Buchkritik 19.11.2019

Peter Kurzeck: "Der vorige Sommer und der Sommer davor"Schilf, Salzseen und FischernetzeVon Nico Bleutge

Beitrag hören Das Cover zeigt auf einer türkisen Fläche die zarte Illustration eines Schiffs auf einem See.  (Cover: Schöffling & Co / Collage: Deutschlandradio)"Ein Staunen über die Präsenz der Gegenwart": Peter Kurzecks Roman "Der vorige Sommer und der Somer davor" (Cover: Schöffling & Co / Collage: Deutschlandradio)

Peter Kurzeck beherrscht die Kunst, Zeitschichten zu verschmelzen und um die immer gleichen Geschichten aus dem Alltag zu kreisen. Aus seinem Nachlass ist nun der siebte Band des Romanzyklus "Das alte Jahrhundert" erschienen, ein "Sommerbuch".

Manchmal ähnelt die Zeit einem kleinen Motor: "Wie ein Schiff, wie das Meer, so rauscht sie und stampft und keucht." Der Erzähler in diesem Roman ist seit fünf Jahren trocken, wohnt mit seiner Freundin Sibylle und der kleinen Tochter Carina in einer eigenen Wohnung. Aber er hat seine Anstellung in einem Antiquariat verloren, bekommt Geld vom Arbeitsamt. Dem Schreiben tut das keinen Abbruch. Fast manisch holt er das Frankfurt der frühen 80er-Jahre in seine Sätze, imaginiert sich zugleich in seine Kindheit in dem hessischen Dorf Staufenberg. Vor allem aber in die Sonne. Nach Barjac, wo sein Freund Jürgen noch vor einem Jahr ein Restaurant betrieben hat. Und in einen Ort in der Camargue, im Deltaland der Rhône, am Meer.

Dokument einer intensiven Schaffensphase

"Der vorige Sommer und der Sommer davor" gehört zu Peter Kurzecks großem Schreibvorhaben, seine vermutlich wichtigste Zeit aus der Erinnerung heraus zu erzählen: die Zeit als kleine Familie (Sibylle, Peter, Carina), die Zeit in Frankfurt am Main, als Glutpunkt das Jahr 1983, die Zeit kurz vor der Trennung des Paars, die Zeit des intensiven Schreibens, als Essenz von Zeit überhaupt. Damals war noch nicht klar, dass der Romanzyklus einmal den Titel "Das alte Jahrhundert" tragen würde.

Kurzeck schrieb an mehreren Büchern gleichzeitig. Am Sommerbuch hat er von 1998 bis 2001 gearbeitet, den Roman dann jedoch weggelegt und sich anderen Erinnerungsschichten zugewendet. Ruhen ließ er das Buch aber nie. Als er 2013 starb, fand man das Manuskript mit zahlreichen Bearbeitungen in seinem Nachlass. Über Umwege verlief auch die Publikationsgeschichte. Kurzecks Hausverlag Stroemfeld musste 2018 Insolvenz anmelden. Das schon angekündigte Buch hing in der Luft. Nach längerer Suche erscheinen die Bücher nun bei Schöffling & Co. Das Sommerbuch ist der siebte Band des "alten Jahrhunderts".

Atmosphärische Kraft

Kurzeck versucht, alle Zeitschichten in einer einzigen Schreib- und Lesegegenwart zusammenzuschmelzen. Die Interieurs von Hotels, Kneipen und Imbissbuden, den Markt im Dorf mit seinen Ständen, Schilf, Salzseen, die Fischernetze – und immer wieder das Wasser und das Licht. In großen kreisenden Bewegungen zieht er die Stoffe in die Sprache.

Aber bei aller atmosphärischen Kraft rutscht er nie in die Idylle ab. Denn schon kommen die Frachtschiffe und Tanker ins Bild, Marseille und der Ölhafen, die Kriegsmarine, Container. Auch in den Wahrnehmungsläufen durch Frankfurt sind die sozialen und historischen Umstände immer präsent, die Bankenstadt mit ihren obdachlosen und alkoholkranken Menschen, die eigene Armut und Vergangenheit des Erzählers.

Noch weitere funkelnde Fragmente im Nachlass

Und stets aufs Neue wird ein Staunen über die Präsenz der Gegenwart spürbar. Aber die Zeit überrollt dieses Jetzt-Gefühl immer schon, das wusste Kurzeck nur zu genau. Es muss in der Sprache ein ums andere Mal hergestellt, mit den Sätzen gebaut und beschworen werden.

Zwölf Bände sollte Kurzecks Erzählprojekt umfassen. Es dürften also noch ein paar funkelnde Fragmente in seinem Nachlass warten.

Peter Kurzeck: "Der vorige Sommer und der Sommer davor"
Aus dem Nachlass herausgegeben von Rudi Deuble und Alexander Losse
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019
652 Seiten, 32 Euro

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