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Zeitfragen | Beitrag vom 08.10.2018

Per Rollenspiel in die DiktaturMacht und Ohnmacht als Selbsterfahrung

Von Jakob Schmidt

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Szene aus dem Rollenspiel "Inside": In einem dunklem Büro stehen sich zwei Frauen in Uniformen gegenüber, zwischen ihnen ein Schreibtisch. (Jakob Schmidt)
Im Atombunker herrscht eine strenge Hierarchie: In ihrem Büro sorgt "Bürger rot" dafür, dass alle folgen. (Jakob Schmidt)

Lassen sich spielend die Schrecken einer Diktatur erfahren und somit quasi aus erster Hand die Vorteile einer Demokratie vermitteln? Das versucht jedenfalls das Rollenspiel "Inside", das in einer futuristischen Science-Fiction-Diktatur spielt.

Ein düsterer Überwachungsstaat. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte stürzen sich auf eine Regimekritikerin. Schleifen sie in eine Gefängniszelle und bereiten sie für ihren Schauprozess vor. Niemand kommt ihr zu Hilfe. Alltag in der Diktatur:
 
"Wir nennen es: Real-Life-Experience. Das heißt, wir bauen ein Setting, ein Szenario, wie in einem Film oder einem Buch und lassen die Leute das für zweieinhalb Tage komplett echt erleben."

 Armin Saß ist einer der Köpfe hinter dem komplexen Rollenspiel.

"Die befinden sich in einer Location, die aufgebaut ist, wie das Setting, das wir bespielen, in einer Welt mit anderen Leuten. Die tragen diese Kleidung, die Möbel, es gibt Dokumente, Formulare, Propagandaposter, Musik, Ton. Alles ist aus einem Guss und man ist wirklich in der Welt und kann selbstwirksam in dieser Welt tatsächlich die Geschichte verändern."

Überleben im Bunker tief unter der Erde

Ein Atomkrieg hat die Menschheit nahezu ausgerottet. Wenige hundert Überlebende haben sich in einen Bunker tief unter der Erde gerettet. Das autoritäres, streng hierarchische Regime bestimmt mittlerweile den Alltag schon seit Jahrhunderten.

"In dem Setting, was wir schaffen, ist halt die Möglichkeit, weil so viel Druck da ist, so viel Stress da ist, dass die Leute sich ausprobieren können – und dann was über sich lernen. Insbesondere selbstständig sich mal ausliefern: Wie fühlt sich das an? Wie fühlt es sich an, mal Täter zu sein in einer simulierten Welt? Was macht es mit mir im Nachhinein, wenn ich das reflektiere? Also: Laufe ich Gefahr, wenn ich in einem System stecke, was mir die Macht gibt? Laufe ich Gefahr, dem zu folgen und dann wirklich so zu werden? Und wenn man das weiß, kann man auch dagegen arbeiten. Nur: Wenn es dann halt echt ist, ist es dann meistens zu spät."

"Das ist halt auch sowas, worauf wir hier sehr großen Wert legen, dass eine politische Bildung, sag ich jetzt mal, mit reinspielt."

Jorina Clara Hilsberg hat die Veranstaltung gemeinsam mit Armin Saß entwickelt.

Ein Plakat zeiget einen Menschen in Uniform neben der Aufschrift: "Bürger, arbeitet sorgfältig! Zeit haben wir ausreichend. Ressourcen sind knapp!" (Jakob Schmidt)Mit Plakaten werden die Bürger zur sorgfältigen Arbeit angehalten: Der Alltag in dem fiktiven Rollenspiel-Staat ist streng hierarchisch und autoritär. (Jakob Schmidt)

"Dass wir so ein Gesellschaftssystem halt gebaut haben, wo diese ganzen Sachen, die wir in unserer Gesellschaft halt auch haben, mit Exekutive, Legislative, Judikative, irgendwie vorkommen in irgendeiner Form. Wir hatten dann zum Beispiel die Situation, dass einer von der Verwaltung kam und sagte: Ein ganz hohes Tier in der Exekutive hat was gemacht, wofür ich ihn eigentlich bestrafen müsste. Aber ich kann das nicht. Weil, wenn der mir wegläuft, dann bin ich niemand mehr! Das geht nicht.  – Und diese Machtstrukturen gibt es in jeder Gesellschaft irgendwo, diese Form von Abhängigkeiten. Und das hier dann einfach mal erlebt zu haben, ist sehr viel intensiver und eindringlicher, als wenn man mal irgendwo irgendwie was darüber hört, dass das so vielleicht läuft."

Auf das Rollenspielwochenende haben sich die 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorher intensiv vorbereitet, Biografien für ihre Charaktere ausgearbeitet, die komplexen, meist absurden Gesetze der fiktiven Gesellschaft studiert. Jetzt folgen Sie – Tag und Nacht – ausschließlich der Logik ihrer Figuren. In strengen, farblich nach gesellschaftlichen Kasten sortieren Uniformen.

Die Decke der Zivilisation ist hauchdünn

"Platz machen für Bürger rot!" – "Ich bitte um absolute Ruhe! Für die Gemeinschaft!" – "Für das System!" – "Wegtreten!" – Unter ihnen ist auch Marina Weisband, ehemalige Politikerin der Piratenpartei. Im Rollenspiel heißt sie "Bürger rot"  – und ist der mit Abstand mächtigste Charakter.  

"Wir leben ja in einer sehr, sehr geschützten Welt in Deutschland. Ich finde es persönlich aber wichtig, uns selbst nochmal klarzumachen, dass die Decke der Zivilisation hauchdünn ist! Und ich finde es auch wichtig, dass der Mensch hin und wieder diese sehr starken Emotionen einfach erlebt, dass diese Adrenalinausschüttung physisch stattfindet."

Ihre Figur residiert in einem muffigen Raum am Ende eines langen Gangs im schwer zugänglichen Teil der Halle.

"Wir machen das Ganze mit großer Absicht sehr reflektiert. Wir haben in Workshops vorher Hoch-Status und Niedrig-Status-Spiel besprochen. Und auf diese Weise erfahren wir aus erster Hand die Vorteile eines demokratischen Systems. Denn das ist eine Erfahrung, die ich in der Welt da draußen viel gemacht habe. Die meisten Leute nehmen dieses demokratische System als vollkommen selbstverständlich. Das ist gefährlich! Denn wir verstehen gar nicht, wie viel wir uns erkämpft haben im letzten Jahrhundert."

"Ich habe nur Befehle befolgt"

"Ich wünsche ein sofortiges Urteil und ich wünsche ein Urteil, das der schwere angemessen ist. Es soll eine öffentliche Verhandlung durchgeführt werden!" – "Jawohl, Sir!" – "Ich erwarte ein entsprechendes Urteil." – "Beine auseinander, Hände an die Wand!"

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind erfahrene Rollenspieler. Für das Spiel gibt es klare Grenzen, die niemand überschreitet. Physische Gewalt wird nur angedeutet, mit vorher festgelegten Signalworten lassen sich Szenen abbrechen. Und Ina, eine psychologische Psychotherapeutin ist während der gesamten Spielzeit für Spieler ansprechbar.

Menschen in grauer Uniform umringen einen blutenden Menschen, um ihm zu helfen. (Jakob Schmidt)Ein Verletzter wird verarztet: In diesem Fall fließt nur Theater-Blut. Physische Gewalt wird während des Rollenspiels nur angedeutet. (Jakob Schmidt)
"Wir spielen gemeinsam! Es geht nicht darum, dass die Leute, die in character Machtpositionen innehaben, die anderen runtermachen und das halt einfach ausnutzen, sondern gerade die Personen, die Täter spielen, haben unglaubliche Verantwortung denen gegenüber, denen sie Spiel bieten, indem sie sie zu Opfern machen. Und es geht darum, dass wir uns immer bewusst machen, dass wir gerade gemeinsam ein Spiel gestalten. Und dass das nicht 'Wir gegen die' ist. Das ist super wichtig!"

Nach knapp 40 Stunden leitet ein Musikstück das Ende des Rollenspiels ein. Die straffe Hierarchie fällt in sich zusammen, die Teilnehmer streifen ihre militärischen Uniformen ab und fallen sich und den Organisatoren strahlend in die Arme.

"Bürger rot, ich wollt mich auch noch mal bei dir für das Spiel bedanken. Es hat so viel Spaß gemacht!"

Marina Weisband: "Es tut mir leid, dass ich dir misstraut habe. Gleichzeitig sollte ich das System stabil halten. Und ich habe versucht, das System stabil zu halten. Und ich habe nur Befehle befolgt."

Armin Saß: "Ja, das ist ein böser Satz in dem Zusammenhang. Ja, aber es funktioniert halt, nicht? Das ist krass."

Marina Weisband:  "Das System funktioniert. Das ist schlimm. Das macht mir ein bisschen Angst!"

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