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Besser essen | Beitrag vom 19.10.2018

PflanzenethikDas Seelenleben des Grünzeugs

Von Udo Pollmer

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Ein Berg Blumenkohl (Jens Wolf/dpa)
Ein CIA-Mitarbeiter will in den Siebziger Jahren gehört haben, wie Salat beim Schneiden schrie. (Jens Wolf/dpa)

Viele Pflanzen sind Tieren erstaunlich ähnlich: Einige essen Ratten, andere sollen schreien, wenn sie zerschnitten werden. Pflanzen deshalb nicht mehr zu essen, kann keine Lösung sein, sagt Udo Pollmer. Dann würden ja nur Steine übrig bleiben.

Bekanntlich nehmen nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen ihre Umwelt wahr, um adäquat reagieren zu können. Diese banale Erkenntnis verleitete empfindsame Gemüter zu Spekulationen über das Seelenleben des Grünzeugs. Dies wiederum rief Pflanzenrechtler auf den Plan, die nun für Gemüse rechtlichen Schutz fordern, wie er dem Nutzvieh bereits gewährt wird.

Einer der schillerndsten Pflanzenseelen-Klempner war ein Ex-Mitarbeiter des CIA namens Cleve Backster. Er behauptete, Pflanzen könnten seine Gedanken sogar auf große Entfernungen lesen. Sein Beweismittel: Ein Lügendetektor, der normalerweise die elektrische Leitfähigkeit und damit die Schweißbildung der Haut misst. Als Backster einmal eine Topfpflanze an das Gerät anschloss, habe diese doch glatt auf seine Stimmungen reagiert, während er im Café saß. Das war in den 70ern.

Schmerzt den Salat das Schneiden?

Seine Experimente sind in der Esoterik-Szene bis heute hochaktuell, auch wenn sie erkennbar Phantasieprodukte einer Person sind, die sich beruflich mit Lügen befasst. Selbst ein Rundfunksender widmete ihm einen euphorischen Beitrag. Darin hieß es, nachdem Backster einen Lautsprecher am Lügendetektor angeschlossen hatte, habe der Salat beim Schneiden laut geschrien.

Der Schrei verhallte nicht ungehört. Umgehend mühten sich Veganer, ihrem Gemüse Seelenlosigkeit zu attestieren. Dazu bedienten sie sich jener Argumente, die zuvor von der Fischwirtschaft gegen sie vorgebracht worden waren: Fische haben kein dem Menschen vergleichbares Schmerzempfinden. Also können sie unbesehen gefangen, getötet und verspeist werden. Die Tierschützer protestierten, man sähe ja am Zappeln an der Angel, dass dem Fisch dabei gar nicht wohl ist.

Jetzt kommen den Veganern die Sprüche der Fischwirtschaft gerade recht, um nun ihrerseits dem Salat die Leidensfähigkeit abzusprechen: Der habe auch kein Nervensystem und kein dem Tier vergleichbares Schmerzempfinden. Andererseits kann man Pflanzen ebenso betäuben wie Menschen oder Fische: Mimosen oder auch Venusfliegenfallen verlieren unter Narkose mit Äther ihre Reflexe. Erst Stunden später kommen sie wieder zu sich.

Die Kannenpflanze fängt Ratten – und verdaut sie

Nicht etwa Schmerzen im menschlichen Sinn sind bei Fisch oder Soja entscheidend, sondern ihr Lebenswille. Manche Pflanzen – wie die Kannenpflanze – fangen sogar Ratten und verdauen sie, andere wie die Spiegelorchidee verarschen Wespen, indem sie deren weibliche Exemplare täuschend echt nachbilden, nicht nur in Form und Farbe, sondern auch den Flaum sowie den geilen Duft der Weibchen. Die Männchen kopulieren vergeblich mit der perfekten Attrappe und nehmen auf diese Weise den Pollen der Orchidee auf. Akazien vergiften Antilopen, wenn diese zu viel von ihrem Laub fressen. Pflanzen planen Morde, legen Hinterhalte, nutzen Tiere und strangulieren Konkurrentinnen.

Wenn Pflanzen wild entschlossen sind, ihre körperliche Integrität zu verteidigen, ist zu erwarten, dass sie sich ihrer Existenz bewusst sind. Einigen wir uns auf die Sprache der Tierschützer: Es geht darum Leid zu vermeiden – diesmal nicht Tierleid, sondern Pflanzenleid. Das eine ist ethisch so wertvoll wie das andere. Bei Tisch wären folglich Steaks von Pflanzenfressern ein guter Kompromiss.

Ethisch saubere Nahrung? Steine!

Lässt sich der Unfug mit dem Lügendetektor am Blumentopf noch toppen? Eine Straßenbehörde in Niedersachsen engagierte kürzlich eine "Elfenbeauftragte". Die Fachfrau, so heißt es, könne anhand sehr feiner Schwingungen feststellen, ob Elfen oder Trolle übellaunig seien. Der Ärger der Naturgeister führe dann zu Unfällen. Mit von der Landpartie war eine "Tierkommunikatorin", die mit Mäusen und Mehlwürmern spricht. Gewöhnlichen Menschen ist dies verwehrt. Wenn sie am Steuer depressive Zwerge sehen oder von Mehlwürmern vollgequatscht werden, gibt’s erst einen Drogentest und dann kommt der Psychiater.

Denkt man den Unfug zu Ende, können die Bauern dichtmachen. Überall werden Befähigte nicht nur das Gras wachsen hören, sondern auch das Weinen der Würmer, wenn die Erde unter den Pflug genommen wird. Als ethisch saubere Nahrung bleiben dann nur noch Steine. Mahlzeit!

Literatur
Backster C: Primary Perception: Biocommunication with Plants, Living Foods, and Human Cells. White Rose Millennium Press, Anza 2003
Yokawa et al: Anaesthetics stop diverse plant organ movements, affect endocytic vesicle recycling and ROS homeostasis, and block action potentials in Venus flytraps. Annals of Botany 2017; eoub ahead of print
Egan SP et al: Botanical parasitism of an insect by a parasitic plant. Current Biology 2018; 28: R847-R870
Pollan M: Pflanzen können mehr – grün intelligent vernetzt. Greenpeace Magazin 2014; (6)
Frühbeis X: Die Gefühle des Drachenbaums. Deutschlandradio, Kalenderblatt vom 2. Feb. 2006
Milz C: Ein Gespenst geht um in der Botanik. Literaturkritik.de 2018; (8)
Benne S: "Elfenbeauftragte" will Unfallserie auf der A2 stoppen. HAZ vom 4. August 2018
Chamovitz D: Was Pflanzen wissen. Hanser, München 2017
Lenda P: The consciousness of plants. Wakeup-world.com 26. May 2015

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(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 22.01.2016)

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