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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.12.2019

Petition zum Verbot des N-Wortes gestartet"Es ist verletzend, beleidigend und nicht okay"

Aminata Belli im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Aminata BELLI, Moderatorin, Portraet, PortrÃ_t, Portrait, Angeschnittenes Einzelbild, Einzelmotiv, zu Gast in der 500. Sendung KOELNER TREFF im WDR Fernsehen, 18.05.2019. Â | Verwendung weltweit (picture alliance / Sven Simon)
Das N-Wort werde niemals oder sehr selten benutzt, um irgendetwas Positives zu wollen, meistens werde man damit beleidigt, sagt Aminata Belli. (picture alliance / Sven Simon)

Die Zahl der Unterschriften steigt im Sekundentakt: Es geht um die "Rechtliche Anerkennung, dass der Begriff 'Neger' rassistisch ist!", nachdem ein Gericht anders geurteilt hatte. Die Fernsehmoderatorin Aminata Belli unterstützt die gleichlautende Petition.

Am späten Sonntagnachmittag waren es schon rund 35.000 Unterstützer für die Petition "Rechtliche Anerkennung, dass der Begriff ‚Neger‘ rassistisch ist!". Sie wurde gestartet in Reaktion auf ein Urteil des Landesverfassungsgerichts von Mecklenburg-Vorpommern in Greifswald.

Dieses hatte dem AfD-Landtagsfraktionschef Nikolaus Kramer im Streit mit dem Landtagspräsidium Recht gegeben. Dem Gericht zufolge verstieß der Ordnungsruf der Landtagsvizepräsidentin Mignon Schwenke (Linke) im November 2018 wegen der mehrfachen Verwendung des Wortes "Neger" durch Kramer gegen die Landesverfassung.

Der Richterspruch sei noch "schlimmer" für sie, als die Verwendung des N-Wortes durch Kramer, sagt die Moderatorin und Reporterin Aminata Belli, die die Petition unterstützt, "weil das eine Bestätigung für dieses Wort ist. Das ist für mich ein absoluter Schlag ins Gesicht, und nicht nur für mich, sondern für alle schwarzen Menschen, die hier leben."

Viele schwarze Menschen in Deutschland würden mit diesem Wort aufwachsen. "Dieses Wort wird sehr selten benutzt, um irgendetwas Positives zu wollen, meistens wird man damit beleidigt, es ist herabwürdigend, es attestiert irgendetwas Unprivilegiertes, das wissen wir alle. Es ist etwas, was 2019 nicht mehr stattfinden sollte", sagt Belli entschieden.

"Dieses Urteil, dass gesagt wird, für einige ist es despektierlich und unangebracht, für andere aber nicht, ist halt der allergrößte Schwachsinn", so Belli weiter. "Weiße Menschen entscheiden, dass es okay ist, es zu sagen, weil sie meinen, es sei nicht beleidigend, aber wenn sie schwarze Menschen fragen, die ihr Leben lang damit konfrontiert werden, die Personen werden ihnen sagen, dass es verletzend ist, beleidigend ist und nicht okay."

"Wer fragt denn mal einen Menschen, der betroffen ist?"

Ausnahmen möge es geben. Daran ließe sich jedoch noch etwas anderes ablesen. "Es ist schwierig als schwarzer Mensch aufzustehen am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Schule, und zu sagen: ‚Das ist nicht Okay, ich möchte das nicht.‘ Das kostet wahnsinnig viel Kraft und auch Mut, denn sobald man das macht, wird man vielleicht ausgeschlossen, verliert vielleicht Freunde." Doch so funktioniere das nicht mehr. "Das haben unsere Eltern vielleicht gemacht oder Großeltern, aber die Generation, die jetzt da ist, die Leute, die jetzt in Deutschland leben, werden das nicht weiter hinnehmen."

Die Petition solle Aufmerksamkeit für das Thema erreichen. "Wir möchten den Leuten mitteilen, dass dieses Wort eine Beleidigung ist für uns – egal wie es gemeint ist. Es kommt ja nicht darauf an, wie der Sender es meint, sondern wie der Empfänger es annimmt." Es wäre gut, wenn die Allgemeinheit und auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft dies verstehe.

Bislang träfen die Entscheidungen weiße Menschen. "Aber wer fragt denn mal einen Menschen, der betroffen ist?", fragt Belli. "Ich weiß, dass ich mein Leben lang rassistisch beleidigt werde in Deutschland. Ich kann so viel kämpfen und machen, was ich will. Und ich weiß auch, dass meine Kinder eines Tages von der Schule nach Hause kommen werden und sagen: ‚Mama, die haben das N-Wort gesagt‘. Ich könnte heulen, wenn ich das sage." Trotzdem könnten Diskussionen und Beschlüsse dazu beitragen, dass die Allgemeinheit langsam verstehe, dass Dinge sich ändern.

(dpa/cwu)

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