Seit 16:30 Uhr Kulturnachrichten

Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 16:30 Uhr Kulturnachrichten

Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.03.2019

Philippe Lançon über das "Charlie Hebdo"-AttentatDas Leben nach dem großen Riss

Von Dirk Fuhrig

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in einer Druckerei ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion. (MARTIN BUREAU / AFP)
Vier Jahre ist der Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" her - das Magazin verarbeitete die Gewalttat auch im eigenen Heft. (MARTIN BUREAU / AFP)

2015 wurde die „Charlie Hebdo“-Redaktion in Paris Opfer eines Anschlags. Zeichner und Redakteure wurden getötet. Der Journalist Philippe Lançon hat schwer verletzt überlebt, in dem Roman "Der Fetzen" hat er sein Trauma verarbeitet. Wie geht es ihm heute?

Philippe Lançon hat den Albtraum überlebt. Wenn auch knapp. Eine der Kugeln aus den Gewehren der Brüder Kouachi hatte ihm den Unterkiefer zerfetzt. Vier Jahre und viele Operationen später sagt er: "Es ist nicht so, dass ich heute keinen Hass mehr empfinde. Ich habe nie Wut oder Hass auf die beiden Mörder empfunden. Es sind für mich arme, finstere Gestalten, sonst nichts."

Wenige Tage danach schrieb er schon wieder

Philippe Lançon ist nach Berlin gekommen, um die Übersetzung seines Buchs "Der Fetzen" vorzustellen. Nur noch ein blutiger Fetzen war sein Kinn nach dem Attentat. Eine tiefe Narbe zieht sich noch immer übers rechte Kinn und durch die Lippe. Aber Sprechen kann er wieder. Schreiben konnte – musste, wollte - er schon wenige Tage nach dem Anschlag:

"Ich habe im Krankenhaus sofort wieder angefangen. Zu einem Zeitpunkt, als ich noch nicht sprechen konnte. Zwischen den Operations-Blöcken habe ich Artikel verfasst. Der italienische Schriftsteller Cesare Pavese hat sein Tagebuch 'Das Handwerk des Lebens' genannt. Und so war eines der lebenswichtigsten Dinge für mich, wieder schreiben zu können."

Wie überlebenswichtig für ihn das Verfassen von Artikeln und Büchern ist, das betont er mehrfach in unserem Gespräch in einem Hotel in Berlin-Kreuzberg.

"Das Schreiben war eine Form von Kontinuität. Es hat eine Verbindung wiederhergestellt zwischen dem, was vorher und dem was nachher war. Denn das Attentat hat, jedenfalls in meinem Fall, zu einem fundamentalen Riss in meinem Leben geführt. Mein Körper, mein Geist, aber auch das Verhältnis zu meiner eigenen Lebensgeschichte. All das wurde zerbrochen."

Der Roman ist keine Anklage

Lançon war – und ist – Kunst- und Literaturkritiker bei "Charlie Hebdo" und bei der linksliberalen Tageszeitung "Libération". Bis er die Ruhe und Energie fand, um einen Roman anzupacken, dauerte es mehr als zwei Jahre, sagt der schmale, hagere 56-Jährige. Dann aber schrieb er die mehr als 500 Seiten in wenigen Monaten runter.

Sein autobiografischer Text ist keine Anklage. Auch die politischen Hintergründe des Terroranschlags werden kaum erwähnt. Es ist eine Chronik der ganz allmählichen Genesung – sein neues Leben nach dem großen Riss, nach dem Attentat. Sein Bericht beginnt am 7. Januar 2015, als er sich aufmachte zur Redaktionskonferenz bei Charlie Hebdo.

"Das Schreiben dieses Buchs hat zwar die Genesung nicht befördert. Aber ich habe damit einem Erlebnis eine Form gegeben, das mit seiner ganzen Gewalt mich und meine Umgebung betroffen hat. Ich habe die Kollegen, meine Familie, die Freunde, das Krankenhauspersonal auf ein Boot mitgenommen. Wir haben eine ganz intensive Erfahrung geteilt und sind in dieser Arche übergesetzt ans andere Ufer – dort, wo die Menschlichkeit regiert."

Jahrelanges Leiden

Philippe Lançon schildert in seinem Buch mit beklemmendem Detailreichtum und in einer bildmächtigen Sprache das monate-, jahrelange Leiden an der Schussverletzung, die endlosen Tage in der Klinik, die Schmerzen und die Hoffnung. Er lässt den Leser teilhaben am Prozess seiner körperlichen und seelischen Heilung – bei der auch klassische Musik eine große Rolle gespielt hat:

"Vor allem Bach. Für mich liegt in Johann Sebastian Bachs Musik ein tiefer Friede. Ebenso wie Franz Kafka, der eine tiefe Demut ausstrahlt. Wenn man so leidet wie ich damals, verleiht Demut die Kraft, durchzuhalten. Sonst nehmen Verzweiflung, Wut, Verachtung, all diese 'trübsinnigen Leidenschaften', wie Nietzsche wohl gesagt hätte, überhand. Ein Kranker in einem solchen Zustand, wie ich es war, und erst Recht nach einem Attentat, ist leichte Beute für solche Gefühlszustände."

Bachs Goldberg-Variationen haben ihm geholfen

Über Musik im Allgemeinen und Bach im Speziellen könnten wir stundenlang reden. Man spürt, wie sehr ihm etwa die Goldberg-Variationen dabei geholfen haben müssen, die traumatische Post-Attentats-Zeit zu verarbeiten.

"Erst jetzt, wo wir darüber sprechen, denke ich darüber nach, warum diese Musik für mich so essentiell war. Damals hatte ich sie gehört, ohne mir allzu viele Gedanken darüber zu machen. Ich spürte einfach, dass sie mir gut tat."

Philippe Lançon ist einer, der sich viele Gedanken macht. Im Gespräch ist er ruhig und nachdenklich. Sein Buch ist nicht nur eine Beschreibung der Leidenszeit, sondern eine ständige Reflexion über die Bedingungen der Existenz.

"Der Fetzen" ist einer der ergreifendsten Romane des vergangenen Jahres aus Frankreich. Die Schüsse haben Philippe Lançon zerrissen – mit diesem Roman hat er die "Fetzen" seines Lebens wieder aufgesammelt.

Philippe Lançon: "Der Fetzen"
Aus dem Französischen von Nicolas Denis
erscheint am 16. März 2019 bei Klett-Cotta
551 Seiten, 25 Euro

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSchriftsteller im Krieg
Saša Stanišić, aus Bosnien stammender Autor, erhält den Deutschen Buchpreis 2019 und steht am 14.10.2019 im Kaisersaal des Frankfurter Römers mit seiner Urkunde. (Foto: Andreas Arnold/dpa)

Gerade gekürt empörte sich der Gewinner des Deutschen Buchpreises Saša Stanišić über den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, schreibt die "Welt". Wie Literatur Wirklichkeit abbilden sollte, sei auch eine Generationenfrage, stellt die "FAZ" fest.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur