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Konzert / Archiv | Beitrag vom 02.04.2021

Philippe Herreweghe in AmsterdamJ.S. Bachs Passion nach Matthäus

Moderation: Volker Michael

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Der belgische Dirigent Philippe Herreweghe beim Klarafestival am 15.02.2016 in Brüssel. (imago images / Belga)
Philippe Herreweghe beim Klarafestival 2016 (imago images / Belga)

Viele hundert Male hat Philippe Herreweghe schon die Passion aller Passionen dirigiert: Die von Johann Sebastian Bach nach den Worten des Evangelisten Matthäus. Eine Aufführung mit ihm aus dem Amsterdamer Concertgebouw von 2014 senden wir zum Karfreitag.

Kein Werk passt zum Karfreitag besser als die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Dieses Monumentalwerk der Kirchenmusik können Sie hier hören in einer Aufnahme aus dem Concertgebouw Amsterdam. Dort sollte es am Palmsonntag 2021 eine Aufführung der Matthäuspassion geben. Die wurde leider äußerst kurzfristig abgesagt, weil einer der beteiligten Chorleiter positiv auf das Virus getestet worden war. Als Ersatz konnte der Niederländische Rundfunk eine personell sehr ähnlich besetzte Aufnahme von 2014 zur Verfügung stellen.

Der Evangelist Matthäus auf einem Gemälde von Guido Reni (Vatikanische Museen Rom) (IMAGO/imagebroker)Der Evangelist Matthäus auf einem Gemälde von Guido Reni (Vatikanische Museen Rom) (IMAGO/imagebroker)

Viele der Interpreten waren in diesem Konzert von 2014 die gleichen. Vor allem auch der Dirigent Philippe Herreweghe, belgischer Experte für historische Aufführungspraxis, der inzwischen aber dieses Spezialgebiet verlassen hat. In Amsterdam existiert seit langem eine ähnliche Aufführungstradition der Bach-Passionen wie in Deutschland, sowohl im professionellen wie im Amateurbereich. Die ist nun das zweite Jahr in Folge unterbrochen.

Revolutionär und altmodisch

Die musikalische und textliche Schilderung des Leidensweges Jesu Christi durch den Leipziger Thomaskantor steht bis heute als singuläres Werk in der Musikgeschichte. Denn es ist alles in einem: Ein revolutionäres Stück, das den Zeitgenossen Bachs überwiegend altertümlich erschien und erst 1829 durch Felix Mendelssohn-Bartholdy wirklich entdeckt wurde. Und es ist orthodoxe lutherische Kirchenmusik, die wie kaum ein anderes Kunstwerk Menschen aller Konfessionen – ja vor allem Menschen ohne Glauben – zu erreichen vermag. Zum Beispiel den Philosophen, der Gott bald für tot erklären sollte: Friedrich Nietzsche. Er meinte, wer das Christentum völlig verlernt habe, der höre es in der Matthäuspassion wirklich wie ein Evangelium.

Johann Sebastian Bach, wie ihn Ferruccio Busonis Zeit sah: Das von Carl Seffner entworfene Denkmal wurde 1908 vor der Leipziger Thomaskirche enthülltl Travel (imago images / Kosecki)Johann Sebastian Bach, wie ihn Ferruccio Busonis Zeit sah: Das von Carl Seffner entworfene Denkmal wurde 1908 vor der Leipziger Thomaskirche enthüllt (imago images / Kosecki)

Am Karfreitag vor fast 300 Jahren dürfte die Matthäuspassion das erste Mal aufgeführt worden sein. Und der musikalische Eifer des damals neu installierten Kantors verlangte den einflussreichen wie den einfachen Gläubigen damals einiges ab, nicht nur Sitzfleisch. Die Passion ersetzte quasi die Karfreitagspredigt – sie wirkte leidenschaftlicher und inniger als jede noch so gute Rede von der Kanzel – und das will etwas heißen, gehörten die damaligen Theologen zu den besten Rhetorikern im Lande. Die Redekunst und folglich auch die Klangrede entfaltete ihre ganze Wirkung im Gottesdienst, weil es noch keine Demonstrationen oder Parlamente gab.

Die Propheten behalten Recht

Der erste Teil ist ganz vom Abschied Jesu von seinen Jüngern geprägt, vom letzten Abendmahl, aber auch vom Verrat des Judas und der Ankündigung, auch Petrus werde seinen Herrn verleugnen. Die Jünger schlafen, während Jesus mit seinem Schicksal hadert und sich letztlich mit ihm abfinden muss. Alles geschieht, damit sich die Weissagungen der Propheten erfüllen. Schließlich fliehen die Jünger. Jesus wird vor Gericht gebracht.

Die Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem, der wahrscheinliche Ort der Beisetzung des Jesus von Nazareth (IMAGO/BE&W)Die Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem, der wahrscheinliche Ort der Beisetzung des Jesus von Nazareth (IMAGO/BE&W)

Im zweiten Teil der Leidensgeschichte Jesu kommt es zur Zuspitzung des Geschehens in Jerusalem vor knapp zweitausend Jahren. Das oberste Gericht verurteilt Jesus, der sich als Sohn Gottes sieht, zum Tode, weil er Gotteslästerung betrieben hat. Vor dem Gerichtssaal sitzt der Jünger Petrus und verleugnet seinen Herrn. Als Petrus diesen Verrat bemerkt, bricht er zusammen. Bach kommentiert Petrus’ Reue mit einer der traurigsten Arien, die man sich nur vorstellen kann: "Erbarme Dich! Mein Gott!". Doch das Unheil nimmt trotz aller Reue seinen Lauf: Das Hohe Gericht bringt Jesus schließlich vor den römischen Militärgouverneur. Hier schweigt Jesus zu allen Anwürfen. Bachs dramaturgische Antwort lautet – "Befiehl Du Deine Wege" – Paul Gerhardts berühmter Choral deutet an: Alles ist von Gott vorherbestimmt. Das Volk spielt seine Rolle als verführbare Masse und brüllt "Laß ihn kreuzigen!"

Aus Liebe will er sterben

Als Pilatus nach den Verbrechen des Jesus fragt, antwortet Bach mit einer erstaunlichen, erotisch anmutenden Arie, dem theologischen Zentrum seiner Großen Passion: "Aus Liebe will mein Heiland sterben", singt eine Frauenstimme. Der Römer Pilatus wäscht seine Hände bekanntlich in Unschuld, zumal seine Frau ihn vor einer Hinrichtung des gerechten Jesus warnt. Das Volk will den Mörder Barrabas freihaben, es schreit einen scharfen dissonanten Akkord. Jesus erleidet allen erdenklichen Hohn und Spott - sadistische Gewalt wird ihm angetan.

Erlösung durch Mitleid

Und wieder verwendet Bach als Kommentar einen Choral von Paul Gerhardt "O Haupt voll Blut und Wunden". Der Hörer nähert sich dem Sohn Gottes, indem er seine Wunden betrachtet. Aus diesem Mitleiden kann Trost erwachsen. "Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du denn herfür"! Jesus leidet stellvertretend für alle Menschen. Wer sich durch diese Musik für Jesu Leiden öffnet, kann erlöst werden. So formuliert Johann Sebastian Bach seine Botschaft in der Matthäuspassion.

Concertgebouw Amsterdam
Aufzeichnung vom 13. April 2014

Johann Sebastian Bach
Matthäuspassion BWV 244

Evangelist - Maximilian Schmitt, Tenor
Christus - Thomas E. Bauer, Bariton
Carolyn Sampson, Sopran
Damien Guillon, Countertenor
Benjamin Hulett, Tenor
Peter Kooij, Bariton
Nationaal Kinderkoor
Collegium Vocale Gent
Koninklijk Concertgebouworkest
Leitung: Philippe Herreweghe

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