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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2016

Philip E. Tetlock: "Superforecasting"Wie man besser in die Zukunft schauen kann

Von Frank Kaspar

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Im Universum gibt es zahlreiche Sterne, die alle neue Elemente schmieden (ESO)
Die Zukunft liegt in den Sternen - oder? Vorhersagen über die Zukunft sollen mit wissenschaftlichen Methoden verlässlicher gemacht werden. (ESO)

Vorhersagen über die Zukunft sind Entscheidungshilfen für Politik und Wirtschaft. Doch oft sind sie vage. Philip Tetlock will Prognosen mit wissenschaftlichen Methoden verlässlicher machen. Der Psychologe hat herausgefunden, was "Superforecaster" dabei besser machen.

Soll ich das Stellenangebot in einer anderen Stadt annehmen? Wo lege ich mein Geld am besten an? Welche Schule ist gut für mein Kind? Wie wir solche Fragen beantworten, hängt von unseren Annahmen über die Zukunft ab. In Politik und Wirtschaft heißen solche Annahmen Prognosen, und Analysten lassen sich gut für sie bezahlen. Dabei sind ihre Methoden meistens unbekannt, und die Treffsicherheit ihrer Vorhersagen wird kaum systematisch überprüft.

Philip Tetlock will das ändern. Von 2011 bis 2015 untersuchte der Psychologe und Politikwissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst, wie Vorhersagen von politischen und ökonomischen Entwicklungen verbessert werden können. Erste Ergebnisse enthält das Buch "Superforecasting. Die Kunst der richtigen Prognose", das Tetlock mit dem Journalisten Dan Gardner geschrieben hat.

Die Denk- und Arbeitsweise der "Superforecaster"

In Tetlocks Forschungsprojekt gaben mehr als 20.000 freiwillige Probanden, darunter ein pensionierter Programmierer aus Kalifornien, ein Militärhistoriker aus New York und eine Sekretärin aus Alaska, Prognosen zum aktuellen Weltgeschehen ab: Wird Russland in den nächsten drei Monaten weitere ukrainische Gebiete besetzen? Führt Nordkorea dieses Jahr einen Atomtest durch? Verlässt im kommenden Jahr ein Land die Eurozone? Die Forscher berechneten die Trefferquoten der Teilnehmer und entdeckten sogenannte "Superforecaster", die im Durchschnitt genauere Vorhersagen machten als die Experten der Nachrichtendienste.

Den entscheidenden Grund für diesen Vorsprung sehen die Autoren nicht in der Intelligenz oder im Vorwissen der Hobby-Analysten, sondern in einer Denk- und Arbeitsweise, die jeder trainieren kann. Dazu gehören Bescheidenheit und Teamgeist, Zugriff auf viele verschiedene Informationsquellen sowie die Bereitschaft, eigene Ansichten zu hinterfragen und anhand neuer Erkenntnisse zu aktualisieren.

Gesellschaftliche Brisanz von Vorhersagen

Tetlock und Gardner sind nicht die einzigen, die auf die gesellschaftliche Brisanz der Zukunftsschau hinweisen. Der parallel im Wilhelm Fink Verlag erschienene Sammelband "Futurologien", herausgegeben von Benjamin Bühler und Stefan Willer, zeigt zum Beispiel, wie begierig Prognostiker Daten aus sozialen Netzwerken auswerten – um Krankheitswellen und politische Proteste vorherzusehen oder um mit gezielter Werbung auf noch kaum bewusste Bedürfnisse zu reagieren.

Philip Tetlocks und Dan Gardner machen dagegen deutlich, dass jeder, der gute Prognosen erstellen möchte, sich vor solchen Einflüssen hüten sollte. Für "Superforecaster" seien Überzeugungen "Hypothesen, die man überprüft, und nicht Schätze, die man hütet." Die Autoren zeigen an vielen Beispielen, dass Experten, die einen Ruf zu verlieren haben, besonders dazu neigen, sich selbst zu überschätzen. Ob Tetlocks Erkenntnisse im privaten Alltag anwendbar sind, ist allerdings fraglich. Am Ende des Buches fordert er die Leser stattdessen dazu auf, an seiner künftigen Forschung mitzuwirken und sich selbst als Politik- und Wirtschafts-Analysten zu versuchen. 

Die Autoren zeigen an vielen Beispielen, dass Experten, die einen Ruf zu verlieren haben, besonders dazu neigen, sich selbst zu überschätzen. Ob Tetlocks Erkenntnisse im privaten Alltag anwendbar sind, ist allerdings fraglich. Am Ende des Buches fordert er die Leser stattdessen dazu auf, an seiner künftigen Forschung mitzuwirken und sich selbst als Politik- und Wirtschafts-Analysten zu versuchen.

Philip E. Tetlock/Dan Gardner: "Superforecasting. Die Kunst der richtigen Prognose"
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
336 Seiten, 23 Euro

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