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Zeitfragen | Beitrag vom 13.02.2020

Permanentes NachstellenZahl der Stalking-Fälle nimmt nicht ab

Von Carina Fron

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Die schwarzen Silhouetten eines Mannes und einer Frau sind durch ein Fenster zu sehen. (Unsplash / Mostafa Meraji)
Stalking-Opfer fänden noch immer nicht genügend Unterstützung, meint Wolf Ortiz-Müller von der Beratungsstelle “Stop Stalking”. (Unsplash / Mostafa Meraji)

Täter oder Täterinnen rufen ständig an, schreiben Nachrichten oder erstellen im Internet Fakeprofile. Der Stalking-Paragraph wurde 2017 zwar angepasst, die Fallzahlen nehmen aber nicht ab und Betroffene fühlen sich oft allein gelassen.

Laura wohnt in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt. Wer die Ende-20-Jährige besuchen will, muss erst einmal auf ihrem Handy anrufen. Die Klingel hat sie seit über einem Jahr ausgestellt. Nachdem ein Fremder, ohne ihre Zustimmung, in diversen sozialen Netzwerken immer wieder neue Profile von ihr angelegt hat. Mit ihren Fotos, ihrer Adresse und ihrer Handynummer.  

"Das dann relativ schnell zur Folge hatte, dass ich wirklich abends fremde Männer, die um 20 Uhr an meiner Tür geläutet haben und gesagt haben, sie seien mit mir verabredet, um mit mir in den Swinger-Club zu gehen." 

Laura wird seit über anderthalb Jahren gestalkt.  

"Stalking ist das unberechtigte Nachstellen einer Person über einen längeren Zeitraum." 

Nachgestellt wird persönlich und im Internet, erklärt Wolf Ortiz-Müller. Der Psychotherapeut leitet "Stop Stalking" – eine Berliner Beratungsstelle für Stalking-Opfer wie -Täter. Nicht selten kommen Täter hierher, weil sie hoffen eine Beratung wirkt sich positiv auf ihre Strafe aus.

Übrigens: Männer stalken zwar häufiger, weibliche Stalkerinnen gibt es aber auch. Dem Stalking geht eigentlich immer irgendeine Art von Beziehung voraus, sagt der Fachmann. Es gab vorher mal Dates oder es ist eine Kollegin oder ein Kollege, ein Freund. Oder Opfer und Täter hatten vielleicht sogar eine Liebesbeziehung.  

Täter und Täterinnen mit verletzten Gefühlen

"Und dann passieren in dieser Beziehung immer Kränkungen. Also jemand fühlt sich zurückgewiesen, jemand fühlt sich nicht verstanden, jemand fühlt sich schlecht behandelt. Und verstrickt sich dann leicht in eine innere Haltung: ‘Mir ist ein Unrecht geschehen’", sagt Wolf Ortiz-Müller.

"Na, ich gehe davon aus, dass es mein Ex-Freund ist. Da spricht alles dafür. Aber es ist halt leider nicht, einwandfrei polizeilich nachzuweisen", sagt Laura.

Um Laura zu schützen, habe ich ihren Namen und andere kleine Details verändert. Ihre Geschichte beginnt vor sechs Jahren. Als die heute 29-Jährige einen verheirateten Mann bei der Arbeit kennenlernt. 

"Ich war die heimliche Geliebte." Die Beziehung ist turbulent. Laura trennt sich regelmäßig. "Auch in der Beziehung war schon super viel Psychoterror mit bei."

Vor gut zwei Jahren dann die endgültige Trennung. Kurz darauf beginnen die anonymen Anrufe. Bis zu 60 Mal am Tag atmet jemand in den Hörer. Dann folgen anonyme Nachrichten, in denen kommentiert wird, was sie an hat, welchen Lippenstift sie trägt. Laura bekommt Angst, wendet sich mit ihrem Verdacht an die Polizei, dass ihr Ex-Freund hinter all dem steckt. 

"Dieser LKA-Sachbearbeiter sagte irgendwann zu mir: ‘Naja, er kann es nicht gewesen sein.’ Dann sag ich: ‘Warum denn nicht?!’ Und dann meinte er: ‘Ja, ich habe ja mit ihm gesprochen, er hat ja gesagt, dass er es nicht ist.’" 

Seitdem hat Laura sechs Anzeigen gestellt, bisher ohne Erfolg. Und damit ist sie kein Einzelfall: 

Betroffene fühlen sich zu wenig unterstützt

"Was uns auch schon überrascht hat ist, dass die Betroffenen auch 2018 sagen, dass sie eigentlich insbesondere auch von den Gerichten und von der Polizei eigentlich sich nicht ausreichend unterstützt fühlen."

Und das ist nur ein Ergebnis der Untersuchung von Harald Dreßing und seinem Team vom "Zentralinstitut für Seelische Gesundheit". Die Befragung fand im Auftrag vom "Weißen Ring" statt, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Die Forschenden haben dafür rund 2000 zufällig ausgewählte Personen in Mannheim einen Fragebogen zum Thema Stalking ausfüllen lassen.  

"10,8 Prozent der Stichprobe waren da von Stalking betroffen. Es ist also ein weitverbreitetes Phänomen." 

Immer noch: Denn 2003 gab es in Mannheim schon einmal eine solche Studie. Damals gaben 11,6 Prozent der Befragten an, schon einmal Opfer von Stalking geworden zu sein. Über die 15 Jahre zwischen den beiden Untersuchungen hat sich die Zahl also zumindest für Mannheim nicht wesentlich verändert.

"Es gibt ja auch internationale Studien aus anderen europäischen Ländern, die finden ganz ähnliche Prävalenzen. Insofern kann man es nicht eins zu eins einfach auf Deutschland übertragen, aber gibt sehr stichhaltige Argumente zu sagen, dass in dieser Größenordnung Stalking für ganz Deutschland in dieser Häufigkeit vorkommt", sagt Harald Dreßing. 

Es gibt nicht genügend Hilfsangebote

Erst seit 2007 ist Stalking strafbar. Das scheint Stalker nicht abzuschrecken. Deshalb müsste es mehr Hilfsangebote geben, für Täter und Opfer. Denn auch das hat die Mannheimer Studie gezeigt: Inzwischen suchen sich dort zwar immer mehr Opfer professionelle Hilfe, insgesamt betrachtet sind es allerdings nur ein Drittel der Betroffenen.

Und dass obwohl die gesundheitlichen Folgen von Stalking nicht unerheblich sind: Ängste, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Magenbeschwerden. Panikattacken bis hin zur Arbeitsunfähigkeit, sozialer Isolation, Depressionen und Selbstmordgedanken. Um die Opfer vor all dem zu schützen, muss es für die Täter bessere Hilfe geben, fordert Wolf Ortiz-Müller von der Beratungsstelle "Stop Stalking". 

"Wir wissen noch wenig, was genau die Täter brauchen. Wir, mit unserer Einrichtung, haben einen Ansatz gewählt, den wir auch selber evaluiert haben in verschiedenen Untersuchungen, die alle beschränkte Aussagen zulassen, dass wir sagen können, es gibt starke Hinweise dafür, dass genau so ein Beratungsvorgehen den Stalking-Tätern hilft." 

Neue App soll gegen Stalking helfen

Neben Gesprächen sollen die Täter unter anderem ein Tagebuch führen. Um zu lernen, welche Handlungen den Wunsch verstärken, der Person nachzustellen – und welche davon ablenken. Der Leiter vom "Weißen Ring", Jörg Ziercke, sieht noch ein anderes Problem. Laut Kriminalstatistik wurden 2018 zwar 19.000 Fälle von Stalking gemeldet, aber nur in einem Prozent der Fälle gab es ein Gerichtsurteil, sagt er.  

"Das Problem ist der Straftatbestand, das ist der Paragraph 238 im Strafgesetzbuch, da geht es um das sogenannte "beharrliche Nachstellen". Das zu beweisen, diese Beharrlichkeit, ist natürlich das Problem. Wobei man gleichzeitig den Nachweis führen muss, dass der psychische Druck, den man selbst erlitten hat, so sich unerträglich steigert, dass man dann von Stalking sprechen kann."  

Um besser Nachweise sammeln zu können, hat der "Weiße Ring" gerade eine kostenlose App veröffentlicht. Ihr Name: "No Stalk".  

"Diese App hat eine Foto-Funktion, eine Video-Funktion, eine Sprachaufnahme-Funktion. Man kann die ganz kleinen Spuren, dieses Mosaik, das sich als Tat zusammensetzt, dokumentieren", sagt Jörg Ziercke.

"Ich kann Menschen verstehen, die nicht weiter wissen"

Und mit diesen gesammelten Beweisen zur Polizei gehen. Ob das allerdings Erfolg hat, ist noch unklar. Laura hat zum Beispiel eine versteckte Kamera in einem Auto vor ihrem Haus installiert, und so sogar Bilder von ihrem Ex-Freund gemacht, wie er ihr Klingelschild abreißt. Was eine Zeit lang drei Mal täglich passierte.

Als Beweis konnten die Fotos dann aber nicht genutzt werden – weil solche versteckten Aufnahmen nicht erlaubt sind. Laura hat das Gefühl, dass trotz der vielen Angebote, die sie nutzt, ihr niemand wirklich helfen kann: Nicht der Psychologe, nicht die Beratungsstelle, nicht der Rechtsanwalt und auch nicht die Polizei.  

"Ich ärgere mich darüber, dass ich kleine Dinge verändert habe, dass ich nach rechts und links gucken, wenn ich aus dem Haus gehe. Aber ich weiß, dass ich mich schwarz ärgern würde, wenn ich deswegen nun umziehen würde oder irgendwie einen anderen Job annehmen würde. So viel Macht werde ich ihm sicherlich nicht geben." 

Seit 2017 muss sie das theoretisch auch nicht mehr. Da wurde der Paragraph zur Nachstellung noch einmal angepasst. Ein Umzug oder den Job zu wechseln sind nicht mehr unbedingt erforderlich, um zu beweisen, wie eingeschränkt ein Opfer sich durch Stalking fühlt. Doch das ist nur ein schwacher Trost.  

"Ich kann jetzt Menschen verstehen, die nicht mehr weiter wissen und vom Balkon springen… wo ich mir dachte, wenn ich meine Familie, meine Freunde, Kollegen, andere Vertraute nicht um mich herum hätte, dann hätte ich das vermutlich auch schon gemacht."  

Dennoch möchte die Berlinerin weiter stark sein und hofft darauf, dass ihr Stalker irgendwann aufgeben wird. 

"Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft allen Menschen, denen ich begegnen werde, genauso wieder offen und vertrauensvoll begegnen werde."

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