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Fazit | Beitrag vom 29.09.2020

Philip-Guston-Ausstellungen verschoben„Beigeschmack von Kuschen vor dem Zeitgeist"

Carsten Probst im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Das Werk "Riding Around" des Malers Philip Guston aus dem Jahr 1969. Es zeigt expressionistisch drei Menschen in Ku-Klux-Klan-Kluft, die Zigarren rauchend in einem Gefährt durch eine Stadt fahren. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
"Riding Around" (1969) ist eins von mehreren Bildern von Philip Guston mit einem Ku-Klux-Klan-Motiv. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Eine globale Retrospektive des Malers Philip Guston war für nächstes Jahr geplant. Doch die teilnehmenden Museen haben sich für eine Verschiebung ausgesprochen. Möglicherweise rassistische Aspekte in seinem Werk sollen neu untersucht werden.

Vier große Museen hatten eine globale Retrospektive des US-amerikanischen Malers Philip Guston für 2021 geplant. Nun haben sie sich entschlossen, die Ausstellung um drei Jahre zu verschieben, um das Schaffen Gustons neu zu beurteilen. Besonders problematisch erschien den Häusern das wiederkehrende Motiv des rassistischen Ku-Klux-Klan in seinen Bildern. Die Entscheidung hat für scharfe Kritik in der Kunstwelt gesorgt.

Intransparente Begründung erweckt Eindruck von Zensur

Kunstkritiker Carsten Probst vermutet, dass die Museen (National Gallery of Art in Washington, Museum of Fine Arts in Houston, Museum of Fine Arts in Boston und Tate Gallery of Modern Art in London) den Eindruck vermeiden wollten, sie würden sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für die Diskriminierung von People of Colour entziehen.

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"Dieses sehr plötzliche Vorgehen hat natürlich den Beigeschmack von Zensur und Kuschen vor dem Zeitgeist", sagt Probst. "Ich finde das alles sehr unglücklich, weil es eben bislang überhaupt nicht fachlich transparent begründet wird. Es gibt keinen Entwurf eines alternativen Konzepts."

Vorwurf der Aneignung schwarzer Geschichte 

2017 habe es schon einmal eine ähnliche Debatte gegeben, als die Künstlerin Dana Schutz eine Fotografie als Vorlage verwendet habe, die im Kontext der schwarzen Bürgerrechtsbewegung große Bedeutung hat. Damals habe es Proteste der schwarzen Community gegeben. Er erkenne eine Sensibilisierung der Museen, sagt Probst, und er verstehe die Überlegung der Museen, nicht so tun zu wollen, als gebe es keine negativen Wahrnehmungen bei Aneignungen dieser Art.

Denn es gebe jetzt Hinweise, dass auch Guston sich einer Fotografie aus dem Kontext der Bürgerrechtsbewegung bei seinen Gemälden bedient haben könnte. "Nach heutigen Maßstäben würde das genau wie bei Schutz bedeuten, dass er sich durch Verwendung dieses Motivs als weißer Maler in irgendeiner Weise schwarzer Geschichte bedient."

Die Faszination von Gewalt

Um eine adäquate Kontextualisierung seiner Arbeit zu schaffen, müsste eine Neukonzeption der Retrospektive den extrem politischen Werdegang des Malers stark herausarbeiten. Guston habe sich in den 1960er-Jahren vom Abstrakten Expressionismus verabschiedet, um "eine Art kernige politische Malerei" zu entwickeln. Man könne heutzutage nicht einfach Ikonen der amerikanischen Malerei aufhängen, ohne die politischen Hintergründe zu benennen.

Hinter den Motiven mit Ku-Klux-Klan-Mitgliedern stecke schließlich auch Gustons selbst geäußerte Faszination für die Gewalt dieser Sekte, sagt Probst. Er selbst habe sich als Weißer in gewisser Weise als Teil dieser Bewegung gesehen, auch wenn er es nicht wollte. "Das steckt eigentlich hinter diesen Motiven, dass er sagt: 'Wir kommen da nicht raus!'"

(rja)

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