Seit 09:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 05.07.2020
 
Seit 09:05 Uhr Kakadu

Buchkritik | Beitrag vom 29.05.2020

Peter Englund: “Mord in der Sonntagsstraße”Ein Thriller, wie die Realität ihn schreibt

Von Anne Kohlick

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine nasse, sich spiegelnde Straße ist auf dem Cover von Peter Englunds neuen Buch zu sehen. (Deutschlandradio/ Rowohlt)
Peter Englund geht auf Verbrecherjagd. (Deutschlandradio/ Rowohlt)

Es ist das Jahr 1965 und in Stockholm wird eine junge Frau ermordet. Dieser reale Kriminalfall ist für den Historiker Peter Englund der Faden für sein neues Sachbuch: eine Sozialgeschichte Schwedens. Und diese Sozialgeschichte liest sich spannend wie ein Thriller.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als würde das blonde Mädchen schlafen. Aber ein Geruch von Verwesung steigt den Polizisten in die Nase, als sie das aufgeräumte Schlafzimmer im Söndagsvägen 88 betreten. Es ist der Sommer 1965 in Skönstaholm, einer Reihenhaussiedlung südlich von Stockholm, malerisch gelegen zwischen bewaldeten Hügeln. Noch ahnt niemand, dass der Fund dieser Leiche die größte Polizeiaktion der schwedischen Geschichte nach sich ziehen wird.

Jeder Satz basiert auf Fakten

Als die 18-jährige Eva Marianne Granell, genannt "Kickan", ermordet wird, ist Peter Englund acht Jahre alt. Heute ist er Bestseller-Autor und der wohl bekannteste Historiker Schwedens. Egal ob er über die "Verwüstung" schreibt, die der 30-jährige Krieg in Europa hinterließ, oder ob er "Schönheit und Schrecken" des Ersten Weltkriegs schildert - immer erzählt er nah am einzelnen Schicksal und so lebendig, dass sich seine Sachbücher wie Romane lesen. Dabei basiert jeder Satz auf Fakten.

Dieses Erfolgsrezept geht auch im "Mord in der Sonntagsstraße" auf, dem neuen Buch von Peter Englund. Sich mit dem heute in Vergessenheit geratenen Kriminalfall von 1965 zu beschäftigen, habe ihn gereizt, sagt er in einem Interview, weil er die Welt seiner Kindheit neu sehen wollte - mit den Augen des Historikers.

Ein sozialhistorisches Panorama Schwedens

Ausgehend von der scheinbar idyllischen Nachbarschaft Skönstaholm zeichnet Peter Englund ein sozialhistorisches Panorama Schwedens. Beiläufig erfahren wir, wie in den Sechzigern Anti-Baby-Pille, immer mehr Fernseher und Autos die Gesellschaft verändern.

Wer den historischen Kontext vertiefen will, schlägt Details im Fußnotenverzeichnis nach. So fundiert wie hier präsentieren True-Crime-Bücher ihre Fakten leider nur selten. Und so minutiös und gleichzeitig hochspannend wie Peter Englund erzählt kaum ein anderer Autor von polizeilichen Ermittlungen.

Es gebe so viele Tatortfotos, Laborberichte, Vernehmungsprotokolle, dass er kein Detail habe erfinden müssen, schreibt der Historiker im Nachwort.

War der Mord geplant? 

Verstörend und gleichzeitig faszinierend lesen sich Auszüge aus den Notizen des Täters, mit denen jedes Kapitel des Buches beginnt. Als "zu kaufende Objekte" vermerkt der Mörder zum Beispiel "Pistole, Handschellen, Plastilinstöpsel" sowie eine Augenbinde und ein Hypnosebuch.

Plante er ursprünglich, Kickan nicht zu töten, sondern sie zu entführen und per Gehirnwäsche zu seiner Geliebten zu machen? So wie "Der Sammler" aus John Fowles’ gleichnamigem Kriminalroman, der 1965 in Schweden äußerst populär war?

Über Fakten und Fiktionen

"Fakten und Fiktion kommunizieren miteinander" - auf diese These kommt Peter Englund in seinem Buch mehrfach zurück. Zum Beispiel, wenn es um G.W. Larsson geht, den leitenden Ermittler im Mordfall Söndagsvägen 88: Er wurde zum Vorbild für Kommissar Beck in den schwedischen Krimi-Klassikern von Maj Sjöwall und Per Wahlöö.

Und der Versuch des Täters, sein Opfer mit einem Chloroform-getränkten Lappen zu betäuben? Ein Klischee aus Fernsehkrimis, das in der Realität nicht funktioniert hat. Schon eine leichte Überdosis Chloroform kann akutes Herzflimmern auslösen und zum Tod führen - so wie bei Kickan Granell.

Peter Englund: "Mord in der Sonntagsstraße"
Aus dem Schwedischen von Maike Barth
Rowohlt/ Hamburg 2020
336 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema

Der Krieg von ganz unten
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 10.11.2011)

Vielfalt der Perspektiven statt heroischem Realismus
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 06.05.2012)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Verteidigung einer ObsessionDer Lolita-Komplex
Schwarzweiss Fotografie von Sue Lyon in der Lolita-Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962. (Getty Images / Corbis / John Springer Collection)

Der Skandal gehört zur Kunst im 20. Jahrhundert wie die Sahne zur Torte. Der Bestseller „Lolita“ ist solch ein Tabubruch: Ein 37-Jähriger liebt eine Zwölfjährige. Das regte auf und wurde bewundert. Und heute - Machwerk oder Meisterwerk?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur