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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.03.2017

Peter Krauss: "Singt der Vogel...?"Ein Buch mit 327 Verben für Vogellaute

Von Anselm Weidner

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Eine Lerche, links: das Buch "Singt der Vogel, ruft er, oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute" (imago/blickwinkel)
Eine Lerche, links: das Buch "Singt der Vogel, ruft er, oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute" (imago/blickwinkel)

Allein für den Lerchengesang hat der Vogelgesangssprachforscher Peter Krauss 17 verschiedene Verben recherchiert. "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?" widmet sich der Frage, welchen Wortschatz wir für Vogellaute haben - und zeigt nebenbei die Verwüstung von Natur und Sprachkultur.

Frühling: Eine Amsel singt, eine Nachtigall schlägt und der Kuckuck ruft, die drei gängigsten Verben im Deutschen für das, was wir alle Jahre wieder als Vogelgesang wahrnehmen. Aber erfasst unseres Sprache damit nur annähernd, was die gefiederten Sänger von sich geben? Sicher nicht. Ein so schönes wie verwunderliches Buch, ‚Handwörterbuch der Vogellaute‘, widmet sich - reich bebildert - ganz der Frage, welchen Wortschatz wir haben, um Gesang und Rufe der Vögel zu beschreiben - eine ornithologische wie bibliophile Preciose.

Jetzt sind sie wieder da, steigen singend über Feldern und Wiesen in den Frühlingshimmel auf, die Feldlerchen. Die beiden Teile ihres biologischen Namens, alauda arvensis, arvus - zum Acker gehörig - und lauda von laus, Lob, kennzeichnen diese Agrarvögel trefflich. Ihr weit übers Land hörbarer Gesang: Klangkaskaden aus Tirilieren und Trillern aus Himmelshöhen hinab klingt wie ein Lob, ein Jubel  auf die Schöpfung, aufs neu aufblühende Leben - das Himmelslörchli, wie die Schweizer sie nennen oder ‚skylark‘ die Engländer.  Aber singen, rufen oder schlagen Lerchen? Nein, sie

"tirelieren, tirilieren, dirdirlieren, jubilieren, schmettern, tremolieren, quirilieren, quinkelieren, trillern, wirbeln".

Das sind zehn von siebzehn Verben, die der Germanist, Romanist, Jazzpianist, Übersetzer und Sinologe Peter Krauss allein für den Lerchengesang in alten Lexika, Jagdbüchern, ornithologischen und literarischen Werken gefunden hat.

327 Verben für Vogellaute

Zu lesen und neben einer feinen Vogelzeichnung aus einem Vogelbuch des britischen Ornithologen Thomas Lilford zu bestaunen auf Seite107 und 108 in: "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? - Handwörterbuch der Vogellaute", die jüngste Publikation aus der Reihe "Naturkunden" im Matthes & Seitz-Verlag.

Anfang Mai wird sie hier wieder zu hören sein, aus dem südlichen Afrika zurückgekehrt, die Gold- oder Pfingstamsel, in ihrem goldgelb leuchtenden Federkleid mit den kontrastierenden schwarzen Flügel- und Schwanzfedern, bekannter als  Pirol, oriolus oriolus. Loriot im Französischen. Der Name verrät onomatopoetisch schon, wie dieser so scheue wie auffällige Vogel klingt. Bei Krauss heißt es:

"...flöten unverwechselbares melodisches viertöniges Flöten:
litilidio … krächzen bei Störung. Schrei des Weibchens krää..."

Für den Gesang und die Rufe des Pirols hat der, wie's scheint, besessene Vogelgesangssprachforscher Peter Krauss nur zwei der sage und schreibe 327 von ihm wiederentdeckten Verben für Vogellaute entdeckt. Gegenüber kunstvollen bunten Abbildungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert von über 100 Vogelarten, alphabetisch geordnet, sind in dem Buch über die Verben hinaus historische Notate zur Wahrnehmung der Vogellaute zu finden, wie hier zum Pirol:

"Im Volk hörte man den Ruf 'Bier hol!', deshalb auch Bierholer genannt. In seinem klaren, deutlichen Ruf erkennen die Menschen oft Personennamen, wie Bülow oder Thierau usw. Die Finnen hören aus seinem Ruf den Satz: kuhaa kiehuu, was bedeutet: Der Zander kocht. Danach wurde er der Zanderkocher genannt: Kuhankeittäjä."

Ein Dokument des Niedergangs von Natur und Sprachkultur

Welcher Vogel knippt oder zippt, schmält oder schäckert und welcher murxt? Das Deutsche besitzt einen ungeheuren Reichtum an Ausdrücken für die lautmalerischen Entsprechungen von Vogelrufen und -gesängen.

Beide, die Vielfalt der wirklichen Vogelwelt als auch die ihrer sprachlichen Entsprechung, sind im Verschwinden begriffen. Peter Krauss' umfassendes Wörterbuch "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?" ist beides: eine einzigartige ornithologische und bibliophile Preziose und als Bestandsaufnahme eines aussterbenden Wortschatzes, ein Dokument des Niedergangs, der zunehmenden Verwüstung von Natur und Sprachkultur.

Peter Krauss: Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?
Handwörterbuch der Vogellaute, Bestandsaufnahme eines aussterbenden Wortschatzes‘
Aus der Reihe ‚Naturkunden‘ 
Matthes & Seitz Verlag
222 Seiten, 25 Euro

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