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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.07.2017

Philip Zimbardo: "Der Luzifer-Effekt"Wie man der Manipulierbarkeit entkommt

Von Nana Brink

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Buchcover von Philip Zimbardos "Der Luzifer-Effekt". Im Hintergrund Gefangene in einem Gefängnis. (Imago / TAR-TASS / Cover Springer)
Buchcover von Philip Zimbardos "Der Luzifer-Effekt". Im Hintergrund Gefangene in einem Gefängnis. (Imago / TAR-TASS / Cover Springer)

Viele glauben, als Gefängnisaufseher würden sie nie ihre Humanität einbüßen. In seinem berühmten Stanford-Prison-Experiment hat der Psychologe Philip Zimbardo in den 70ern gezeigt: Sehr schnell werden sehr viele sehr grausam. Zimbardo beschreibt nun, wie es soweit kommen kann.

Es klingt nach einem Drehbuch für einen Psychothriller: Der junge, ambitionierte Psychologe Philip Zimbardo will wissen, wie Menschen unter Gefängnis-Bedingungen funktionieren. Er lädt 24 Studenten ein – "aus gutem Hause", wie er sagt –, sich im Keller der Universität Stanford in zwei Gruppen aufzuteilen: Häftlinge und Wärter.

Die einen verschwinden, nur mit einer Nummer und einem weißen Kittel versehen, in eigens gebauten Zellen. Die anderen, mit Schlagstock, Sonnenbrille, Trillerpfeife und Schlüssel ausgestattet, spielen die Wärter. Sinnlose Appelle und Erniedrigungen demonstrieren bald die Macht der Wärter über die Häftlinge. Mittendrin im Experiment: Philip Zimbardo als Gefängniswärter.

Nach fünf Tagen entgleist die Situation, als Zimbardos Freundin – ebenfalls Psychologe-Dozentin in Stanford – den Zellentrakt besucht und ihren Freund fassungslos anschreit: "Was Du mit diesen Jungs machst, ist schrecklich!" Daraufhin wird das Experiment abgebrochen. Philip Zimbardo erkennt: "Ich bin der autoritäre, herrische Machtmensch geworden, dem ich mich mein ganzes Leben entgegengestellt, den ich sogar verabscheut habe."

Eines der berühmtesten Experimente der Sozialpsychologie

Der vermeintliche Psychothriller geht 1971 als "Stanford Prison Experiment" in die Geschichte ein und mit ihm der Vater des spektakulären Rollenspiels, Philip Zimbardo. Über 30 Jahre später beschreibt er in seinem Meisterwerk "Der Luzifer-Effekt" ausführlich seine Theorie von der Manipulierbarkeit des Menschen. 

Mit seiner These von der "Macht der Umstände und der Psychologie des Bösen", so der Untertitel, schlägt der renommierte Sozialpsychologe einen Bogen von seinem weltberühmten Experiment bis zu den verstörenden Geschehnissen im Gefängnis von Abu Ghraib im Irak während der Besatzung durch die USA. Zimbardos Fazit: Jeder von uns kann sich in ein sadistisches Monster verwandeln. Es kommt nur auf die Umstände an. Eine Bedrohungslage, Gruppendruck und Anonymität begünstigen Gewaltexzesse. 

Warum also ist es so einfach, ganz normale Menschen dazu zu veranlassen, ihren niedrigsten Instinkten zu folgen und andere Menschen zu quälen? Zimbardo führt in Auswertung seines Experiments verschiedene Gründe auf: Es muss eine Bedrohung von außen geben. Eine übergeordnete Autorität duldet oder fordert sogar das Verhalten. Eine Gemeinschaft – wie die der Täter – erzeugt Gruppendruck. Die Täter flüchten sich in Anonymität (siehe die Brillen der Wärter) und die Opfer werden zu Namenlosen (siehe die Nummern) und verlieren jede Individualität.

Viel Platz verwendet Zimbardo auf die Schilderung anderer Experimente, die dem seinen in der Versuchsanordnung ähneln, wie das seines Kollegen Stanley Milgram. In seinem "Gehorsamsmodell" mussten Probanden in die Rolle von Lehrer schlüpfen, die ihre Schüler mittels Elektroschocks maßregeln sollten. Zwei von drei "Lehrern" gingen bis zur höchsten Stufe, weil der Versuchsleiter das von ihnen im Namen der Wissenschaft verlangte. Milgrams Resümee: Bewachungspersonal für ein KZ könne man auch in jeder amerikanischen Kleinstadt rekrutieren.

Ungewöhnliches Fachbuch in Ich Form

Obwohl Zimbardo zu langen Ausführungen neigt, fesselt er seinen Leser durch einen für Soziologen völlig ungewöhnlichen Stil: Er schreibt in der Ich-Form, begibt sich als Wissenschaftler nicht in der neutralen Beobachterrolle, sondern definiert sich als Teil des Experiments. 

Seine besondere Brisanz entwickelt dieses Buch natürlich durch das Kapitel über das berüchtigte Abu-Ghraib-Gefängnis in Bagdad, in dem Wärter die Gefangenen auf sadistische Weise quälten. Zimbardo hat die dortigen Exzesse als  Gutachter für die US-amerikanische Regierung analysiert.

Für ihn war das eine bittere Erfahrung, denn Zimbardo sieht in dem Verhalten der amerikanischen Soldaten die Reaktionsmuster aus seinem Stanford-Prison-Experiment wiederholt,  nur diesmal ist es Ernst. So führt Zimbardo dann auch im letzten Teil seines Buches gemäß seiner These die wahren Verantwortlichen vor: Die Generäle bis hinauf zur politischen Führung in Gestalt des damaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. 

Gibt es Rezepte gegen die Vereinnahmung von gewaltfördernden Situationen?

Wer also ist schuld an solchen Auswüchsen von Grausamkeit? Der Soziologe Zimbardo entlässt den Menschen nicht aus seiner individuellen Verantwortung. Allerdings tragen diejenigen, die solche Situationen herbeiführen, eine Mitschuld. 

Kann man solchen Dynamiken widerstehen? Auch um diese Antwort scheut sich Zimbardo nicht. In seinem letzten Kapitel "Würdigung heroischen Verhaltens" erzählt er von seiner damaligen Lebensgefährtin, die – quasi als heroische Tat – ihren Partner zum Aufhören genötigt hat. Daraus leitet er ein "Zehn-Stufen-Programm zur Abwehr unerwünschter Einflüsse" ab.

Allerdings kommen seine wohlfeilen Regeln à la "Behalte Deinen unabhängigen Geist!" nach der erschlagenden Analyse der letzten 450 Seiten eher hilflos daher.

Philip Zimbardo: "Der Luzifer-Effekt"
Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen"
Springer-Verlag 2017, 504 Seiten, 16,99 Euro

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