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Interview | Beitrag vom 09.12.2019

Petition im BundestagRettet das Schwimmbad!

Matthias Oloew im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Blick auf ein leeres Schwimmbadbecken. Auf der linken Seite des Bildes dominiert der Schriftzug "Nichtschwimmer" am Beckenrand. (imago images / Becker & Bredel )
Das ehemalige Kaiser-Friedrich-Bad St. Johann wurde 2001 geschlossen, über seine Zukunft wird noch verhandelt. (imago images / Becker & Bredel )

Die DLRG schlägt Alarm: Viele Schwimmbäder hierzulande sind in keinem guten Zustand. Jedes Jahr werden im Schnitt 80 davon geschlossen. Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäderbetriebe, analysiert die deutsche Bäderlandschaft.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) fordert einen Masterplan, um die Schwimmbäder in Deutschland vor dem Verfall zu bewahren. Die Bäder sieht die DLRG allerortens in fragwürdigem Zustand. Deswegen hat er mit Hilfe einer Petition Unterschriften gesammelt – heute beschäftigt sich der Petitionsausschuss im Bundestag damit.

Seit dem Jahr 2000 sind im Schnitt jährlich rund 80 Bäder in Deutschland geschlossen worden. Ehemals gab es 7800 Schwimmbäder, Ende 2018 waren es nur noch 6400. Rund ein Viertel der Grundschulen können laut der DLRG derzeit keinen Schwimmunterricht mehr anbieten. Sechs von zehn Kindern können der Organisation zufolge nicht sicher schwimmen.

Die Kommunen haben zu wenig Geld

Schwimmbäder seien eine kommunale Aufgabe, betont Matthias Oloew, Historiker und Sprecher der Berliner Bäderbetriebe. Doch die Kommunen seien oft schwächer finanziell aufgestellt als der Bund. Deswegen stehe das Schwimmbad auf dem kommunalen Aufgabenzettel "nicht ganz obenan".

Schwimmbäder seien teuer, sagt Oloew: nicht, wenn sie gebaut würden, sondern im laufenden Betrieb. Fast 90 Prozent der Gesamtkosten entständen nicht in der Bauphase, sondern später, wenn Becken und Gebäude beheizt und gepflegt werden müssen.

Das Foto zeigt das Stadtbad Neukölln. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Blick in das Stadtbad Berlin-Neukölln: So macht Schwimmen Spaß. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

"Der Betrieb des Bades wird teuer, wenn man große Schwimmbecken baut, wenn man große Hallen mit viel Dachfläche baut, wo viel Energie verloren gehen kann", sagt der Historiker.

Nur einfache Schwimmbecken ohne viel Drumherum zu bauen, ist allerdings auch nicht die Lösung. Es gab schon einmal eine konzertierte Aktion beim Bäderbau, berichtet Oloew. In den 1950er- und 1960er-Jahren seien auf Initiative des Schwimmsports viele Schwimmbäder gebaut worden. Allerdings hätten diese fast alle gleich ausgesehen.

Bäder ohne Aufenthaltswert

"Sie waren halt Wettkampfstätten, für den Schwimmsport wunderbar geeignet. Aber den Aufenthaltswert, den zum Beispiel kaiserliche Bäder hatten, die wir noch heute toll finden, hatten diese Bäder nicht. Und dann sprach man recht schnell von einer Bäderkrise, weil die Leute nicht mehr zu Besuch kamen."

Es müssen also neue Bäder her, die unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden, wie es Oloew formuliert. Es gebe nun mal "verschiedene Badeansprüche": "Nicht jeder will im 50-Meter-Becken kraulschwimmen."

Das heiße zwar nicht, dass man deswegen nun nur noch Spaßbäder bauen solle – aber es könne eben nicht nur das 50-Meter-Becken mit geleinten Bahnen sein. "Dann verlieren wir viel zu viele Leute, die ein anderes Badebedürfnis haben."

(ahe)

Die Journalistin Brigitte Fehrle, ehemals Chefredakteurin der "Berliner Zeitung", erinnert daran, dass aufgrund der schwindenen Kapazitäten viele Menschen in Deutschland kaum und nur unzureichend schwimmen lernten: "Ein absoluter Verlust, denn schwimmen ist eine Kulturtechnik, und es ist auch eine Überlebenstechnik - und ein unheimlicher Spaßfaktor."

Nach Einschätzung von Kuno Hottenrott, Sportwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Wittenberg, ist das Schwimmen ein wichtiger Anlass für Gruppen und Familien, sich zu treffen und zusammenzukommen. Und hier finde alltägliches, soziales Lernen statt: "Viele lernen ihre erste Liebe in einem Freibad kennen."

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