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Sein und Streit | Beitrag vom 07.05.2017

Philosoph Alain de BottonSo geht Zufriedensein

Alain de Botton im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler

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Der britische Philosoph Alain de Botton (imago/ZUMA Press)
Wir brauchen im Feld der Zufriedenheit Erziehung, sagt Alain de Botton. (imago/ZUMA Press)

Wir streben nach Dingen, weil wir denken, dass uns das glücklich macht. Ein tragischer Irrtum, meint der Philosoph Alain de Botton: Wir vergessen dabei völlig, dass wir auch Erfüllung bräuchten. Von der Kunst könnten wir lernen, wie das geht.

Alain de Botton ist skeptisch gegenüber dem Begriff Zufriedenheit. Der Mensch, so der Philosoph, sei eine "Kreatur der ständigen Unzufriedenheit. Wir geben uns mit Dingen nicht zufrieden." Unser Leben sei gezeichnet von dem - ja durchaus sinnvollen - Streben nach bestimmten Dingen. Aber warum befriedigen uns die Dinge nicht, nach denen wir streben, selbst wenn wir sie erreicht haben? Deshalb, hätten sich schon die Griechen mit der Kunst beschäftigt, nach den richtigen Dingen zu streben.

Überhaupt sei die Vorstellung, rund herum zufrieden zu sein, jeden Tag glücklich zu sein, "dumm". Wichtig sei vielmehr Erfüllung, das habe auch Nietzsche gezeigt. Erfüllt zu sein schließt das Leiden, schließt schlechte Laune nicht aus. Wir müssen wissen, was Leiden bedeutet. Nur dann können wir kleine Momente des Glücks empfinden.

Glamour, Prestige und Ruhm seien jedoch die entscheidenden Ziele unserer Gesellschaft, nicht das Betrachten des Himmels bei Nacht. Von der Kunst können wir, meint de Botton, in dieser Hinsicht viel lernen, denn sie sieht die kleinen Dinge, das Nebensächliche - und hebt es ins Licht.

Wir brauchen im Feld der Zufriedenheit Erziehung, sagt Alain de Botton. Nur so lernen wir, wie wir zufrieden sein können. Wir lernen in unserer Gesellschaft nicht, wie man richtig in den Urlaub fährt, wie man eine Beziehung führt. "Wir denken, Liebe sei nur ein Gefühl. Aber die Liebe ist etwas, das man lernen muss."

"Es ist einfacher, andere glücklich zu machen als sich selbst"

Reichtum und Sicherheit, meint de Botton, habe nichts mit Zufriedenheit zu tun. Das sei der fundamentale Irrtum der Wohlstandsgesellschaft. "Die Läden sind voll, das sollte uns doch eigentlich sehr glücklich machen." Aber 70 Prozent der Menschen sind überzeugt davon, dass sie nur dann glücklich sind, wenn ihre Beziehung funktioniert. Faktisch jedoch wird nur ein Prozent der aktuellen Wirtschaft wirklich in etwas investiert, was mit Glück zu tun hat.

Kapitalismus ist nicht der Feind der Zufriedenheit, sondern ein veränderbares offenes System. Man kann es intelligent organisieren. Klöster zum Beispiel waren äußerst erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen. Das Äquivalent ist das Beach-Hotel, in dem wir ebenfalls zur Ruhe kommen sollen, was aber meistens nicht gelingt. Der Kapitalismus sieht noch nicht, was Menschen wirklich erfüllt.

In China habe es im 11. Jahrhundert einen Gelehrten geben, Mi Fiu, der die Schönheit der Steine entdeckte. Damit weckte er eine Begeisterung, die über dreihundert Jahre andauerte. Die Menschen fühlten sich erfüllt, wenn sie die Steine betrachteten.

"Es ist einfacher, andere glücklich zu machen als sich selbst", sagt de Botton. Das wüssten Eltern am besten, die, nachdem sie sich dreißig Jahre nur um sich gekümmert haben, ein kleines Wesen glücklich machen. "Wenn ich ein Hotel hätte, würde ich es ganz anders aufbauen. Ich würde dafür sorgen, dass die Gäste das Personal bedienen. Es ist doch viel schöner, andere bedienen, als bedient zu werden."

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