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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2017

Petra Morsbach: "Justizpalast"Sittenbild des Rechtsstaates

Von Maike Albath

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Cover von "Justizpalast" von Petra Morsbach, im Hintergrund Justutia. (Knaus Verlag / dpa / David Ebener)
Cover von "Justizpalast" von Petra Morsbach, im Hintergrund Justutia. (Knaus Verlag / dpa / David Ebener)

In ihrem Roman "Justizpalast" gewinnt Petra Morsbach dem Milieu der Juristen ungeahnte Spannung ab. Der Autorin gelingt es, das alltägliche Geschäft ihrer Figuren lebendig und wirklichkeitsnah zu schildern. Sie zeigt auch beunruhigende Zustände der Justiz auf.

Zwischendurch verliert man fast den Glauben an die Menschheit, da möchte man der Richterin Thirza Zorniger und etlichen ihrer Kollegen das Bundesverdienstkreuz verleihen – so unverzichtbar scheint ihre Arbeit für die Wahrung des Rechtsstaates. Und so lebendig und wirklichkeitsnah schildert die Autorin Petra Morsbach das alltägliche Geschäft ihrer Figuren. In ihrem neuen Roman "Justizpalast" nimmt sich Morsbach, 1956 in München geboren, viele Jahre lang Regisseurin und Dramaturgin und seit 1993 Schriftstellerin, das Milieu der Juristen vor und gewinnt ihm ungeahnte Spannung ab.

Sie wählt eine Grenzgängerin als Heldin, Tochter eines gefeierten Schauspielers, die aus biografischen Gründen eine Affinität zum Rechtswesen verspürt und durch ihren Großvater, einen ehemaligen Strafrichter, vorgeprägt ist. Thirzas Eltern gehörten zur Münchner Bohème und nahmen keine Rücksicht auf die Bedürfnisse des Kindes. Die Ehe war schon bald zerrüttet, die Mutter todkrank, der Vater mit neuen Frauen und Familien beschäftigt.

Untrügliches Gespür für Gerechtigkeit

Die antibürgerliche Vernachlässigung ließ in Thirza ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit wachsen und ein Bedürfnis nach verlässlichen Regelwerken. Das Mädchen wuchs schließlich im Haushalt der Großeltern auf, umsorgt von ostpreußischen Tanten und gefordert von dem gestrengen Großvater. Thirzas Werdegang als Juristin vom Studium über die verschiedenen Stationen am Familiengericht, bei der Staatsanwaltschaft, in der Gnadenabteilung und am Amtsgericht bis zur Stelle als Erste Vorsitzende der 44. Kammer, in der Kartellrecht verhandelt wird, bildet den roten Faden des umfangreichen Romans; zahlreiche Fälle aus der richterlichen Praxis ordnen sich dieser Binnenerzählung unter.

Anders als in Klassikern, in denen das Gericht angerufen wird, wie in Kleists "Zerbrochenem Krug" oder Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" oder in dem Gegenwartsroman von Thomas Hettche "Der Fall Arbogast" über einen Justizirrtum, geht es gerade nicht um einen exemplarischen Fall, sondern um ein Panorama des Rechtswesens.

Respekt vor dem Ethos der Richter

Morsbach liefert ein Sittenbild des Rechtsstaates in seiner aktuellen Verfassung. Die Autorin versteht ihr Handwerk: Ihr Roman ist klug komponiert, die Hauptfigur in ihrer Leidenschaft für ihr Amt äußerst liebenswert, so dass man auch den Verstrickungen etlicher Kläger und Beklagten trotz der seriellen Häufung gern folgt. Morsbach gelingen glänzende Richter-Psychogramme, eine Berufsgruppe, die trotz schlechter Ausstattung unbeirrbar ihre Arbeit erledigt.

Das Ausmaß der Boshaftigkeiten und Betrügereien lässt einen allerdings häufig zusammenzucken. Es scheint schlecht bestellt um die Deutschen, von denen ein großer Teil seine Zeit damit verbringt, sich vor Gericht zu zanken. Ebenso wenig idealisiert Petra Morsbach die Spezies der Juristen. Dass die regierende Partei mehr Einfluss hat, als es dienlich ist und die Familie des korrupten ehemaligen Ministerpräsidenten Strauß jahrzehntelang ungeschoren davon kam, ist ebenfalls Gegenstand des Romans. Am Ende hat man vor allem eines: Respekt vor dem Ethos der Richter.

Petra Morsbach: Justizpalast
Knaus Verlag, München 2017
480 Seiten, 25 Euro

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