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Buchkritik | Beitrag vom 11.01.2020

Peter Schneider: "Vivaldi und seine Töchter"Ein lange vergessener, skrupelloser Impresario

Von Johannes Kaiser

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Cover von Peter Schneider: "Vivaldi und seine Töchter" vor Aquarell-Hintergrund (Cover: Kiepenheuer & Witsch / Collage: Deutschlandradio)
Peter Schneider vermittelt ein plastisches Bild jenes Venedig des frühen 18. Jahrhunderts, in dem Antonio Vivaldi seine Triumphe feierte. (Cover: Kiepenheuer & Witsch / Collage: Deutschlandradio)

Nicht alle Geschichten, die Peter Schneider über den Komponisten der "Vier Jahreszeiten" erzählt, sind neu. Lesenswert aber macht den Roman "Vivaldi und seine Töchter" die gekonnte Mischung aus Zeitgeschichte, Erzählung, Recherche und Fantasie.

Man kann es sich kaum vorstellen, aber Antonio Vivaldi, dessen Komposition "Die vier Jahreszeiten" heute das weltweit meistgespielte Stück klassischer Musik ist, war fast 200 Jahre lang komplett vergessen. Dabei war der Geigenvirtuose und Komponist im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts ein gefeierter Star, dessen Werke in den Konzert- und Opernhäusern ständig aufgeführt und gespielt wurden. Er war zudem der Gründer des ersten Frauenorchesters Europas, gebildet aus den Mündeln eines katholischen Waisenhauses in seiner Geburtsstadt Venedig.

Vivaldi war ein Schnellschreiber, der jeden Monat mindestens zwei Konzerte oder Opern vorgelegte. Er war ein ausgesprochen kreativer Kopf, der in einer Sutane steckte, denn der Sohn einer siebenköpfigen Familie war auf Wunsch seiner Mutter bereits mit 15 Jahren zum Priester geweiht worden. Die hatte angeblich bei einem Erdbeben kurz vor seiner Geburt Gott geschworen, ihren Sohn zum Priester zu machen. Ein Erdbeben hat aber nie stattgefunden.

Abhängigkeit von adligen Auftraggebern

Es sind solche Geschichten, die der Berliner Schriftsteller Peter Schneider für sein Buch "Vivaldi und seine Töchter" ausgegraben hat. Nicht alle sind neu, finden sich bereits in einer der zahlreichen anderen Biografien, aber es ist der besondere Stil des Romanciers, die Eleganz der Erzählung, die den Unterschied macht.

Herausgekommen ist eine Art postmoderner Roman. Die Erzählung bestimmter Ereignisse lehnt sich zwar an die dürren historischen Fakten an, versucht aber die Gedanken und Gefühle des Komponisten, die Atmosphäre und Stimmung nachzuempfinden. Vor unseren Augen erscheint tatsächlich ein Bild jenes Venedig des frühen 18. Jahrhunderts auf, in dem Antonio Vivaldi seine Triumphe feierte. Immer wieder unterbricht Schneider seine Erzählung, um zu berichten, wie er Archive besuchte, zitiert historische Berichte, beschreibt die völlige Abhängigkeit des Komponisten von adligen Auftraggebern.

Ein Konvolut unbekannter Kompositionen

Folgt man Peter Schneider, so wird aus dem Waisenhausdirigenten Vivaldi schon bald ein gerissener, skrupelloser Impresario, der eine Karriere als reisender Komponist von einem europäischen Fürstenhof zum anderen beginnt, jahrelang begleitet von einer erheblich jüngeren Sängerin und deren Schwester. Ob es nur eine platonische Liebe des gläubigen Priesters oder ein amouröses Abenteuer war, bleibt offen. Doch das wie auch immer geartete Verhältnis erregt Aufsehen. Vivaldis Stern beginnt zu sinken.

Nach einem finanziellen Fiasko flieht er vor seinen Gläubigern mit den beiden Schwestern aus Venedig, um dann in Wien 1741 zu sterben und schon bald vergessen zu werden. Dann wird 1926 der Turiner Nationalbibliothek von einem kleinen italienischen Kloster ein großes Konvolut unbekannter Kompositionen angedient. Wie sich herausstellt, sind das zahlreiche Partituren Vivaldis, unter anderem auch "Die vier Jahreszeiten". Und damit beginnt die Wiederentdeckung Vivaldis.

Es ist genau diese Mischung aus Zeitgeschichte, Erzählung, Recherche und Fantasie, die Michael Schneiders Roman zu einer so vergnüglichen wie beeindruckenden Lektüre macht. Man liest ihn mit einem Lächeln. Solche Geschichtslektionen sind rar gesät.

Peter Schneider: "Vivaldi und seine Töchter"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
287 Seiten, 20 Euro 

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