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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.05.2016

"Pelléas et Mélisande" in ZürichDebussy mit der russischen Brechstange

Von Roger Cahn

Der russische Regisseur Dmitri Tscherniakow (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)
Der russische Regisseur Dmitri Tscherniakow (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)

Der Regisseur Dmitri Tscherniakow will Oper mit Leuten von heute für Leute von heute produzieren. Ob dafür "Pelléas et Mélisande", dieses zentrale Werk von Symbolismus und Impressionismus, ein "geeignetes Opfer" ist, muss nach der Premiere in Zürich infrage gestellt werden.

Noch bevor die Oper beginnt, sieht man Golaud eine am ganzen Körper zitternde Mélisande zu sich nach Hause bringen. Eingeblendet die Erklärung: Der Psychiater Golaud bringt seine traumatisierte Patientin, in die er sich verliebt hat, zur weiteren Therapie nach Hause. Damit nimmt Tscherniakow dem Werk, das von einem zauberhaften weiblichen Wesen handelt, von dem niemand weiß, wer sie ist und woher sie stammt, bereits den ganzen Charme.

Mélisande – eine Misshandelte, eine Drogensüchtige? Voilà la vérité. Und damit landet die Oper dort, wo weder Maurice Maeterlink noch Claude Debussy sie haben wollten. Beim Verismo, beim Realismus.

Aus dieser Warte inszeniert, darf Golaud seinen Bruder nicht ermorden und Mélisande nicht an den Folgen der Geburt ihres Kindes sterben. Folgerichtig reist Pelléas am Ende des 4. Akts ab und Mélisande begeht im 5. Akt Selbstmord. Zwei massive Eingriffe ins Libretto.

Cholerische Ausbrüche und endloses Geschwätz

Also: Alles vergessen, was man über "Pelléas et Mélisande" weiß und sich auf das Experiment des jungen Russen einlassen. Wer das schafft, erlebt einen spannenden Opernabend. Denn die Geschichte der beiden Psychiater Golaud und Pelléas, die sich um die Therapie von Mélisande kümmern, gewinnt je länger der Abend ihren eigenen Reiz.

Während Golaud mit Hypnose arbeitet, versucht es Pelléas mit uferlosen psychoanalytischen Gesprächen. Während Golaud zu cholerischen Ausbrüchen – auch gegen seinen Sohn Yniold – neigt, verliert sich Pelléas in endlosem Geschwätz. Man hat das Gefühl, er gehe Mélisande manchmal echt auf den Wecker. Wo bleibt da die Liebe? – Wohl in der Musik.

Dass es trotz allem ein französischer Opernabend bleibt, verdankt die Produktion dem Dirigenten Alain Altinoglu – dem einzigen Franzosen in dieser Produktion. Sein Orchester spielt transparent und elegant, die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne folgen mit entsprechendem Ausdruck und Timbre.

Allen voran Corinne Winters, die auch als unscheinbare Drogensüchtige in jedem Moment die Faszination einer ganz aussergewöhnlichen Frau ausstrahlt.

Fazit: Eigentlich hat hier die Regie die Grenze des Tolerierbaren überschritten – die starke Musik von Claude Debussy hat auch dieses "Vergehen" überlebt.

"Pelléas et Mélisande"
Oper von Claude Debussy
Aufführung am Opernhaus Zürich
Regie: Dmitri Tscherniakow 
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu

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