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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.03.2008

Pfarrers Kinder

Das Aufwachsen im Pfarrhaus war für viele Kinder prägend

Von Michael Hollenbach

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Kirchturm (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Kirchturm (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Pfarrerskinder gelten als eine eigene Spezies, die durch ihr Aufwachsen im Pfarrhaus besonders geprägt wurde. Auch wenn es heute nicht mehr so hervorsticht - Pfarrerskinder sind noch immer etwas Besonderes - in Ost und West. Allerdings jeweils auf eine andere Art und Weise.

"Für mich sah das konkret so aus, dass ich von Anfang an, seit der ersten Klasse, der Außenseiter gewesen bin. Ich war als einziger nicht in der Pionierorganisation Ernst-Thälmann, trug nicht das blaue Halstuch und nicht den glänzenden Klappausweis, ich ging nicht zur Mai-Demonstration, ich versaute also immer die 100 Prozent-Statistik."

Christoph Dieckmann, heute Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", ist ein Pfarrerskind. Aufgewachsen ist der heute 51-Jährige in der ehemaligen DDR, in Sondershausen. Sein Vater habe ihm den Umgang mit den Pionieren allerdings nicht grundsätzlich verboten:

"Wenn dann Grenzsoldaten besucht wurden, dann hatte ich da nicht hinzugehen. Wenn eine Wanderung gemacht wurde, dann durfte ich hingehen. Zur 1. Mai-Demo durfte ich nicht hingehen, zum Lampion-Umzug am 30. April durfte ich gehen. Er wollte nicht, dass ich zum Außenseiter werde, soweit sich das vermeiden ließ, aber die Außenseiterschaft war mir geradezu versprochen. Ich war einer der besten in der Klasse und ich durfte nicht auf die erweiterte Oberschule."

Ein typisches Schicksal für ein Pfarrerskind in der DDR, sagt Bettina Ernst-Bertram. Sie hat mit ihrem Kollegen Jens Planer-Friedrich vom Berliner Bürgerbüro, einem Verein zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts, die Lebensläufe von über 300 Ost-Pfarrerskindern dokumentiert.

"Die einen sagten: Es war eine gute Art durch die Zeit der DDR, durch die Diktatur zu kommen, ich hatte mein protestantisches Pfarrhaus hinter mir, aus dem bin ich jeden Tag in die Schule gegangen, hatte dort meine Erlebnisse mit der Volksbildung, habe dort gewisse Konflikte erlebt, habe sie aber gut austragen können."

Auf jeweils vier Fragebogenseiten haben sich die angeschriebenen Pfarrerssprösslinge über ihre Kindheit und Jugend geäußert:

"Andere Pfarrerskinder sagten in den Fragebögen, sie wünschten nichts sehnlicher als ganz normal sein zu können. Die waren nicht dazu gemacht, (...) nur weil sie Eltern hatten, die Pfarrersleute waren, nur deshalb eine besondere Rolle zu spielen. Die wollten nicht immer gefragt werden, wenn es um Martin Luther ging: Na, was hat denn der Fürstenknecht da angestellt."

Es ging um in der 7. Klasse um das Aufsagen des Gedichtes "Die schlesischen Weber" von Heinrich Heine.

"Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!"

"Eine Gottesfluchstrophe (...), die 13-jährigen Kinder überforderte und in Gewissensnöte brachte, die zwischen dem Pfarrer und dem Lehrer aufgelöst werden mussten."

Der nächste Konfliktpunkt war die Internationale, die im Musikunterricht drangenommen wurde im zentralen Lehrplan der DDR, da heißt es.

Die Internationale: "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun …"

"Diese Strophe war immer mehr als nur einfach nur eine Strophe, sondern sie artete regelmäßig zu einem Machtkampf zwischen dem Pfarrer, dem Kind und der Volksbildung aus."

"Um das zu ergänzen: (...) viele, die aus dem Pfarrhaus kommen, (...) wollten einfach dazu gehören (...) schon das Äußerliche: die Kinder in der Schule kamen zum Fahnenappell und hatten als Pioniere ein weißes Hemd an und ein blaues oder rotes Tuch um den Hals und die Pfarrerskinder hatten das nicht. Die standen dann wie ein Papagei zwischen den ganzen weißen Hemden."

"90 Prozent derjenigen, die sich an den Fragebögen beteiligt haben, sind sehr froh, dass über ihr Aufwachsen im Pfarrhaus gewesen, oft hörte man so über die Trutzburg, diesen Raum der geistigen Weite und der Freiheit des Denkens, die da möglich war. Die hat nicht unbedingt in der DDR weitergeholfen, aber im Leben hat diese Herkunft auf jeden Fall weiter geholfen (...) weil die Pfarrerskinder (...) wussten immer noch, dass da eine Dimension drüber ist, das machte sie ein bisschen freier."

Auch Christoph Dieckmann spürte als Kind schon früh, dass das Pfarrhaus im thüringischen Sondershausen ein besonderer Ort war:

"Ich weiß noch, dass meine Mutter immer etwas überlegen sprach von den Kindern, die sonntags auf der Straße spielen müssen. Mit uns spielten die Eltern, wir machten Ausflüge und es gab eine ordentliche Kaffeetafel. Es gab allerdings auch den Satz, was sollen denn die Leute denken, also das Dorfpfarrhaus war auch ein Glashaus."

Doch der heutige Autor Christoph Dieckmann war nicht nur glücklich über seine Kindheit im Pfarrhaus:

"‚Scheiß-Kirche’ habe ich des öfteren gedacht, weil mein Vater mir nicht gestattete, der Fußball-Schülermannschaft beizutreten, die spielten nämlich Sonntagsvormittags und da hatte das Pastorenkind in der Kirche zu erscheinen."

Fußball-Reportage: "Kinder, ist das eine Aufregung. Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört; immer vielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten: Wunder, Gott sei Dank, sie haben alle gehofft und gebetet, und ich staunte, dass der Reporter das Wort Glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte."

"Das Delius-Buch "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" ist eine wunderbare, eine für mich Satz für Satz nachempfindbare Kontrastierung zwischen Welt und der festen Burg. Mein Vater konnte mit Fußball auch nichts anfangen und für mich war der Fußball der Schlüssel zur profanen Welt und das ist er auch geblieben."

Delius: "Und wieder hält Toni Turek einen unmöglichen Ball. (...) Toni, du bist ein Teufelskerl, Turek, du bist ein Fußballgott. Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, dass Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und als Gott angerufen wurde."

Doch anders als der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, der in einem Pfarrhaus im Hessischen aufwuchs, wurde Christoph Dieckmann als Jugendlicher immer deutlicher, was es bedeutete, Pfarrerskind in der DDR zu sein:

"Ich erinnere mich noch an den unvergesslichen Satz der Kreisschulrätin Richter, die kein Kirchenkind zum Abitur zuließ, und hätte es den Durchschnitt 1,0 gehabt. Sie sagte mir: Sie tun nichts für das Volk, da tut die Volksmacht auch nichts für Sie."

Pfarrerskinder wurden nur in Ausnahmefällen zum Abitur zugelassen; viele holten später die Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nach, wurden dann ebenfalls Theologen oder Musiker, wie Jens Planer-Friedrich berichtet:

"In den 80er Jahren war es hier in Berlin an der Musikhochschule so, dass man immer ganz aufmerksam wurde, wenn sich Pfarrerskinder zum Studium bewarben, denn es hieß, 30 Prozent aller Studenten an der Musikhochschule waren Pfarrerskinder."

Und noch heute trifft man in ostdeutschen Orchestern überdurchschnittlich viele Pfarrerskinder an. Noch stärker als im Westen hat sich in der DDR das Pfarrhaus als ein Hort der bürgerlichen Kultur gehalten.

"Man muss sagen, dass der ideologische Druck der DDR manches zusammenhielt, auch an Bürgerlichkeit, was sonst wie im Westen schon eher gebröckelt wäre. Viele Pfarrhäuser empfanden sich als Zitadellen des geistigen Bürgertums."

"Es hat sich unter den Bedingungen der Diktatur länger gehalten in der DDR, was man so sich unter einem klassischen Pfarrhaus vorstellt, Pfarrerskinder lernten Flöte und Klavier spielen, (...) Schlagzeug lernten sie weniger, sie hatten eine reiche Literatur im Pfarrhaus zur Verfügung."

Dirk Erchinger hat im Pfarrhaus das Schlagzeug entdeckt. Er und sein Bruder Jan-Heie waren Pfarrerskinder im Westen – in Hannover. Die Eltern waren geprägt von der 68-er Bewegung; Kinderchor und Orgel war da weniger angesagt, erzählt der 40-jährige Jan-Heie Erchinger:

"Da gab es eine Dixieland-Band, da gab es öfter weiße Gospel-Chöre, für uns war das immer präsent und wir sind da auch schnell als Brüder ins Musikmachen gekommen. (...) so Blues und Boogie-Woogie ausprobiert."

Die beiden Brüder sind dann auch Profimusiker geworden: Dirk als Schlagzeuger, Jan-Heie Pianist und Keyboarder; die beiden spielen unter anderem in der Band "Jazzkantine" und haben auch schon mit ihrem Vater ein Stück aufgenommen:

Gottesdienst und Bibelkreis standen in der Kindheit und Jugend von Jan-Heie nicht gerade im Vordergrund:

"Wir haben mehr mitbekommen von Jugendfreizeiten, Musikfestivals, Problematik Dritte Welt, Ernesto Cardenal, (...) so was war wichtig, eher so eine politische linke Art, mit den Problematiken der 70er so klar zu kommen."

Dass die Brüder sich schon als Kinder gern selbst darstellten und später beide Musiker wurden, das sei wohl kein Zufall, meint der Pianist:

"Auch dieses Extrovertierte des Pfarrers, diese Show, die er jeden Sonntag da abgezogen hat, wie er gefeiert wird durch seine Predigt und seine vermeintlich unfassbar erbaulichen Gedanken (...) man hat schon das Gefühl: Mensch, die können jeden Sonntag ihre Show abziehen, werden da gefeiert, und das ist eine Sache, die einem auch im Leben Spaß machen kann, dass man sich da was abgeguckt hat. (...) Macht doch Spaß, im Vordergrund zu stehen."

Die Erchingers hatten ein offenes Pfarrhaus. Jeder konnte mit seinen Sorgen zur Pfarrersfamilie kommen; an Weihnachten saßen nicht selten einsame Menschen aus der Gemeinde mit am Essenstisch. Das fand Jan-Heie nicht immer so toll:

"Das ist auch eine ganz wichtige Sache in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, dass in diesem Pastorenhaushalt immer dieses schlechte Gewissen gegenüber denen, denen es nicht so gut geht, doch sehr im Vordergrund ist. Und das hat mich als Kind so angekotzt, dass ich bis heute das Gefühl habe, dass noch nicht richtig verarbeitet zu haben. Es ist so, dass ich nicht unbedingt immer aufesse, oder dass ich nicht immer sofort an die denken will, die krank sind. (...) einfach ist da so eine Art Kontrareaktion gekommen, die natürlich infantil ist, aber es ist mir doch ein Bedürfnis."

Bei allen Unterschieden zwischen den Pfarrerskinder – zwischen Ost und West und zwischen den Generation – Christoph Dieckmann sieht auch manches Verbindende:

"Was geblieben ist bei vielen eine große Skepsis gegenüber den zynischen Regularien der Machtausübung, starker Moralismus, eine größere Befähigung zur gediegenen Festtagspredigt als zum hingekachelten Haushaltsentwurf."

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