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Lesart | Beitrag vom 05.12.2018

Philippe Besson: "Hör auf zu lügen"Vom Überwinden der Moral

Von Dirk Fuhrig

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Da Cover von Philippe Bessons Buch "Hör auf zu lügen" zeigt einen jungen Mann, der die Hände in die Hosentaschen schiebt und angestrengt zur Seite schaut. (C. Bertelsmann / Unsplash / Bogomit Mihaylov)
Philippe Besson: "Hör auf zu lügen". (C. Bertelsmann / Unsplash / Bogomit Mihaylov)

Zwei Jungen verlieben sich in den Siebzigerjahren in einer französischen Kleinstadt. Einer der beiden kann sich nicht von den gesellschaftlichen Erwartungen befreien und verleugnet seine Sexualität. Er lebt eine Lüge – mit fatalen Folgen.

Philippe Besson zählt zu den produktivsten Schriftstellern in Frankreich. Er hat in den letzten 20 Jahren fast zwei Dutzend Romane veröffentlicht. Auch außerliterarische Kriterien haben zu seiner Bekanntheit beigetragen. Er gilt als enger Freund von Brigitte Macron, der Gattin des Staatspräsidenten. Und Bessons kürzliche Ernennung zum Generalkonsul Frankreichs in Los Angeles hatte eine Debatte um vermeintliche Günstlingswirtschaft entfacht. Zumal Besson im vergangenen Jahr mit "Un personnage de roman" ein Buch über den Wahlkampf Emmanuel Macrons veröffentlicht hatte. Auch in Deutschland sind von Philippe Besson bislang mehrere Bücher erschienen, zuletzt "Venice Beach" und "Der Verrat des Thomas Spencer".

Sexuelle Erlebnisse mit einem Mitschüler

"Hör auf zu lügen" ist ein autobiografischer Roman. Besson, der wie der Ich-Erzähler aus der Kleinstadt Barbezieux, rund 100 Kilometer nördlich von Bordeaux, stammt, erzählt darin von seinen ersten sexuellen Erlebnissen mit einem Mitschüler. Eine kurze Affäre, eine Liebe mit 17, 18 Jahren, die aufgrund des gesellschaftlichen Umfelds keine Chance hatte. Wer in den Siebzigerjahren (nicht nur in Frankreich) auf dem Land aufwuchs, der hatte es schwer, seine Homosexualität zu akzeptieren – und erst recht offen zu leben.

In "Hör auf zu Lügen" verhindert aber auch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Milieus, dass die beiden Jungen zusammenkommen: Der Ich-Erzähler ist als Sohn eines Grundschullehrers früh in Kontakt mit Büchern und Bildung. Da er ein brillanter Schüler ist, scheint sein Weg in Richtung Universität, Großstadt, Coming-out und damit selbstbestimmtem Leben vorgezeichnet.

Abweichung von der sexuellen Norm undenkbar

Der Bauern-Sohn Thomas hingegen bleibt seiner bescheidenen Herkunft und den traditionellen Strukturen verhaftet. In seinem Milieu – ganz ähnlich wie bei Édouard Louis in dessen Erfolgsroman "Das Ende von Eddy" – ist Abweichung von der sexuellen Norm undenkbar. Nicht zuletzt auch für ihn selbst. Er verleugnet seine Schwulsein, heiratet eine Frau, zeugt ein Kind – und bleibt ewig unglücklich.

Statt sich irgendwann zu seiner Sexualität zu bekennen, begeht er schließlich Selbstmord. So wie sein Charakter geschildert wird, hat diese Verzweiflung vielleicht genauso viel mit eigenem Starrsinn zu tun wie mit der Gesellschaft, die sich seit der Adoleszenz der Protagonisten ja erheblich liberalisiert hat.

Diese Übersetzung übertrifft das Original

"Hör auf zu lügen" ist ein todtrauriges, aber unsentimentales Buch über die Zwänge der Moral – und deren Überwindung. Über die Unmöglichkeit der Liebe, aber auch über die seltsamen Windungen des Lebens. Denn Besson - bzw. der Ich-Erzähler - erinnert sich erst wieder an die Jugendliebe, als er dessen eigenem Sohn viele Jahre später zufällig begegnet. Es ist aber auch ein Buch über das Lesen, über das Erlernen eigenständigen Denkens, über die Fantasie, über Filme und Chansons – letztlich ein kleiner Bildungsroman.

Übersetzt hat Hans Pleschinski, selbst ja Schriftsteller. Er hat die knappen, direkten Sätze Bessons wunderbar einfühlsam ins Deutsche gebracht und die literarische Qualität des Originals oftmals vielleicht sogar übertroffen. Auch das macht diese bemerkenswerte autobiografische Erzählung zu einem eindrücklichen Leseerlebnis.

Philippe Besson: "Hör auf zu lügen"
Aus dem Französischen von Hans Pleschinski
C.Bertelsmann, München 2018
160 Seiten, 20 Euro

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