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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.10.2016

Pfarrer Vogt zum Reformationstag "Luther hat so ein paar wunderbare Prinzipien"

Fabian Vogt im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Reformator Martin Luther in einer Darstellung von Lukas Cranach. (dpa/picture-alliance/epd-Bild Norbert Neetz)
Der Reformator Martin Luther in einer Darstellung von Lukas Cranach. (dpa/picture-alliance/epd-Bild Norbert Neetz)

Theologische Texte müssten heute eigentlich auf "atemlos durch die Nacht" geschrieben werden, sagt der Pfarrer Fabian Vogt. Das wäre ganz lutherisch, sagt der Buchautor und sucht nach einer neuen Reformation.

Schon vor fünf Jahren erschien der Roman  "2017 - Die neue Reformation", in dem sich der Buchautor und evangelische Pfarrer Fabian Vogt einem Blick in die Zukunft widmete. Darin tauchen am 31. Oktober 2017, dem 500. Jahrestag der Reformation, im Internet 95 neue Thesen zur Zukunft der Kirche auf, die alles verändern. "Erst mal dachte ich, es ist doch ganz schön schwierig, sich heute vorzustellen, wie war das vor 500 Jahren, was war da eigentlich los, wie war so die Dynamik, was hat die Menschen bewegt", sagt Vogt im Deutschlandradio Kultur. "Ich sage mal so einen ganz, ganz schlichtes Beispiel: sich vorzustellen, dass heute eine Gesamtkirchengemeinde sagt, wir treten aus unserer Kirche aus, weil wir gerne zu einer neuen Kirche gehören würden." Erst dann könne man sich klarmachen, was dies an gesellschaftlichen Konsequenzen hatte, sagte er.  


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Heute ist Reformationstag, der an die Erneuerung, Wiederherstellung und Spaltung der Kirche erinnert in katholische, lutherische und reformierte, und mancher in der Kirche, und nicht nur dort, fragt sich manchmal, ob nicht mal wieder eine Reformation fällig wäre, um es mal so ganz lax auszudrücken. Fabian Vogt hat derlei in einem Buch vorweggenommen in einer Art Science Fiction auf evangelisch. Vogt ist evangelischer Pfarrer, Rundfunkverkündiger – ist meine Lieblingsberufsbezeichnung heute im Sender – beim Hessischen Rundfunk, außerdem Musiker und Autor, und Sie haben ihn schon gehört, jetzt ist er am Telefon. Schönen guten Morgen!

Fabian Vogt: Ja, schönen guten Morgen, hallo!

Billerbeck: Erst mal Glückwunsch zum Reformationstag! Sie waren ganz früh dran, 2012 haben Sie Ihr Buch "2017: Die neue Reformation" geschrieben, und darin schauen Sie zurück vom 31. Oktober 2042, als da nämlich das 25-jährige Jubiläum der neuen Reformation gefeiert wird, die Sie – so Ihre Buchidee – 2017 begründet haben. Wollten Sie eine neue Reformation herbeischreiben?

Vogt: Erst mal dachte ich, es ist doch ganz schön schwierig, sich heute vorzustellen, wie war das vor 500 Jahren, was war da eigentlich los, wie war so die Dynamik, was hat die Menschen bewegt, und ich sage mal so einen ganz, ganz schlichtes Beispiel: sich vorzustellen, dass heute eine Gesamtkirchengemeinde sagt, wir treten aus unserer Kirche aus, weil wir gerne zu einer neuen Kirche gehören würden.

Ich glaube, erst dann kann man sich klar machen, was das damals auch an gesellschaftlichen Konsequenzen hatte. Also das war das erste, ich dachte erst mal, ich möchte gerne, dass das nachvollziehbar ist, und dann glaube ich schon, dass es eine Menge Leute gibt, die denken, es könnte Kirche noch lebendiger, fröhlicher, lebensrelevanter sein, warum passiert da eigentlich so wenig, und das mal als belletristische Form zu gestalten, das hat mich richtig gereizt.

Billerbeck: Heute würde eine Kirchengemeinde, wenn sie das vorhat, das wahrscheinlich auf Facebook verkünden. Luther hatte ja 95 Thesen, Ihnen genügen 25 in Ihrem Buch. Nennen Sie doch mal eine.

Vogt: Nein, das sind auch 95.

Billerbeck: Ah! Habe ich es durcheinander gebracht.

Vogt: Kein Problem! Also eine These zum Beispiel lautet ganz schlicht: Die Kirche, die ja angetreten ist, die Schönheit des Glaubens zu verkünden, steht dieser Schönheit immer öfter im Weg. Also ich sage mal so ein ganz banales Beispiel: Wer sich in Deutschland für Gott und den Glauben irgendwie interessiert, kriegt das ja in der Regel nur in einer Kulturform. Das heißt, er muss gleichzeitig Sonntagmorgen schwarze Gewänder, Orgelmusik, klassische Liturgie und sowas mögen, weil es eigentlich keine andere Form der Vermittlung gibt, was natürlich auch ganz unlutherisch ist.

Luther selber hat ja ganz mutig gesagt, ihr Lieben, jede Gemeinde soll erst mal gucken, wie sie sich einen Gottesdienst gestalten kann, indem sie richtig, wirklich ihren Glauben feiern kann, und natürlich ist es schön, wenn auch in bestimmten Gegenden man sich so ein bisschen auch aneinander angleicht, aber erst mal ist jeder völlig frei zu gestalten. Das machen wir natürlich schon lange nicht mehr.

Leute voller Begeisterung

Billerbeck: In Ihrem Buch taucht ein Kürzel immer auf, das heißt LK, steht für lebendige Kirche. Ist denn die Kirche von heute so leblos und so jenseits des wahren Lebens?

Vogt: Nein, das darf man auch nicht pauschalisieren, und das spannende in meinem Roman ist ja, mir ging es gerade nicht darum zu sagen, die Kirche ist schlecht, und pass mal auf, wenn jetzt auf einmal eine neue Reformation käme, wäre alles viel besser, deswegen spielt der Roman ja auch im Jahr 2042 und ist im Grunde ein Rückblick und ist auch ein ganz, ich sage mal, ein kritischer Rückblick.

Also mein Held schaut zurück und sagt, Mensch, eine Institution, am Anfang war das eine große Dynamik, und da waren Leute voller Begeisterung und sagten, wir machen alles neu im Sinne, Reformation heißt ja auch neu machen, wir machen alles neu, und dann stellt man fest, wenn man eine Institution begründet, dann gibt es natürlich auch äußere Zwänge, dann müssen Stellen geschaffen werden, dann braucht es Finanzpläne, dann muss es ein Hauskonzept geben, und man merkt ganz schnell, dass natürlich eine Institution auch unter bestimmten Sachzwängen steht. Dieses Verhältnis zwischen wie kann eine Institution lebendig bleiben, und was können wir tun, damit diese Lebendigkeit sich weiterentwickelt, die spielt in meinem Roman eine große Rolle.

Billerbeck: Stichwort kritisches Herangehen: Wie sehen Sie denn das Verhältnis zu Luther, also wird da nicht viel zu sehr sich auf die Person fixiert, was der gar nicht halten kann?

Vogt: Ach, ich bin da so ein bisschen hin- und hergerissen. Ja, wir alle wissen, Luther hat auch gerade in seinen letzten Jahren Dinge veröffentlicht, vor dem man sich nur distanzieren kann, wo man sagen kann, da war er noch viel zu sehr Kind seiner Zeit, und zugleich finde ich, er hat Weichenstellungen vorgenommen, die bis heute relevant sind: die Hochschätzung des Individuums oder einfach den Begriff der Freiheit, auch wenn er den selber in seiner Zeit noch gar nicht in allen Zusammenhängen leben konnte, aber er hat wirklich deutlich gemacht, ein Mensch muss frei sein. Er kann vor allem innerlich frei sein, auch seelisch frei sein, selbst wenn er äußerlich noch in bestimmten Strukturen gebunden ist.

Insofern ich finde eher … Also für mich war es sehr spannend, ein Nachbar kam auf mich zu und sagte, sehen Sie mal, Herr Vogt, Ihre Kirche, irgendwie schämt die sich doch auch für ihren Luther. Da dachte ich, wie kommt der denn darauf, sagte er, ja, dauernd lese ich, sie entschuldigen sich, was er gegen die Juden geschrieben hat und gegen die Frauen und gegen die Türken. Da kann man nur sagen, ja, das stimmt, und trotzdem hat er durch seine Taten die Welt verändert, und das würde ich auch gerne erst mal positiv sehen, ohne die Schattenseiten ausblenden zu wollen.

Luthers Prinzipien

Billerbeck: Nun wird ja viel gefeiert, aber das ist die alte Reformation von damals, die gerade gefeiert wird, nicht eine neue. Was, meine Sie, würde Luther dazu sagen?

Vogt: Na ich würde sagen, Luther hat so ein paar wunderbare Prinzipien. Eins der Prinzipien lautet zum Beispiel, das, was die Kirche tut, muss verständlich sein. Insofern heißt Reformation feiern eben nicht, dass wir uns erinnern, was vor 500 Jahren verständlich war, sondern neu fragen, was ist heute für Menschen verständlich. Also für Luther war diese Verständlichkeit so wichtig, er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, er hat einen deutschen Gottesdienst erfunden, er hat gesagt, ich muss eine Art Katechismus schreiben, also eine Art Grunderklärung, was Glauben eigentlich ist, damit jeder versteht. Also er hat ja diesen berühmten Satz gesagt, lasst uns dem Volk aufs Maul schauen.

Ich sage mal ganz banal, Luther ist, das wissen wir, zum Beispiel in die Festzelte und die Kneipen seiner Zeit gegangen und hat gesagt, was singen die Leute da für Lieder, und auf diese Lieder mache ich dann mal geistliche Texte, weil das ist die Musik, die die Leute jetzt gerade lieben, die ihnen gut tut. Also ich sage mal, wenn wir Luther ganz ernst nehmen, dann müssten wir eigentlich heute theologische Texte auf "atemlos durch die Nacht" schreiben. Ja, aber das macht keiner, aber das wäre ganz lutherisch!

Billerbeck: Das sagt der evangelische Pfarrer und Autor und Musiker Fabian Vogt. Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Fabian Vogt, 2017 - Die neue Reformation, Adeo Verlag 2012, 16,99 Euro.

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