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Lesart | Beitrag vom 23.06.2021

Peter Richter über "August"Gesellschaftsstudie am Swimmingpool

Moderation: Andrea Gerk

Von oben ist eine Frau zu sehen, die sich - mit einem großen geringelten Sonnenhut auf dem Kopf - am Rand eines Swimmingpools festhält.   (Unsplash / Anna Demionenko)
Die Figuren im Roman "August" verbringen ihren Urlaub an einem Pool – alle mit unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen. (Unsplash / Anna Demionenko)

Zwei Paare im Urlaub in einer exklusiven US-Ferienregion, die Suche nach Erfüllung, Konflikte: Der Journalist Peter Richter verknüpft in seinem Roman "August" den privaten Urlaubsstress mit einem Blick auf alternative Bewegungen.

Ein schicker Bungalow in den Hamptons auf Long Islands im US-Bundesstaat New York und zwei Paare, die dort am Swimmingpool den August verbringen. Im Hintergrund läuft cooler Jazz, im Inneren der Figuren kocht so manches hoch und alle suchen Erlösung oder zumindest kurzfristige Rettung.

Vor allem eine der beiden Frauen, Stephanie, begeistert sich für einen österreichischen Guru, der verspricht, die angeschlagenen Seelen mit seltsamen Säften und Gymnastikübungen zu heilen. So in etwa ist das Setting in "August", dem neuen Roman von Peter Richter.

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Er war viele Jahre in New York Kulturkorrespondent für die "Süddeutsche Zeitung". 2015 veröffentlichte er den Wenderoman "89/90". Seit einiger Zeit lebt er wieder in Berlin.

Zum Entspannen verdammt

Die Idee zu dem Roman sei 2012 entstanden, als er in der Zeitung gelesen habe, dass Angestellte auf den Hamptons sich über das Verhalten der Sommergäste beschweren, "denn die Sommerfrischler werden ungeduldiger, drängeln, als ob sie das Gefühl hätten, nicht mehr genug abzubekommen von ihrem Sommer Und ich dachte: Das ist eine wunderbare Metapher für das Leben als solches, aber auch für Gesellschaften".

Die vier Figuren sind aus Deutschland nach New York gegangen. Richard macht viel Geld mit Immobilien, deshalb kann er sich auf den Hamptons etwas leisten. Seine Frau Stephanie war früher Fernsehmoderatorin, jetzt beschäftigt sie sich vor allem mit sich selbst und diversen esoterischen Heilslehren.

Die beiden haben ein Paar eingeladen: die Ärztin Vera und ihren amerikanischen Mann Alec, der mit seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht vorankommt.

Sie alle seien von Sehnsüchten getrieben und steckten in einer Art Midlife-Crisis. Das führe zu Konflikten. Außerdem sei so eine Feriensituation an sich "natürlich auch totaler Stress", so Richter. "Man ist verdammt dazu, sich endlich mal zu entspannen. Man ist zum Glück sozusagen verdammt, man ist zur Zufriedenheit verdammt."

Dann brächen die Konflikte aus. "Die Unterschiedlichkeit der Lebenspläne wird dann sichtbar an so einem Pool, da hat man endlich die Zeit dafür."

Zivilisationskritik als Wohlstandsphänomen

"August" ist aber nicht nur ein Sommer- und Ferienroman, das Buch ist auch eine Gesellschaftsstudie. Peter Richter hat die Romanhandlung, die Figuren verknüpft mit einem komplexen historischen Blick auf alternative Bewegungen – von der Freikörperkultur über die Hippies bis heute beispielsweise zur Achtsamkeitsbewegung.

Die Zivilisationskritik, wie sie da gelebt werde, sei ein Wohlstandsphänomen, so seine These, sagt Richter. "Man muss es sich erst mal leisten können, mit weniger auskommen zu wollen."

Eigentlich seien seine Romanfiguren Zaungäste dessen, was sie gerne wären. "Aber das reißt massive Wunden in ihrem Bedürfnishaushalt auf." Beim deutschen Bürgertum um die Jahrhundertwende habe es solche Phänomene auch schon mal gegeben. Und in den USA in den 1960er-Jahren.

(abr)

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