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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.05.2009

Pfingstpassion

Wer erinnert sich noch an Varvarin?

Von Michael Felten

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Die zerstörte Brücke von Varvarin (AP)
Die zerstörte Brücke von Varvarin (AP)

Pfingsten, das ist für die Christen ein hohes Fest, man feiert die Ausschüttung des Heiligen Geistes. Vor zehn Jahren erlebte das serbische Dorf Varvarin um Pfingsten eine Ausschüttung der besonderen Art: Zwei Flugzeuge der NATO warfen auf die dortige Brücke über die Morava Bomben ab - Präzisionsprojektile für chirurgisch saubere Kriegsführung.

Nun verlief hier keineswegs ein militärischer Nachschubweg der Serben, und schon gar nicht überquerten gerade Panzer den Fluss. Die einen sagten nachher, die Besatzung habe sich vertan, das eigentliche Ziel habe hinter der nächsten Flussbiegung gelegen. Andere mutmaßten, die Bomben seien einfach bei einem Einsatz übrig geblieben, die Piloten hätten noch ein bisschen "happy bombing" betrieben.

Dummerweise wurde die Brücke gerade von drei jungen Frauen überquert, auf dem Weg zum Dorffest, unter ihnen Sanja, ein mathematisch hochbegabtes Mädchen, die Mutter hatte sie gerade erst aus dem bombardierten Belgrad in die ländliche Sicherheit zurückgeholt. Die Dorfbewohner eilten den schwer Verletzten zu Hilfe – neun von ihnen wurden Minuten später beim zweiten Angriff gleich mit zerfetzt. Einige Gazetten erwähnten damals den Vorfall, eine Wochenzeitung recherchierte genauer, aber wie das so ist: Man liest, erschrickt kurz, man seufzt – und am nächsten Tag ist die Sache wieder verdeckt, von den fünf Großprojekten, an denen man gerade bastelt, und den 72 Kleinigkeiten, die auch erledigt sein wollen. Aber die Mutter von Sanja weint immer noch um ihre Tochter, verschiedenen Familien fehlt bis heute der Ernährer, manche Dorfbewohner spüren die Bombensplitter auch weiterhin. Um wenigstens materielle Wiedergutmachung zu erreichen, klagten einige Hinterbliebene gegen die deutsche Regierung. Sie wurden bislang in drei Instanzen abgewiesen – eine konkrete Beteiligung Deutschlands sei nicht nachzuweisen.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, da vergisst man einiges. 1999 führte die NATO einen Angriffskrieg gegen Serbien, ohne Mandat der UNO. Etwas ganz Neues war das: auf europäischem Boden, mit deutschen Soldaten, völkerrechtlich höchst fragwürdig. Ironie der Geschichte: Es war eine rot-grüne Regierung, die diesen Sündenfall ermöglicht hatte – indem sie das Parlament geschickt an der Nase herumführte: Durch den von Verteidigungsminister Scharping präsentierten Hufeisenplan, Serbiens angebliche Strategie ethnischer Säuberung, der sich schon bald wieder in Luft aufgelöst hatte. Und durch Joschka Fischers scheinmoralischen Wink mit dem Holocaust, der sich bei näherem Hinsehen als eine Art umgekehrte Auschwitzlüge entpuppte.

Pikanterweise hat gerade diese Generation ihren Eltern vorgeworfen, sie hätten in der Nazizeit zu selten Nein gesagt. Dem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans Wallow ist dieser Widersinn aufgefallen – und er nimmt es sich bis heute übel, dass er ’99 nicht vernehmlich Einspruch erhoben hat. Aber er hat seine Schuldgefühle konstruktiv gewendet und ein Dossier über das Kriegsverbrechen von Varvarin verfertigt. Und die Neue Bühne Senftenberg hat daraus jüngst ein Theaterstück gemacht – es hat bereits die ersten vom gängigen Kulturkitzel übersättigten Berliner in die Provinz gelockt.

Gewiss, Sprechtheater ist harte Kost – keine Lyrik, die das freie Assoziieren anregt; keine Beziehungsdialoge, die zur Spiegelung einladen. Aber darf Kunst eigentlich nur kitzeln – sollte sie nicht auch belästigen? Müssen wir uns damit zufrieden geben, dass sich die einen an Kunst delektieren, während die anderen ungestört Krieg spielen – nach dem Motto: "Man kennt sich, man lässt sich?" Klar: Brechts Kritik an den Mächtigen ist gefälliger, sie bezieht sich ja auf gestern – heute müsste ich vielleicht selbst etwas tun. Zum Beispiel als Lehrer einen Sponsorenlauf für Sanjas Familie planen; oder als Pfarrer an Pfingsten eine Messe für die Brückenopfer lesen; oder als Künstler ein Mahnmal für Varvarin meißeln. Zumindest aber im kommenden Wahlkampf meinen Abgeordneten befragen, wie er’s in Zukunft mit der Kriegsbeteiligung zu halten gedenkt. Eigentlich geht es nur darum: Etwas anderes als nichts zu tun.

Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit 28 Jahren als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Er ist Autor von Unterrichtsmaterialien und Präventionsmedien, Erziehungsratgebern und pädagogischen Essays. Dabei geht es ihm darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer in der öffentlichen Bildungsdebatte mehr Gehör zu verschaffen. Frühere Veröffentlichungen: "Kinder wollen etwas leisten" (2000), "Neue Mythen in der Pädagogik" (2001), "Schule besser meistern" (2006). Kürzlich erschienen: "Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule". Eigene Website zu pädagogischen Themen: www.eltern-lehrer-fragen.de

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