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Fazit | Beitrag vom 15.11.2018

Philippe Vandenberg in der Hamburger KunsthalleGesellschaftliche Abgründe

Von Anette Schneider

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Philippe Vandenberg (1952–2009) Aimer c'est flageller I / Zu lieben heißt zu geißeln I / To Love is to Flagellate I, 1981–1998 Öl und Kohle auf Leinwand / Oil and charcoal on canvas, 152 x 302 cm  (Alex Delfanne)
Ausschnitt aus "Aimer c'est flageller I" (Öl und Kohle auf Leinwand, 152 x 302 cm © The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth) (Alex Delfanne)

Philippe Vandenberg gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler Belgiens. Hierzulande ist er kaum bekannt. Jetzt zeigt die Hamburger Kunsthalle mit "Kamikaze" eine Werkschau des Künstlers.

An den Wänden: Ein flüchtig mit weiß übermalter schwarzer Bildgrund, auf dem zwei schwarze Steine auf nackten Menschenbeinen gegeneinander kämpfen. Der Mensch - ein ewiger, aggressiver Faustkeil. Oder: Leinwände und Papier, beschrieben mit großen, ungelenken Buchstaben, die oft die Parole ergeben: "KILL THEM ALL AND LETS DANCE". Oder: Eine große Leinwand bedeckt mit dicker, grauer Farbe, voller Verwerfungen und Risse - eine Landschaft als Inbegriff für Werden und Vergehen.

Erster umfassender Blick auf das Werk Vandenbergs

Der erste umfassende Blick auf das Werk des belgischen Malers ist Kuratorin Brigitte Kölle zu verdanken: "Er hat figürlich gemalt. Er hat abstrakt gemalt. Er hat mit Schrift gearbeitet, so dass es einem manchmal hier in dieser Ausstellung vielleicht auch fast vorkommen mag, als wenn es eine Art Gruppenausstellung wäre. Aber wenn man genauer hinsieht, merkt man doch: es ist ein und der Gleiche. Es gibt bestimmte Themen. Und es gibt bestimmte Intensitäten, die er einfach hatte, dazu gehört eine Form der Dringlichkeit. Also man spürt bei ihm, dass er selber auch auf der Suche gewesen ist."

(Jean Pierre Stoop)Philippe Vandenberg bei der Arbeit in seinem Atelier. (Jean Pierre Stoop)

Vandenberg wurde 1952 in der Nähe von Gent geboren. Als Künstler hatte er schnell Erfolg, doch stets blieb der sehr belesene Maler ein unangepasster Einzelgänger. 2009 nahm er sich mit 57 Jahren das Leben. Da hatte er Jahrzehnte lang darum gerungen, für die unzumutbaren Zumutungen unserer Zeit angemessene Bilder zu entwickeln, hatte nach immer neuen Ausdrucksformen gesucht, hoffend, die Abgründe der Welt vielleicht noch treffender fassen zu können: Krieg und Gewalt. Macht, Willkür, Gleichschaltung und Unterwerfung - und was all das in uns anrichtet. Diese formale Suche nannte er "Kamikaze".

"Philippe Vandenberg hat das zu seinem künstlerischen Credo erhoben, weil er immer sagte: 'Das Wichtige ist Kamikaze'. Also da auch so eine Radikalität im künstlerischen Denken, die es natürlich auch sehr anstrengend macht."

"Es bleibt immer etwas zurück von dem, was war"

Brigitte Kölle präsentiert die Arbeiten in sechs großen Sälen grob thematisch geordnet und lässt ihnen viel Raum, was ihre Wucht verstärkt. Neben labyrinthhaften Zeichnungen, neben Buchstaben- und Materialbildern, Serien über Grenzgänger wie Ulrike Meinhof oder Antonin Artaud, versammelt ein großer Raum Gemälde, die Vandenberg wieder zerstörte: Einige übermalte er so lange, bis die wulstigen Farbmassen zu einer Skulptur wurden, aus der Zerstörung des Alten Neues erwuchs. Bei anderen kratzte er die Farbe wieder ab. Auf einer großen Leinwand sieht man hier und da noch Farbreste, dazu die Wunden, die das Abkratzen in der Leinwand hinterließ - wie Verletzungen auf menschlicher Haut.

"Und was ich so Faszinierend dabei finde ist, dass so ein abgeschabtes Bild nur zeigt: Man kann so viel versuchen abzutragen oder wegzunehmen, wie man möchte - es bleibt doch immer ein Bild. Es bleibt immer etwas zurück von dem, was war."

Philippe Vandenberg (1952–2009) Kein Titel / No title, 1997–1999 Öl und Bleistift auf Holz / Oil and pencil on wood, 78 x 86 cm © The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth (© The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth)Ausschnitt aus "No title" von Philippe Vandenberg. (© The Estate of Philippe Vandenberg / Courtesy Hauser & Wirth)

Das zeigt er auch in seinen figürlichen Bildern, den verstörendsten Arbeiten der Ausstellung, in denen es um die Kontinuität von Geschichte geht - bis ins Heute. Immer wieder zeichnet er auf grob gemalten Bildgründen umrisshafte, oft comicartige Figuren: Aus dem erigierten Penis eines lange begrabenen Königs wächst z.B. ein Baum ins Heute, an dem zahlreiche Gehenkte baumeln.

Keine Gefälligkeiten und keine Kompromisse

Auf einem nur flüchtig geweißten Stück Holz skizziert er ein männliches Gesicht mit zugenähtem Mund - ein barbarisches Sinnbild für Zensur. Und vier kleine Zeichnungen führen vor, wie ein Mensch zum Tier wird und mit den Wölfen heult. Diese lapidare, skizzenhafte Form entspricht verstörend genau der unerträglichen Beiläufigkeit, mit der wir auf die täglichen Nachrichten über menschengemachte Katastrophen reagieren - falls wir überhaupt noch reagieren.

"Für ihn war das Zeichnen schon sehr früh eine Form - ja, letztlich kann man es nicht anders sagen als: mit dem Leben zurecht zu kommen. Sich damit auseinanderzusetzen, was er sieht, was passiert, was in ihm passiert, und die Kunst auch so eine Form als eine Heilerin zu sehen."

Brigitte Kölle, Leiterin der Galerie der Gegenwart, ist mit der Ausstellung etwas gelungen, was Museen nur noch selten leisten, obwohl es zu ihren Aufgaben zählt: Sie stellt einen hierzulande unbekannten Künstler vor, dessen Werk verunsichert, schmerzt und beunruhigt. Einen Maler, der jegliche Gefälligkeit und jeden Kompromiss verweigerte, um Bilder für die äußeren und inneren Verheerungen unserer Zeit zu entwickeln und damit herausfordert, über Alternativen nachzudenken. Die Ausstellung betreibt damit endlich einmal wieder, was einst vornehmste Aufgabe des bürgerlichen Museums war, aber durch den Zwang der Institutionen, mit "Publikumsrennern" Geld verdienen zu müssen, längst verloren ging: Aufklärung.

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