sollen wir das denn schaffen? Haben Sie ein paar Alltagstipps?

Schreiber: Es ist fast immer in dem Bereich – das habe ich auch beim Schreiben gemerkt –, man kommt an irgendeiner Stelle an, wo man denkt, man hätte etwas klar. Dann kommt sofort wieder ein aber hinterher. Es stimmt: Intuitionen sind gefährlich, vor allem weil sie diese wahnsinnige Überzeugungskraft haben, die zuerst auf nichts von dem beruht, was wir gerne in Urteilen drin hätten, nämlich irgendeine Sachkenntnis und so weiter.

Das stimmt aber sofort nicht mehr, wenn das Intuitionen von Leuten sind, die viel Erfahrung haben. Das heißt, der praktische Rat ist, wenn man sich in einer Sache nicht auskennt, sollte man davon ausgehen, dass alles falsch ist, was der Bauch sagt. Wenn man keine Erfahrung mit irgendeiner Angelegenheit hat und das ganz starke Gefühl hat, aber die Experten, da stimmt doch was nicht an den Argumenten – was zum Beispiel beim Klimawandel ganz viel passiert. Leute, die eigentlich vom Wetter und vom Klima und von diesen komplexen Dingen nichts verstehen, sich nicht damit beschäftigt haben, hören die Theorien und sagen, ja, aber das kann ja nicht, das gibt ja gar keinen Sinn für mich.

Da kann man eigentlich von vornherein sagen, das Gefühl kann man ignorieren. Das ist schwer, das Gefühl haben wir alle, aber das muss man eigentlich wegdrücken, sobald man merkt, ich hab eigentlich gar keine Erfahrung mit dem Thema.

"Glaube nicht alles was du denkst"

Rabhansl: Also sich selbst ein bisschen weniger vertrauen. Am Ende Ihres Buches kommen Sie noch auf die spannende Frage, was wir denn genau tun können. Das geht ein bisschen hinaus über das, was Sie jetzt gerade sagen. Sie fordern etwas, eine Art neue Aufklärung, was ich aber angesichts der Erkenntnisse Ihres Buches fast ein bisschen optimistisch finde. Trotzdem, was könnte das für eine neue Aufklärung sein?

Schreiber: Ja, wie Sie sagen, es ist optimistisch. Die Aufklärung ist jetzt nicht erst seit gestern in der Welt und hat ihre Rückschläge seitdem erlebt. Ich glaube, was den Einzelnen unheimlich gut tun würde, ist das, was so im Kern angeklungen ist: Sich selber gegenüber misstrauischer sein. Es gibt diesen Klischeespruch aus der Psychotherapie: Glaube nicht alles, was du denkst. Und je mehr davon man hat, glaube ich, desto resistenter ist man gegen dieses ganze Zeugs, was durch den geistigen Raum so schwirrt.

Ich glaube, gegen viele von diesen Fallen, in die man tappt, viele von diesen Verschwörungstheorien und diese Memes auf Facebook, die rumgereicht werden und die alle blind weiterreichen, weil es sich gut anfühlt, sind wir mehr oder weniger machtlos. Das wäre auch zu optimistisch zu denken, wir können den Menschen umbauen, sodass er dafür nicht mehr anfällig ist. Das ist wie, wir bauen den Menschen um, sodass er nicht mehr für Zigaretten anfällig ist – das ist Quatsch.

Was wir gemacht haben, ist Maßnahmen zu ergreifen, sodass es unbequem und unangenehm wird, Raucher zu sein. Ich glaube, solche Sachen muss man auch in diesem gedanklichen Bereich machen. Und dann ist natürlich sofort die Frage: Wer soll das machen? Und warum sollen wir dem vertrauen? Darauf habe ich auch keine Antwort. Aber ich glaube, das ist der Weg. Und der wird nicht leicht. Es wird immer mühsam bleiben, das ist die Natur der Sache.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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