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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.09.2010

Pendeln zwischen Tod und Humor

Der US-amerikanische Schriftsteller Joshua Ferris

Von Tobias Wenzel

Ferris' zweites Buch mache depressiv, beschwerten sich Leser im Internet.  (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Ferris' zweites Buch mache depressiv, beschwerten sich Leser im Internet. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

Sein Debüt "Wir waren unsterblich" beschreibt mit viel Komik eine Werbeagentur und machte den US-Amerikaner Joshua Ferris zum Bestsellerautor. In seinem zweiten Buch "Ins Freie" läuft ein Mann vor sich selbst davon. Ferris ist derzeit auf Lesereise in Deutschland.

Joshua Ferris liest aus seinem Roman "Ins Freie":
"'Was ist?', fragte sie. 'Tim, was hast du?' Er schob seinen Kopf unter die Arme, suchte Deckung. 'Tim?', sagte sie. Sie beugte sich vor und umklammerte ihn wie ein Ringer. 'Tim, was ist passiert?'"

Mit Tim stimmt etwas nicht. Der Held aus Joshua Ferris' zweitem Roman "Ins Freie" ist ein erfolgreicher Anwalt in New York. Er ist glücklich verheiratet. Aber plötzlich verlässt er sein Büro in Manhattan und läuft einfach los, wie ferngesteuert, immer gerade aus. Auch Joshua Ferris, ein schlanker Mann im ultramarinblauen Kapuzenpullover, läuft geradeaus: auf der langen Warren Street, die sich quer durch eine Kleinstadt zieht, zwei Zugstunden von New York City entfernt:

Joshua Ferris: "Willkommen in Hudson. Diese Stadt hat etwas Schizophrenes. Das hier ist die Hauptstraße. Hier liegen Kunstgalerien gleich neben Hähnchenbuden. Ich wohne auch in Brooklyn, aber da habe ich immer das Gefühl, betrunken oder verkatert zu sein. Ich muss mich selbst den Versuchungen New Yorks entziehen, um arbeiten zu können. Deshalb ist mir Hudson lieber."

Joshua Ferris wurde 1974 im Bundesstaat Illinois geboren und wuchs in Key West in Florida auf. Mit sieben, acht Jahren schrieb er Abenteuergeschichten, außerdem Parodien auf Hitchcock-Werke, erzählt er, während er mit dem Finger seine Hornbrille zurechtrückt und auf einen Springbrunnen blickt:

"Meine Eltern haben nicht gelesen. In einem Buchladen habe ich mit neun oder zehn Jahren meine Mutter mal nach einem Roman von Hemingway gefragt. Sie meinte, der würde mich nur langweilen. Ich weiß nicht, ob sie das wirklich glaubte oder ob sie es nur sagte, weil sie Angst davor hatte, ich könnte dort auf Schimpfwörter stoßen. Meine Eltern haben mich später immer in meinem Schreiben unterstützt, allerdings ohne daran irgendwelche Hoffnungen zu knüpfen."

2007 aber wurde Joshua Ferris mit seinem Debüt "Wir waren unsterblich" zum Bestsellerautor und schlagartig bekannt. Ein in der "Wir"-Form verfasster meist komischer Roman über eine Werbeagentur. In einer solchen Agentur hatte auch Ferris nach seinem Studium der Anglistik und Philosophie gearbeitet, vermisst heute an diesem Job allerdings nur noch das Gemeinschaftsgefühl und gewisse Kollegen. Wann würde er, Joshua Ferris, vermisst, wenn er wie die Hauptfigur seines zweiten Romans immer weiter geradeaus liefe?

Joshua Ferris: "Nach 24 Stunden würden sich einige Sorgen machen. Gerade liegt meine Frau mit einer Erkältung im Bett in Brooklyn und hat eigene Sorgen. Aber sie würde sich wohl wundern, warum ich sie weder zurückrufe noch auf ihre E-Mails reagiere. Morgen um dieselbe Zeit würden spätestens meine Mutter und mein Vater anrufen, dann mein Agent, mein Lektor und meine Freunde. Innerhalb von 48 Stunden würden sie dann wohl einen Suchtrupp schicken."

Joshua Ferris hat genau davor Angst, dass sein eigenes Glück, das mit seiner Frau, einer Anwältin, und ihrem gemeinsamen jungen Sohn, von einem auf den anderen Tag vorbei sein könnte. Sein Roman "Ins Freie" stellt nicht zufällig grundsätzliche Fragen: Was ist wirklich von Bedeutung im Leben? Und wie geht man mit dem Sterben, dem Tod um?

Joshua Ferris: "Es ist wohl kein Tag vergangen, an dem ich nicht über den Tod, seine Bedeutung, seine Sinnlosigkeit nachgedacht hätte. Solange ich zurückdenken kann. Ich bin jetzt kein morbider Typ. Das ist wohl Veranlagung. Der Tod hilft einem, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Bringt man den Tod in ein Gesprächsthema ein, verändert er oft den Blick auf dieses Thema, so unbedeutend das Thema auch sein mag."

Nachdenklich wirkt Joshua Ferris, wie er da so sitzt, auf der Bank vor dem Springbrunnen in Hudson. Aber kurz darauf kommt er wieder auf: sein unverwechselbarer Humor. So ist es auch in seinem Schreiben. Sein Debüt über das Büroleben ist äußerst komisch und ein wenig tragisch. Der neue Roman "Ins Freie" ist, umgekehrt spiegelbildlich, äußerst tragisch und manchmal ein wenig komisch. Bei dem Autor, der sich selbst als rastlos beschreibt, kann deshalb nur Tragikomik aufkommen angesichts der Frage, ob er vielleicht auch noch im hohen Alter hier auf der Bank vor dem Springbrunnen in Hudson sitzt:

Joshua Ferris: "Wenn ich hier in Hudson sterben müsste, wäre ich sehr traurig, während der letzte Hauch meinen Lungen entweicht. (lacht) Um das klarzustellen: Ich mag Hudson. Aber wenn ich hier immer noch mit 70 oder 80 Jahren bin, dann ist aber so einiges richtig schiefgelaufen."

Service:
Am 13. September 2010 beginnt Joshua Ferris seine Lesereise durch Deutschland im Mousonturm in Frankfurt. Weitere Orte und Termine: Leipzig (14.9.), Stuttgart (15.9.), Berlin (16.9.) und Hamburg (17.9.).

Joshua Ferris: "Ins Freie"
Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay
Luchterhand Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

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