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Religionen | Beitrag vom 30.09.2018

Pfingstkirchen in BrasilienGottes Wort aus Kindermund

Von Sebastian Erb

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(Jonas Reese/ Deutschlandradio)
Eine Kirche in Sao Paulo in Brasilien. (Jonas Reese/ Deutschlandradio)

Mit elf Jahren auf der Kanzel: In Brasilien, wo die Pfingstkirchen großen Zulauf verzeichnen, begeistern Kinderprediger viele Gläubige. Kritiker sehen dahinter eher geldgierige Eltern.

Sonntagabend in Capão Redondo, einem Außenbezirk im Südwesten der Millionenstadt São Paulo. Wo heute die Kirche ist, war früher ein Geschäft. Ein langer, schmaler Raum mit Rolltor, an der Wand sind Ventilatoren und große Lautsprecher angebracht. Rosa und braune Luftballons dienen als Schmuck. Alle Plätze sind besetzt. Aber der wichtigste Gast des Abends lässt auf sich warten.

Der Prediger ist da, ruft schließlich jemand. Missionar Matheus Nonato, wie er sich selbst nennt, kommt in einem dunklen Van vorgefahren. Er trägt einen grauen Anzug und eine Krawatte, am Handgelenk eine dicke silberne Uhr, seine schwarzen Schuhe glänzen. Er ist gestylt wie ein Erwachsener. Dabei ist er erst elf Jahre alt.

Matheus tritt hinter das Pult und kann kaum darüber blicken. Sein Kopf ist knapp zu sehen. Er liest aus der Bibel vor, die Geschichte von Jesus und der Samariterin aus dem Johannesevangelium. Dann nimmt er das Mikrofon in die rechte Hand und tritt nach vorne. Schnell kommt er in Fahrt.

Matheus predigt über die richtige Anbetung Gottes, falsche Propheten und den einzig wahren Glauben. Einige Besucher fotografieren oder filmen ihn mit dem Smartphone. Matheus macht Kunstpausen, lässt die Worte wirken, ballt die Faust. Nicht ein einziges Mal bleibt er hängen. Die Gottesdienstbesucher lassen sich anstecken, manche stehen auf und schwingen sich regelrecht in Ekstase. Matheus genießt das. Und er weiß auch mit ungeplanten Ereignissen umzugehen.

Ein Mann in Jeans und Kapuzenpulli schleppt sich durch den Gang nach vorne, er sieht ziemlich mitgenommen aus. Er wirft sich auf die Knie, berührt mit dem Gesicht den Fliesenboden. "Liebe Geschwister", ruft Matheus, "wir haben hier einen Mann, der Jesus Christus als seinen einzigen Retter annehmen möchte." Ein Gebet für den Mann, dann geht es weiter in der Predigt. Mehr als eine Dreiviertel Stunde dauert sie, am Schluss klatschen die Leute.

Der Junge spricht in einem erwachsenen Tonfall

"Mir hat es gefallen", sagt eine Frau nach dem Gottesdienst. "Es war eine ganz neue Erfahrung." Sie sei beeindruckt, dass Matheus die Bibel besser kenne als viele Erwachsene. Der Junge steht auf dem Gehweg vor der Kirche neben einem Plastiktisch, auf dem DVDs mit seinen Auftritten liegen, Merchandising für die Fans. Er wirkt etwas erschöpft. Spricht man ihn an, antwortet er aber gleich wieder in seinem erwachsenen Tonfall. Er predige, seit er drei Jahre alt ist, erzählt Matheus. Der Drang sei plötzlich einfach da gewesen. Eine spezielle Vorbereitung für die Predigt brauche er nicht:

"Ich bete, lese in der Bibel und Gott gibt mir die Botschaft. Er lässt mir während der Predigt dann auch neue Formulierungen zukommen. Wenn die Leute sehen, dass ich noch ein Kind bin, erschrecken sie zunächst oft. Aber wenn sie mich dann predigen hören, merken sie, dass nicht ich es bin, der spricht. Sondern dass es Gott ist, der mir die Worte schenkt."

Matheus ist mit seiner Mutter zum Gottesdienst gekommen. Sie erinnert sich noch genau daran, wie alles anfing:

"Für mich war es schwierig zu verstehen, dass er diesen Herzenswunsch hatte. Ich dachte erst, er ahmt einfach die Pastoren nach. Was Kinder eben so machen. Aber die Pastoren sagten dann, dass Matheus ein besonderes Kind sei. Ich als Mutter habe das gar nicht so wahrgenommen. Aber es war so: Gott fing an Matheus einzusetzen, damit er anderen Menschen sein Wort predigen möge. So wie Sie es heute hier erleben konnten."

Matheus Mutter ist eigentlich Friseurin, aber jetzt auch so etwas wie die Managerin ihres Sohnes. Sie nimmt Terminanfragen entgegen und fährt ihn umher. Auftritte hat Matheus nicht nur in São Paulo, sondern auch in anderen Städten, in Rio de Janeiro etwa oder im Bundesstaat Santa Catarina im Süden. Die einladenden Gemeinden zahlten die Reisekosten, sagt Matheus' Mutter, und manchmal auch ein Honorar, das aber sei rein freiwillig:

"Es ist kein neues Phänomen, dass hier in Brasilien Kinder predigen. Aber heute gibt es Internet und die digitalen Medien berichten darüber. Dadurch werden andere darauf aufmerksam und werden motiviert, auch diesen Weg einzuschlagen."

Selbst unter den Evangelikalen gibt es Skeptiker

Walter Luz schätzt, dass es in Brasilien mehrere hundert Kinderprediger gibt, vielleicht sogar tausende. Manche kennt außerhalb ihrer Gemeinde niemand, andere ziehen sogar Gläubige aus dem Ausland an oder touren durchs Land. Walter Luz ist Pastor einer Gemeinde der "Assembleia de Deus" in São Paulo, der größten Pfingstkirche in Brasilien. Sein Vater hat die Gemeinde vor 20 Jahren gegründet. Einmal im Jahr organisiert Pastor Walter in der Stadt ein großes zehntägiges Treffen von Kinderpredigern. Seine Tochter habe die Idee dazu gehabt, sagt er. Auch sie hat als Kind angefangen zu predigen.

Doch nicht alle Christen in Brasilien schätzen die Kinderprediger  –  selbst unter den Evangelikalen gibt es Skeptiker. Gilson Henriques nennt sich selbst Apostel, er führt eine Pfingstkirche in São Paulo, die er selbst gegründet hat, und berät andere Pastoren bei der Kirchengründung.

Henriques: "Mit den Kinderpredigern ist es, wie wenn man einen Hund mit einem Leckerli dazu bringt, Kunststücke zu machen. Die gepredigte Botschaft ist oberflächlich. Klar, es kann schön sein, sich die Kinder anzuschauen. Aber sie wurden eben nur von ihren Eltern dahin gestellt. Aus ihren Kindern wollen sie Erwachsene machen. Das ist nicht richtig. Das ist kein wahres Evangelium."

Viele Eltern nutzten ihre Kinder zum Geldverdienen aus, sagt Gilson Henriques. Sie würden sie vermarkten wie kleine Stars. Manche der Kinderprediger bekämen mehrere hundert Euro pro Auftritt. Pastor Walter Luz widerspricht. Kinderprediger, sagt er, seien etwas ganz Natürliches. Schließlich stehe in der Bibel geschrieben, dass auch Jesus schon als Kind gepredigt habe.

Luz: "Es ist eine neue Generation, sie ist unkorrumpiert, schlicht und unverdorben. Und deshalb nutzt Gott Menschen in diesem Alter. Das Wort Gottes wird in ganz unterschiedlichen Formen gepredigt. Gott benutzt die Kinder, wie er die Erwachsenen benutzt. Und das Wort ist dasselbe, es ist nicht weniger wert, nur weil es aus einem Kindermund kommt."

Dass Kinder von ihren Eltern ausgenutzt würden, das werde immer nur von den Medien behauptet, sagt Pastor Walter. Kinderprediger Matheus Nonato stimmt ihm da völlig zu. Will er auch später als Erwachsener noch predigen?

Matheus Nonato: "Ich bete, lerne und lese in der Bibel. Alles Weitere soll Gott entscheiden. Das hier, in der Kirche, das liebe ich. Ich predige einfach super gerne. Und vielen Leuten gefällt es."

Dieser Beitrag ist eine Wiederholung vom 25. Oktober 2015.

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