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Lesart | Beitrag vom 30.10.2020

Peter Handke: "19 Pilzdrucke"Leidenschaften eines Waldgängers

Von Tobias Lehmkuhl

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Peter Handke sitzt in weißem Hemd und schwarzer Wester vor einem unscharf gestellten Gebüsch und blickt freundlich in die Kamera (imago/Agencia EFE/Cesar Cabrera)
Der Literaturnobelpreisträger im Grünen, wo er sich mit am liebsten aufhält. (imago/Agencia EFE/Cesar Cabrera)

Für seinen Hang zu Pilzen ist der Literaturnobelpreisträger Peter Handke bekannt. Manche der Fundstücke klemmt er in seinem Notizbuch ein. Daraus können fantastische Formen entstehen. Die sind in "19 Pilzdrucke" zu bestaunen.

Vielen ist der Herbst die liebste Jahreszeit, denn im Herbst sprießen die Pilze. Auch Peter Handke ist lange schon als Pilzfreund bekannt. Ein ganzes Buch hat er im Jahr 2013 der Liebe zum Pilz gewidmet: "Versuch über den Pilznarren". Jetzt ist gar ein Bändchen mit "19 Pilzdrucken" des Nobelpreisträgers erschienen.

Wie ein von der Straße gekratzter Vogel

19 Bilder, die von Pilzen herrühren, die Handke zwischen die Seiten seiner Notizbücher gelegt und gepresst hat. "In den Blasen gelblichbrauner Flüssigkeit, die durch das Pressen und Trocknen der Pilze auf dem Papier entstehen, bleiben die Reste der Schwämme zurück und bilden eine Vielfalt von fantastischen Formen", schreibt der Verleger Lothar Schirmer in seinem kurzen Vorwort. So erinnert eines dieser Druckbilder an den Tanz zweier Strichmännchen, ein anderes ähnelt einem angebrannten Spiegelei und ein drittes sieht aus, als hätte Handke einen toten Vogel von der Straße gekratzt und aufs Papier geklebt.

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Dass es sich bei Handkes Pilzdrucken nicht um schlichte Zufallsbilder handelt, sondern ein gewisser Kunstwille dahintersteckt, beweist die Nummer 19: "Pilzdruck, mit Holzwurmmehl grundiert" hat der Autorkünstler mit Kugelschreiber daruntergeschrieben. Mag da auch eine gewisse Ironie ins Holzwurmmehl gemischt sein, schon im vergangenen Jahr ist im Schirmer/Mosel Verlag ein Band mit Handkes "Zeichnungen" erschienen. Zeichnungen haben Handkes Schreiben immer begleitet, seine Notizbücher sind voll davon.

Mit Pilzen die Welt genauer wahrnehmen

Seine Erzählung "Lucie im Wald mit dem Dingsda" von 1999 enthält sogar eine Reihe extra angefertigter, nicht nur nebenbei entstandener Zeichnungen. Vielleicht, weil ihm dieses Buch besonders wertvoll war, stellt es doch sein erstes ausgesprochenes Pilzbuch dar. Mit den "Dingsda" im Wald sind nämlich Pilze gemeint, die Lucie sucht, um mit ihnen ihren Vater aus den Kerkern des Königs freizukaufen.

Zu sehen ist das Cover des Buches "19 Pilzdrucke" von Peter Handke. (Schirmer/Mosel Verlag / Deutschlandradio)Im Pilz steckt Glück und Gift zugleich: "19 Pilzdrucke" von Peter Handke. (Schirmer/Mosel Verlag / Deutschlandradio)

Vielen Literaturenthusiasten wird in Sachen Pilze der Satz eines anderen Österreichers einfallen: "Die Worte zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze." Anders als für Hugo von Hofmannsthal aber sind Handke Pilze nie Bilder für etwas anderes gewesen. Liest man seinen "Versuch über den Pilznarren", wird deutlich, dass Pilze ihm vielmehr ganz konkreter Anstoß sind, die Welt genauer wahrzunehmen:

"Und jeder Fund bescherte ihm eine Überraschung, ein ungeahntes Ding-Wesen, einen neuen Ort, Farbton, Formakzent, Geruch. Und ein jedes Mal witterte er schon im Voraus eine neue Fundstelle, ein Wittern, welches hieß: Alle Sinne wurden wach."

Leidenschaft wird zu Sucht und Laster

Handke braucht Pilze also nicht ihrer halluzinogenen Wirkung wegen. Im Gegenteil, die Pilzsuche klärt ihm den Blick, hilft ihm, Unterscheidungen zu treffen. Darin liegt für ihn die wahre Bewusstseinserweiterung.

Dem Pilznarr in Handkes "Versuch" freilich schlägt die Leidenschaft irgendwann in Sucht und Laster um. Statt Menschengesichter hat er nur noch Pilzformen im Kopf. Die Waldgängerei entfernt ihn gefährlich von der Gesellschaft.

Im Pilz steckt eben Glück und Gift zugleich. Im Zeitalter des Digitalen ist das Pilzesammeln ebenso wie das Pilzdruckbetrachten allerdings ein schönes Gegengift zur Entkörperlichung durch fluoreszierende Oberflächen. Analoger denn als Pilz zwischen Handkes Notizbuchseiten kann man auf jeden Fall nicht sterben.

Peter Handke: "19 Pilzdrucke"
Schirmer/Mosel Verlag, München 2020
56 Seiten, 19,80 Euro

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