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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.06.2010

Perspektivwechsel

"Das Leben ein Traum (was sonst)" von Pedro Calderón de la Barca

Von Dina Netz

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Pedro Calderón de la Barca schrieb mit "Das Leben ein Traum" ein moralisches Lehrstück über den Menschen, der sich nicht gegen sein Schicksal auflehnen soll.   (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Pedro Calderón de la Barca schrieb mit "Das Leben ein Traum" ein moralisches Lehrstück über den Menschen, der sich nicht gegen sein Schicksal auflehnen soll. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Nicht nur im Fernsehen können wir im Moment ständig Seitenwechsel beobachten – in Köln geht das auch im Theater: Regisseur Jürgen Kruse fordert seine Zuschauer auf, in der Pause seiner Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas "Das Leben ein Traum" spiegelbildlich den Platz zu wechseln.

Und da Theaterzuschauer keine gut sortierte Mannschaft sind, klebt auf jedem Sessel eine Nummer mit dem Platz, den man später einzunehmen hat.

Dieser Perspektivwechsel wäre gar nicht nötig gewesen, denn auch von einem einzigen Theatersessel aus kann man nur mit Mühe alles erfassen. Bühnenbildner Franz Kopendorfer hat verschiedene Bühnensegmente gebaut: Links kraxelt Prinz Zygmunt (Jan-Peter Kampwirth) in seinem Turm-Gefängnis herum, wohin sein Königs-Vater ihn aufgrund einer bösen Prophezeiung gesperrt hat. Rechts haust der Hof, ein Metallgerüst bildet mehrere vollgerümpelte Zimmer, in einem liegt der König (Hartmut Stanke) im Sessel. An der Rampe zanken Rosaura (Anja Laïs) und ihr Diener Clarin (Simon Eckert), die nach Polen zurückkehren, um sich an Rosauras untreuem Geliebten Astolf (Maik Solbach) zu rächen.
Parallelwelten, die ja auch Zygmunt empfindet, als er zwischendurch versuchsweise zum König gemacht wird, scheitert und man ihm nachher sagt, alles sei nur ein Traum gewesen. Irgendwo sitzt jemand und kichert, jemand anders singt, manchmal werden Schwerter gewetzt, Musik eingespielt oder unterlegt – Augen und Ohren haben jede Menge zu tun. Diese Inszenierung überfordert die Sinne auf so aufregende Weise, dass man die ersten Minuten wie ein staunendes Kind mit offenem Mund dasitzt.

Man hat Zeit, sich an dieses Panoptikum zu gewöhnen, denn Jürgen Kruse braucht vier Stunden für seine Version von "Das Leben ein Traum". Dabei verzichtet er überwiegend auf die Zitate aus anderen (Dramen-)Texten, die seine Stücke sonst oft verlängern, sondern belässt es weitgehend, bis auf kurze Ausflüge in die Umgangssprache, beim Text des spanischen Barockdichters.

Pedro Calderón de la Barca schrieb mit "Das Leben ein Traum" ein bis heute häufig in seinem Sinne interpretiertes moralisches Lehrstück über den Menschen, der sich nicht gegen sein Schicksal auflehnen soll, sondern lieber "recht tun". Denn König Basilius führt dadurch, dass er seinen Sohn wegen der bösen Prophezeiung einsperrt, das vorhergesagte Unglück erst herbei.

Die Moral des Stücks hat Jürgen Kruse allerdings wenig interessiert: Sobald einer der Schauspieler zu einem ausschweifenden Monolog über seine Motive ansetzt, wird er von einem anderen mit einem lakonischen Zwischenruf gestoppt. Oder zwei fangen im Vordergrund an zu vögeln und lärmen dabei derart, dass des Königs Selbstrechtfertigungen kaum noch zu hören sind.

Die bei Calderón um richtiges moralisches Handeln und vor allem um ihre Ehre kämpfenden Figuren sind in Köln ein feiger, fauler, egoistischer Haufen. Jeder versucht, für sich das Beste rauszuholen. Ihre Moral ist am Ende, auch der am Schluss geläuterte Zygmunt setzt sich nur widerstrebend auf den übergroßen Thron. Aber wenn die Moral erst ruiniert ist, lebt es sich offenbar ganz ungeniert. Am Schluss tanzt das fabelhaft aufeinander abgestimmte Ensemble ausgelassen. Sie feiern das Leben - und das Theater. Denn das ist ja auch eine Art Traumwelt, in die man für ein paar Stunden verschwindet. In diesem Kölner Fall für vier geradezu rauschhafte Stunden.

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